Ein Tag in der JVA Bielefeld-Brackwede - © Alexander Lange
Ein Tag in der JVA Bielefeld-Brackwede | © Alexander Lange

Bielefeld-Brackwede Ein Tag mit Terroristen und Mördern: NW-Volontär lässt sich im Gefängnis einschließen

Die NW hat acht Mitarbeiter des Gefängnisses bei ihrer täglichen Arbeit begleitet. Sie berichten von schweren Schicksalen, von unverständlichen Taten, von Hoffnungen und Hoffnungslosigkeit

Alexander Lange

Bielefeld-Brackwede. Meterhohe Mauern, vier Wachtürme, große Tore und an jeder Tür ein Schloss: Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Brackwede zählt zu den sichersten Gefängnissen in NRW. Seit 25 Jahren gab es keine Ausbrüche, mehr als 500 Männer und Frauen sind dort aktuell inhaftiert - aufgeteilt nach Schwere der Verbrechen, Geschlecht und aktuellem Gefahrenpotenzial: Massenmörder, Terroristen, Sexualstraftäter.Etwa 200 von ihnen arbeiten nebenbei in den Betrieben der JVA, verdienen sich so ihr Geld für Extra-Lebensmittel, TV-Geräte oder Spielekonsolen. Eine Maßnahme, um sie auf ein "Leben nach der JVA" vorzubereiten. Einige sind nur für wenige Tage dort, andere verbringen ihr halbes Leben in ihrer Zelle. NW-Volontär Alexander Lange hat 16 Stunden hinter Gittern verbracht. Leben in Haft Thomas Bartels ist ein alter Hase in der JVA. "Dieses Jahr feiere ich 25-Jähriges", erklärt der Justizvollzugsbeamte. In Haus 1 überwacht er die "intern offene Abteilung", wie sie im Fachjargon heißt. "Etwas Besonderes", sagt Bartels. Denn in dieser Abteilung sind die Zelltüren tagsüber offen, die Gefangenen können ihre vier Wände jederzeit verlassen, bleiben in der Gesamtabteilung aber eingeschlossen. Doch nur wer sich im Knastalltag benimmt, kommt hierhin. Der Bewegungsfreiraum soll der Gemeinschaftlichkeit und der Resozialisierung dienen. "Die soziale Interaktion hier ist wichtig. Seitdem ich hier arbeite, weiß ich von keinem nennenswerten Zwischenfall", sagt Thomas Bartels, der sich selber als "direkter Typ - ohne Blatt vor dem Mund" beschreibt. Das helfe bei der Arbeit als JVA-Beamter, verschaffe ihm Respekt bei den Gefangenen. Denn: "Die Mentalität der Gefangenen hat sich verändert." Das hänge häufig mit der Drogensucht der Inhaftierten zusammen: "Die Gewaltbereitschaft und die Respektlosigkeit uns gegenüber ist stark angestiegen", sagt er. Haftraumkontrolle Wenn Randolf Bendig zur Arbeit kommt, ist es noch stockdunkel. Als Teil des Frühdienstes der JVA weckt er die Gefangenen um 5.30 Uhr, ehe es anschließend Frühstück gibt. Die Gefangenen in seiner Abteilung kennt Bendig alle mit Namen. "Und ja, ihre Verbrechen kennen wir meistens auch", erklärt er: "Hier ist keiner, weil er einen Kaffeebecher umgeworfen hat." Wenn die Gefangenen von morgens bis nachmittags arbeiten, werden die Zellen kontrolliert. Besteht erhöhter Verdacht auf verbotene Gegenstände, kommt der Revisionstrupp: "Die krempeln innerhalb von 1,5 Stunden alles um." Beliebte Verstecke seien in der Toilette, unterm Waschbecken oder hinter dem Kleiderschrank. Manche verstecken dort Handys, andere Drogen oder selbstgebaute Waffen. Die Zeit im Gefängnis mache kreativ, sagt Bendig: "Man schaut den Leuten immer nur vor den Kopf." Um mit ihren Familie Kontakt zu halten, dürfen die Gefangenen regelmäßig Briefe schreiben. "Wir lesen die natürlich zur Kontrolle", sagt Bendig. Verstecke Botschaften gebe es dabei immer wieder: "Zum Beispiel, wenn jedes fünfte Wort im Brief in Italienisch geschrieben wird, da klingeln die Alarmglocken." Sich in die Köpfe der Gefangenen hineinzuversetzen, fällt Bendig in vielen Fällen aber schwer. "Einige, die hier lebenslänglich für Mord sitzen, kamen, als noch VW-Käfer auf den Straßen fuhren", erzählt Bendig: "Und wenn die rauskommen, dann sehen sie riesige Geländewagen und Elektroautos - für viele unvorstellbar." Krankenversorgung Susanne Möckel ist die Leiterin des Krankenpflegedienstes. Mit zahlreichen Mitarbeitern und einem hauptamtlichen