In der Region ist die Anzahl der wohnungslosen Menschen seit 2012 angestiegen. - © dpa
In der Region ist die Anzahl der wohnungslosen Menschen seit 2012 angestiegen. | © dpa

Statistik Obdachlosigkeit in Ostwestfalen-Lippe seit 2012 gestiegen

Ein Grund: Zu wenige Sozialwohnungen

Elena Gunkel

OWL. Die Anzahl der wohnungslosen Menschen in der Region ist seit 2012 um rund 23 Prozent gestiegen. Vor allem in den Wintermonaten haben es die Menschen ohne eigene Bleibe schwer. Seit 1995 erfasst NRW systematisch die Zahl der Obdachlosen. Nach Angaben des Landesministeriums für Arbeit, Integration und Soziales sind in OWL aktuell 1.671 Menschen von der Wohnungslosigkeit betroffen, NRW-weit sind es 21.065 Personen. Dabei ist das Problem in den Großstädten wesentlich breiter vertreten als in kleineren Kommunen und auf dem Land. Das zeigt auch ein Blick auf die beiden folgenden Diagramme. Die Beschreibung zu den beiden interaktiven Grafiken finden Sie jeweils darunter: Während in Bielefeld 859 Obdachlose gemeldet sind, liegt diese Zahl im Kreis Höxter bei „nur" 20 Personen: Sozialer Wohnraum ist knapp Wie das Landesministerium für Arbeit, Integration und Soziales mitteilt, haben sich 2014 mehr Einrichtungen in freier Trägerschaft an der Datenerhebung zu den Obdachlosenzahlen beteiligt. Deswegen fällt die Zahl der erfassten Wohnungslosen gegenüber dem Vorjahr NRW-weit deutlich höher aus. Doch nicht nur das ist der Grund für den Anstieg der Obdachlosenzahlen in den vergangenen Jahren. Bethel Regional ist neben der Diakonie und der Kommune einer der wichtigsten Träger der Wohnungslosenhilfe in Bielefeld. „Seit 2010 nimmt die Zahl der Obdachlosen nicht nur in NRW, sondern auch bundesweit zu", sagt Joachim Scholz von Bethel Regional. Unter anderem sei diese Entwicklung auf die Situation auf dem Wohnungsmarkt zurückzuführen. Seit Jahren sei der Sozialwohnungsbau, insbesondere in den Ballungsräumen, vernachlässigt worden. Als Ergebnis können heute Menschen, die ein geringes Einkommen und damit den Anspruch auf eine Sozialwohnung haben, oft keinen bezahlbaren Wohnraum bekommen. Auf der nächsten Seite lesen Sie: Warum in Großstädten mehr Obdachlose leben, wer ihnen hilft und warum immer mehr junge Menschen wohnungslos sind Anonymität der Großstadt Viele obdachlose Menschen schämen sich für ihre Situation und bemühen sich, nicht als wohnungslos erkannt zu werden. „In einer Großstadt fällt es ihnen leichter, in der Menschenmasse nicht aufzufallen", sagt die Bielefelder Sozialamtsleiterin Susanne Schulz. „Darüber hinaus gibt es in den Großstädten mehr Hilfsangebote für wohnungslose Menschen." In Bielefeld sind es unter andrem stationäre und teilstationäre Betreuungsmöglichkeiten sowie ambulante Versorgung. Der Verein Bielefelder Tisch wiederum bietet wohnungslosen Menschen täglich warme Mahlzeiten an und der Dienst Streetmed kümmert sich um ihre medizinische Versorgung. Michael Stickeln ist Bürgermeister der Stadt Warbung und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Bürgermeister im Kreis Höxter. Die Tatsache, dass relativ wenige Obdachlose im Kreis Höxter leben, habe aus seiner Sicht mehrere Gründe. „Einerseits leben die Menschen in unserem ländlichen Bereich in einem gefestigten sozialen Umfeld, so dass bei drohendem Verlust der Wohnung die Familie oder auch Freunde kurzfristig Hilfestellungen leisten können." Andererseits seien im Kreis Höxter mit seinen eher kleineren Städten und Gemeinden ausreichende und finanzierbare Wohnungsangebote vorhanden, anders als in den meisten Großstädten. Höxter ist der einzige Kreis in OWL, in dem freie Träger der Wohnungslosenhilfe nicht aktiv sind. Da die Unterbringung obdachloser Menschen finanziell für die Kommunen tragbar sei, sei die Unterstützung von freien Trägern in diesem Bereich nicht erforderlich, so Stickeln. Bahnhofsmission Mit welchen Schwierigkeiten Obdachlose zu kämpfen haben, weiß Marcel Bohnenkamp von der Bahnhofsmission Bielefeld aus Erfahrung. Nach seinen Angaben haben die Helfer der Bahnhofsmission täglich mit rund 50 obdachlosen Menschen zu tun. Einige der Betroffenen haben eine Meldeadresse und bekommen finanzielle Unterstützung vom Staat wie zum Beispiel Hartz-IV-Leistungen, erklärt Bohnenkamp. „Doch am Monatsende geht vielen das Geld aus, so dass sie öfter zu uns kommen." Wo genau wohnungslose Menschen übernachten, verrate hingegen niemand. „Hier geht es um die eigene Sicherheit", sagt Bohnenkamp. Eins steht aber fest: Im Winter haben sie weniger Möglichkeiten, einen geeigneten Schlafplatz zu finden, daher steige der Unterstützungsbedarf in der kalten Jahreszeit erheblich. Junge Obdachlose Rund 35 Prozent der Obdachlosen in NRW, die von den Kommunen betreut werden, sind Kinder oder junge Erwachsene im Alter bis 35 Jahren. Frank Schlömann ist Abteilungsleiter für Wohnen, Integration, Soziales in der Verwaltung der Stadt Herford. Nach seinen Angaben ist die Zahl der jüngeren Wohnungslosen in den vergangenen Jahren angestiegen. Mögliche Gründe hierfür seien eine Beendigung der Heimunterbringung, Probleme im Elternhaus, eingeschränkte intellektuelle Fähigkeiten (zum Beispiel kein Schulabschluss), fehlende Ausbildungsstelle, Alkohol- und Drogenkonsum sowie psychische Belastungen.

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