Das neue Album ist da: Sido. - © Murat Aslan
Das neue Album ist da: Sido. | © Murat Aslan

Interview Sido: „Meine Musik ist für mich 
wie Therapie“

Der Rapper im Interview über Images, Anerkennung und Flüchtlinge

Oliver Herold

Bielefeld. Sido ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Vertreter des deutschen Hip Hop. Seine Fans schätzen vor allem seine Authentizität und Ehrlichkeit. Anfang September hat er sein sechstes Studioalbum veröffentlicht. Sido, Sie haben in den vergangenen Jahren einen krassen Imagewechsel hinter sich gebracht: vom maskierten Ghetto-Rüpel-Rapper aus dem Märkischen Viertel zum Schwiegermutterliebling. Was ist passiert? Sido: Imagewechsel würde ich es nicht nennen. Meine Lebensumstände haben sich geändert, ich habe eine Familie, bin erwachsen geworden. Das bringt eine gewisse Veränderung mit sich. Würde ich noch genauso rappen wie mit Anfang 20, wäre es ich unglaubwürdig. Es wäre nicht echt. Und es ist mein Anspruch, echt und authentisch zu sein. Das Rüpel-Rapper-Image haftet Ihnen aber nach wie vor an . . . Sido Das, was die Medien am liebsten über mich schreiben, sind meine Skandale. Skandale geben nun mal die besten Headlines ab, genauso wie Anzüglichkeiten. Ein Beispiel: Meine Frau hat vor Jahren mal in der TV-Sendung „SOS-Heimwerker“ mitgemacht. Seitdem wird sie in allen Zeitungen „die Hammerbraut“ genannt. Seit acht Jahren! Ihre Texte und öffentlichen Äußerungen sind überwiegend sozial- und gesellschaftskritisch, mit eindeutigen politischen Statements halten Sie sich aber zurück. Warum? Sido: Finde ich nicht, im Gegenteil. Mein aktuelles Album ist das bisher politischste. Ich rappe beispielsweise über die vermeintlichen Probleme der Reichen oder darüber, dass auch aus jungen Menschen, die aus sozialen Brennpunkten kommen, etwas werden kann. Auch die Flüchtlingsprobleme thematisiere ich. Allerdings geht es dabei nicht um Problemlösungen. Dafür sind die Politiker zuständig. Aber sind es nicht gerade die Politiker, die bei den Lösungen versagen? Und ist dieses Versagen, wie aktuell beim Thema Flüchtlinge, nicht gefährlich, weil sich in der Gesellschaft etwas sehr Explosives aufstauen könnte? Sido: Die Zeit des Aufstauens ist längst vorbei. Es zündelt und explodiert doch gerade, wie man an Orten wie Heidenau sehen kann. Und natürlich ist das gefährlich, weil die Stimmen in den Medien plötzlich viel Gewicht bekommen, obwohl sie eine Minderheit sind. Was fehlt, sind die vielen Stimmen, die sagen: „Refugees welcome!“ Diese Stimmen müssen viel lauter werden. Interessanterweise sind es vor allem Promis wie Til Schweiger, Joko und Klaas oder auch ich, die sich öffentlich für Flüchtlinge aussprechen. Die Stimme, die sagt, „Holt sie hier rein und helft ihnen“, ist momentan noch viel zu leise. Als Sie selbst 1988 mit Ihrer Mutter als Flüchtling aus der DDR nach West-Berlin gekommen sind, waren Sie acht Jahre alt. Sehen Sie die Migrations- und Integrationspolitik der Bundesrepublik als gescheitert an? Sido: Damals nicht. Natürlich hatte man es als Ossi im Westen nicht ganz einfach, vor allem in der Schule. Aber integriert wurden wir damals, definitiv. Man hat sich um uns gekümmert. Das hat damals besser funktioniert. Warum denn? Sido: Keine Ahnung. Vielleicht weil wir Deutsche waren und man seinem eigenen Volk eher hilft? Empathie zu zeigen und soziale Verantwortung zu übernehmen