Gefängnisarzt kümmert sie sich um die medizinische Versorgung der Gefangenen. Ob Zahnschmerzen, Rückenprobleme, Erkältungen oder Wunden - "wir behandeln jeden gleich, auch wenn wir viele Taten einfach nicht verstehen können." Besonderheit gegenüber gewöhnlichen Arztpraxen: die Methadonausgabe. Methadon, mit Saft verdünnt, wird den Heroin-Abhängigen der JVA verabreicht. "Das blockiert das ständige Suchtgefühl", sagt Möckel: "Die Entzugserscheinungen bei den Gefangenen sind sonst extrem: Bluthochdruck, Zittern, Erbrechen." Die Quote der Drogenabhängigen im Knast sei hoch, die Zusammenarbeit mit Suchtberatungen "draußen" deshalb wichtiger denn je: "Aber viele, die die JVA verlassen, sagen nicht ,Tschüss?, sondern nur ,Bis bald?. Das macht mich manchmal traurig." Sozialarbeit Jennifer Tönismann trägt keine Uniform. Sie ist keine Justizbeamtin, sondern Sozialarbeiterin. Sie kümmert sich um die Belange der Gefangenen, um Sorgen und Wünsche. Tönismann informiert die Angehörigen über Inhaftierungen, spricht mit Gefangenen über Verbrechen, Verarbeitung und Zukunft: "Viele kommen zu mir, weil sie sich Sorgen um ihre Familie machen, weil sie ihre Kinder sehen wollen, oder weil sie einfach jemanden zum Sprechen brauchen. Trotz der vielen Insassen ist der Knast ziemlich einsam." Vieles, was Tönismann am Tag erlebt, muss sie am Abend verarbeiten. "Für mich ist die Autofahrt in den Feierabend eine Art Seelenhygiene", erzählt sie. Jedes Schicksal an sich heranlassen kann und will die junge Mutter aber nicht: "Ich bin auch nur als Mensch hier. Ich will Hilfe zur Selbsthilfe leisten, aber viele Gefangene verdrängen das, was sie getan haben. Viele brechen zusammen, wenn sie das auf sich einlassen, was passiert ist." Warum sie sich für diesen Beruf entschieden hat? "Ich brauche die Extreme. Und ich will dabei authentisch, ehrlich und zuverlässig sein. Arbeitest du hier mit den Gefangenen von oben herab, hast du keine Chance, an sie heranzukommen." Gefängnisküche "Wenn man hier arbeitet, kann man schnell vergessen, dass man im Knast ist", sagt Doris Schnitker. Sie ist die stellvertretende Küchenleiterin in der JVA, bereitet gemeinsam mit 30 Gefangenen täglich 950 Essen zu. "Hier unten erinnert nichts an ein Gefängnis, das ist im Grunde wie eine gewöhnliche Großküche." Zwischen 10 und 11 Uhr bekommen die Gefangenen ihr Mittagessen. Es gibt vegetarische Speisen, Menüs für Muslime und für Kranke. Dass in der Küche Mörder mit Messern arbeiten, macht Schnitker aber keine Angst: "Nein, Bedenken hatte ich nie, es ist auch noch nie etwas Ernstes passiert." Besonders sei in jeweils die Adventszeit. Dann werden Plätzchen gebacken, an Heiligabend gibt es ein besonders aufwendiges Menü: "Viele denken in dieser Zeit natürlich an zuhause. Selbst die Harten werden dann sentimental." Gehirn der JVA In der Zentrale der JVA sitzt Gabi Lohmann. Sie ist die "Diensthabende", koordiniert gemeinsam mit Thorben Nasse und Viktor Wenning das "Gehirn des Gefängnisses". Sie überblicken alle Abläufe, haben Kamera-Einsicht auf besondere "Härtefälle", überprüfen, wer kommt und wer geht: "Hier läuft alles zusammen." Sie wissen genau, welcher Gefangene in welchem Haftraum sitzt. Häufig brauche es bei der Arbeit ein "dickes Fell", sagen die drei. Thorben Nasse: "Wenn du heute eine Uniform trägst, ist das kein Zeichen mehr, womit du Respekt erntest. Du bis vielmehr zur Zielscheibe geworden." Der Anstaltsalltag sei extremer geworden, das Klientel schwieriger. "In diesem Land muss eigentlich niemand klauen", erzählt Nasse mit Blick auf die Anzahl der Gefangenen: "Wir sind quasi überbelegt." Ein Häftling koste den Steuerzahler etwa 90 Euro pro Tag. Benötigt der Gefangene eine Krankenhausbehandlung, können daraus schnell 300 bis 400 Euro werden. Die Delikte reichen von Raub bis Kindesmissbrauch. "In viele der Leute, die hier ankommen, verlierst du die Hoffnung", sagt Nasse.

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