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Umgeben von grünen Hügeln: Vilcabamba ist ein kleines Dorf eine Stunde entfernt von Loja. - © Matthias Lauerer
Umgeben von grünen Hügeln: Vilcabamba ist ein kleines Dorf eine Stunde entfernt von Loja. | © Matthias Lauerer

Ecuador Im Tal des langen Lebens

Sobald man durch die Straßen von Vilcabamba in Ecuador schlendert, baut sich der Stress ab. Doch leben hier wirklich so viele 100-Jährige? Oder ist das nur ein Marketing-Gag?

Matthias Lauerer
05.10.2019 | Stand 04.10.2019, 18:38 Uhr

Kaum ist man in dieser kleinen Stadt angekommen, beginnt die Sache mit der Entschleunigung. Eben suchte man noch aufgeregt nach einem Wi-Fi-Zugang, dann fällt der Blick auf die Kolibris, hier „picaflores" genannt, wie sie im Garten Eden mit bis zu 140 Flügelschlägen pro Sekunde nach dem Nektar der Blumen fischen. Und die Sache mit dem Smartphone? Wird sofort unwichtig. Es ist ein erstaunlicher Vorgang, der einen erfasst, den man so gar nicht beschreiben kann. Geht man morgens die Straßen Vilcabambas entlang, ist dort kaum ein Mensch zu sehen. Die Frauen im kleinen Gemischtwarenladen verkaufen einem mit stoischer Ruhe und großer Freundlichkeit die Zehn-Liter-Flasche Wasser. Die ist nötig, denn irgendwie hat man hier immer Durst. Und wer dann voller Elan durch die Straßen streift, um zu erleben, zu sehen und zu staunen, dem fällt schnell auf: Hier gibt es nicht viel zu tun, denn im ecuadorianischen Weiler soll der Besucher einfach nur sein. Und nichts weiter. Vielleicht ist das die Erklärung für all die Mythen und Legenden, die sich um diese Stadt auf 1.500 Metern über dem Meeresspiegel ranken. Beginnen wir von vorn.

Für sein Frühlingsklima von stetig gut 24 Grad Celsius wurde die Stadt vor 50 Jahren berühmt. Doch nicht nur die Temperatur kam bei den Besuchern gut an. Denn plötzlich begannen sich Wissenschaftler dafür zu interessieren, weshalb die Bewohner dieser Gemeinde so biblisch alt wurden. Touristisch schlau wurde die Ortschaft fortan als „Tal der Langlebigkeit" bezeichnet. Auf dem Dorfplatz erinnert ein Schild nahe der Kirche an einen uralten Bürger. Dessen Name: Don Agustín Jaramillo. Der Mann starb 2016 im Alter von 104 Jahren. Heute kommen Besucher mit unterschiedlichen Malaisen, um hier zu gesunden. Viele bleiben dann jahrelang vor Ort. Das günstige Klima, die friedliche Atmosphäre, die gesunde Ernährung mit den tropischen Früchten, dem Grundwasser und dem Plätschern der Flüsse „Chamba" und „Uchima": Sie gelten als die Erklärung für das Geheimnis der langen und gesunden Leben der Bürger, so heißt es. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass das Wasser Magnesium und andere Mineralien enthält, so dass der Konsum die Fettverbrennung fördert und angeblich dem Rheuma vorbeugt. Doch: In letzter Zeit raunt man über einen Rückgang der Langlebigkeit. „In Wahrheit scheint es so, dass unsere alten Menschen weniger alt werden", sagt ein Einwohner Vilcabambas, der glaubt, dass der Boom des Tourismus die Lebensqualität der Einheimischen beeinträchtigt.

Vilcabamba wurde in den 1960er Jahren durch die Ankunft einer eigentümlichen Figur namens Johnny Lovewisdom ein wenig berühmt. Dann erschienen Artikel in den Magazinen „Reader’s Digest", dem „National Geographic" und der „New York Times". Europäische und amerikanische Wissenschaftler kamen und die Dorfbewohner wurden untersucht. Wie stand es um deren Blut, den Knochen und der Atmung? Schuld an dem ganzen Wirbel trug auch ein japanischer Arzt. Der war von der üppigen Vegetation und der harmonischen Umgebung so begeistert, dass er den Menschen ein Hospital spendete. Denn auf wundersame Weise war bei seinem Besuch das malade Herz genesen.

Dabei sollte der Mann eigentlich bald das Zeitliche segnen, wie ihm seine japanischen Ärzte zuvor gesagt hatten. Was zum Mythos beitrug: Die Stadtältesten neigen dazu, bei den gezählten Sommern und Wintern zu übertreiben. Denn jene Übertreibungen sind in Südamerika keine Seltenheit, wird man dort doch als älterer Mensch mit großem Respekt behandelt. Und dazu kommt die Sache mit den Geburtsregistern, die früher nicht so genau gepflegt wurden.

Auch kam es vor, dass Bürger aus den hohen Bergen ihre Kinder erst im Alter von drei bis vier Jahren registrieren ließen, weil der Weg in die Stadt zu beschwerlich war. Doch was als Faktum bleibt: Es gibt in der Ortschaft kaum chronische Krankheiten. Andere führen die gute Gesundheit ihrer Bewohner auf Lebensmittel zurück, die auf biologischem Gemüse und Obst aus der Region mit traditionellen landwirtschaftlichen Praktiken basieren, wodurch der Einsatz von Chemikalien und Konservierungsmitteln vermieden wird. Wie dem auch sei, die Zeiten ändern sich.

Auch wenn man die Gruppe von amerikanischen Rentnern ganz still aus der Ferne betrachtet, die sich gegen 10 Uhr morgens das ein oder andere Bier gönnen. So kann der Ruhestand gelingen, auch wenn die Gesundheit leidet und dass mit den 100 Jahren wohl nichts mehr wird. Selbst der Besitzer des „Le Rendez-Vous Guesthouse" plant nun den Verkauf seiner Herberge. Schuld daran trägt übrigens nicht die Gesundheit, sondern eine Petitesse mit seiner Ex-Frau.

Information

Gut zu wissen

Anreise
Direktflüge nach Quito werden ab Frankfurt am Main angeboten. Weiter mit kleineren Maschinen. Der nächste Airport heißt Camilo Ponce Enríquez und liegt außerhalb der Kreisstadt Loja. Vom Stadtzentrum aus fahren Busse oder Minivans ins Hochland. Wer per Mietwagen aufbrechen will, folgt der Beschilderung nach Loja und nimmt später die E39 in Richtung Süden.

Währung
Bezahlt wird im Land stets mit US-Dollar, die auch von allen Geldautomaten ausgespuckt werden.

Übernachten

Ab 28 USD pro Nacht im „Le Rendez-Vous Guesthouse". rendezvousecuador.wixsite.com
;/lerendezvoushostal

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