sind Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft immer seltener werden ... Sido: Immer mehr Menschen, immer mehr Egos. Man kümmert sich mittlerweile fast nur noch um sich selbst. Natürlich ist das eine Erziehungssache. Aber nicht nur die Familie erzieht, auch das soziale Umfeld und die Medien. Vor allem die letzten beiden fördern in erster Linie eher das Ego. Bei Ihnen ist das anders, Sie sagen von sich, Sie seien ein guter Mensch. Was macht Sie dazu? Sido: Wenn ich mit jemandem Probleme habe, versuche ich immer, mich in die Situation des anderen hineinzuversetzen und die Situation zu hinterfragen. Vielleicht habe ich etwas gemacht, was den anderen beleidigt hat. Das kläre ich am liebsten sofort. Außerdem bin ich sehr sozial, ich helfe Leuten gern. In Ihren Songs erzählen Sie häufig Geschichten, die Sie selbst erlebt haben. Ist Musik für Sie so etwas wie eine öffentliche Supervision? Sido: Meine Musik ist für mich wie Therapie, in der ich über Dinge spreche, die mich beschäftigen. Zum Beispiel singe ich über den Tod und darüber, dass ich nicht sterben möchte. Bis vor kurzem war das für mich kein Thema, ich dachte immer: Egal, wenn du tot bist, bist du tot. Das hat vielleicht auch etwas mit dem Älterwerden zu tun. Heute freue ich mich, morgens zeitig aufzustehen und meinen Sohn lächeln zu sehen. Und ich freue mich auf meine Frau. Ich habe das Leben lieben gelernt. Deshalb mache ich mir Gedanken über den Tod – und diese Gedanken verarbeite ich in meinen Songs. In Ihren Songs ziehen Sie auch immer Bilanz über Ihr bisheriges Leben. Wie fällt diese mit einem Satz aus? Sido: Ich habe meine Schäfchen im Trockenen, ich habe den Kreis um mich größer gezogen, und jetzt schaue ich, was da so los ist. Was ist Ihnen wichtig? Sido: Am allerwichtgsten für mich ist meine Familie und dass es uns gut geht. Natürlich mache ich mir auch Gedanken über die Welt und die ganze Ungerechtigkeit. Aber das ist wie gegen Windmühlen kämpfen. In meiner Position kann ich auf Probleme aufmerksam machen und die Leute darauf stoßen. Natürlich liegen hier meine moralischen und ethischen Vorstellungen zugrunde, aber ich finde, das sind nicht die schlechtesten! Ich glaube an das Gute im Menschen und daran, dass jeder letztlich dieselbe Moralvorstellung hat und weiß, was gut und was schlecht ist. Glauben Sie an den Kapitalismus? Sido: Ich glaube eher an eine Form von Kommunismus. Kommunismus ist vielleicht das Einzige, was die großen Probleme dieser Welt lösen könnte. Wir müssen lernen, unsere Bedürfnisse runterzuschrauben und von dem zu leben, was tatsächlich vorhanden ist. Es ist falsch, in den Supermarkt zu gehen und irgendwas zu kaufen, das man nicht braucht, nur, weil es angeboten wird. Das geht zu Lasten der Umwelt und zu Lasten von anderen, auf deren Kosten wir leben. Aber leben wir nicht gerade in einer Zeit, in der die Gesellschaft immer asozialer statt sozialer wird? Sido: Das stimmt. Den Menschen werden Werte suggeriert, die angeblich wichtig sind für ihr Leben und ihr Dasein, die aber bei genauer Betrachtung absolut unwichtig sind. Viele zwingt das zu Egoismus und Unmenschlichkeit. Brauchen wir auch eine neue Form der Solidarität? Sido: Mitgefühl finde ich wichtiger denn je. Es ist das, was bei der Flüchtlingsproblematik helfen würde. Man kann mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass irgendwelche Rechten ein Haus abbrennen würden, wenn sie sich bewusst wären, dass dort Menschen leben, die vor Krieg geflüchtet sind, die Angst hatten zu verhungern oder dass ihre Familie stirbt. Wie wichtig sind Ihnen Statussymbole? Sido: Anfangs waren sie mir wichtig, das ist ein Teil von Hip Hop. Ich habe aber schnell gemerkt, dass das affig ist. Die Kette beispielsweise, die ich auf dem Cover meines aktuellen Albums trage, habe ich mir von meinem ersten Geld gekauft, weil ich der Meinung war, ein Rapper braucht eine Kette. Die war nicht mal teuer und ich trage sie immer noch. Ansonsten gebe ich kein Geld für Schrott aus. Unser Haus ist nicht größer, als es sein muss. Wir passen alle rein, jeder hat sein Zimmer. Es könnte dreimal so groß sein, aber wir brauchen das nicht, wir finden das Unsinn. Was hält Sie am Boden? Sido: Meine Vergangenheit. Ich habe mal darüber philosophiert, was das sein könnte: Weil ich aus der Scheiße komme, ich kenne das alles aus erster Hand. Sie haben nie dieses typische Hip-Hop-Bling-Bling-Gangster-Image vertreten, sondern immer gesagt, Sie seien nur „der Junge von der Straße“. Warum? Sido: Ich bin kein Gangster, und ich war es auch nie. Die Gangster waren die, die damals im Viertel angesehen waren. Ich war ein Rapper, dazu noch einer, der es auf Deutsch macht. Das fanden die meisten im Viertel total lächerlich. Irgendwie komisch: Ich war im Viertel nie angesehen, weil ich nicht krass genug war, und bin jetzt dort, wo ich wohne, nicht angesehen, weil ich zu krass bin. Irgendwie sitze ich immer zwischen den Stühlen. Man sagt Ihnen einen gewissen Hang zu Drogen nach. Inwieweit hat Ihnen der Konsum dieser geholfen, zu dem zu werden, der Sie heute sind? Sido: Ich glaube schon, dass Kiffen in gewisser Weise die Kreativität fördert. In diesem Sinne glaube ich auch, dass es mich weitergebracht hat. Ob die Drogen nun aber tatsächlich mein Bewusstsein erweitert haben und inwieweit ich dadurch ein anderer Mensch geworden bin, kann ich persönlich gar nicht sagen. Man kann ja nur einen Weg gehen – und ein Zurück gibt es nicht! Wie stehen Sie zu der aktuellen Legalisierungsdebatte? Sido: Wenn Cannabis genauso reguliert würde wie Alkohol, also dass man erst mit 16 beziehungsweise 18 kiffen darf, hätte ich damit kein Problem. Hip Hop ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, momentan sogar die meistverkaufte Musikrichtung mit den meisten Charterfolgen. Aber so richtig anerkannt ist Hip Hop in Deutschland noch immer nicht, oder? Sido: Ja, das stimmt. Für viele ist Hip Hop noch immer eine Jugendbewegung, und ich bin mit 35 definitiv zu alt, um ein Sprachrohr der Jugend zu sein. Dieses Rebellisch-Aufmüpfige habe ich abgelegt, weil es lächerlich wäre, das weiterzumachen. Ich habe meinen Status gefestigt und muss nichts mehr beweisen. Jeder weiß, dass ich der Krasseste bin. Fertig. Deshalb habe versucht, mit meinem vorherigen und meinem aktuellen Album ein neues Genre einzuführen. Rap für Erwachsene, also für Leute, die mit mir groß geworden sind und die wie ich mit den Sachen, die die ganz jungen Leute machen, nichts mehr anfangen können. Legen Sie Wert darauf, dass sich Ihre Texte reimen? Sido: Ja, darauf achte ich! Ich habe den Anspruch, dass die Reime nicht nur kurz oder einsilbig sind, sondern dass es mindestens Doppel-Reime sind. Das Gute beim Rap ist ja, dass es sich nur so anhören muss, als würde es sich reimen...

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