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Koranschule in XXL: Die Mir-i-Arab-Medrese in Buchara. Dieser Ort geistiger Nachwuchsförderung ist seit 1536 durchgängig in Betrieb. Zu Zeiten der Sowjetunion war sie die einzige geöffnete Koranschule. - © Thomas Hagen
Koranschule in XXL: Die Mir-i-Arab-Medrese in Buchara. Dieser Ort geistiger Nachwuchsförderung ist seit 1536 durchgängig in Betrieb. Zu Zeiten der Sowjetunion war sie die einzige geöffnete Koranschule. | © Thomas Hagen

Usbekistan Träume aus Türkis und Gold

Der zentralasiatische Staat schüttelt die Schatten der sowjetischen Vergangenheit ab und wirbt um Touristen. Präsident Mirziyoyev hat weitreichende Reformen und eine Modernisierungswelle verordnet

Thomas Hagen
05.10.2019 | Stand 04.10.2019, 18:26 Uhr

Taschkent, Samarkand, Buchara, Chiwa – diese Städtenamen sind Sinnbild für das Herz der mittelalterlichen Seidenstraße in Zentralasien. Mit prachtvoller Ornamentik, himmelweisenden Minaretten, vor Farbkraft überbordenden Moscheen und Medressen sowie dem azurblauen Himmel stehen diese Orte für den Zauber Usbekistans mit rund 4.000 Baudenkmälern. Eine Reise dorthin lohnt sich ungemein – für alle, die Interesse an Baukultur, Geschichte und herzlichen, weltoffenen Menschen haben. Gerade öffnen sich die Pforten ein wenig weiter ins einstige Reich Alexander des Großen, Dschingis Khans, des vom Volk verehrten Amir Timur und zuletzt der Sowjetmacht.

Seit Jahresbeginn können Bürger der EU für maximal 30 Tage ohne Visum einreisen. Davon machen vor allem Kulturinteressierte aus Italien, Frankreich und Spanien sowie China, Indien und Japan regen Gebrauch. Auch Deutsche entdecken den von Wüsten dominierten Binnenstaat gerade. 2018 kamen nach offiziellen Angaben eine halbe Million Touristen. Hier sieht die politische Führung Wachstumspotenzial.

Wer in der Millionenmetropole Taschkent landet, ist überrascht von großzügigen Boulevards, der dezenten islamischen Architektur. Es erheben sich postsozialistische Monumentalbauten entlang der Prachtstraßen. Fast alle entstanden nach dem Erdbeben 1966. Im Herzen der pulsierenden Millionenstadt wird das „neue Taschkent" aus dem Boden gestampft. Kein Zweifel, Usbekistan sucht nach seiner Identität, will Investoren für sich gewinnen und Produktionsstandort werden.

Futter für die Augen: Der Registan in Samarkands Zentrum. Der Platz mit seiner prächtigen Architektur ist ein beliebter Treffpunkt. - © Thomas Hagen
Futter für die Augen: Der Registan in Samarkands Zentrum. Der Platz mit seiner prächtigen Architektur ist ein beliebter Treffpunkt. | © Thomas Hagen

Von Taschkent nehmen wir den Inlandsflug nach Nukus. Von dort reist es sich am sinnvollsten zum größten hausgemachten Desaster der Region, dem Aralsee. Vielmehr zu der Pfütze, die vom einstigen Binnenmeer übrig geblieben ist. Der intensive Baumwollanbau (er nimmt 80 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ein) fordert seinen Tribut, denn der Hauptstrom, der Amurdaya, wird an zu vielen Stellen angezapft. Für Einzelreisende ist es ratsam, einen Wagen mit Fahrer zu mieten. Der kennt jedes Schlagloch und weiß, wie man gefährlichen Ausweich-situationen begegnet. Einfacher ist es, eine organisierte Rundtour zu buchen.

Der Schein trügt: Sonnenaufgang überm Jurtencamp am Aralsee. Das Gewässer ist kurz vorm Verschwinden, das Wasser versalzen. - © Thomas Hagen
Der Schein trügt: Sonnenaufgang überm Jurtencamp am Aralsee. Das Gewässer ist kurz vorm Verschwinden, das Wasser versalzen. | © Thomas Hagen

In Moynak am ehemaligen Ufer: Der russische Offroader, Typ Patriot, tuckert gemütlich. Fahrer Timor bekommt für die 2-Tages-Tour 500 Euro. Er studiert Ingenieurswesen und will unbedingt ins gelobte Land, nach Deutschland, zu Mercedes oder BMW. Den Wagen hält er stoisch auf Kurs auf dem Grund des einst fischreichen Aralsees. Wir wollen zum aktuellen Ufer des auf ein Viertel seiner ehemaligen Größe geschrumpften versalzenen Gewässers und dort eine Nacht in der Jurte verbringen. Nichts für verwöhnte Hotelgäste, denn es geht rustikal zu mitten im Nichts. Auf dem Weg dorthin verrotten rostende Skelette der Fischerboote wie Mahnmale im Sand des einstigen usbekischen Ufers. Kein Gegenverkehr auf der dreistündigen Marterstrecke, kein Hinweisschild – dafür endlose steinige Weite und am Horizont der Schattenriss wilder Dromedare. So sieht das Ergebnis einer der größten menschengemachten Öko-Katastrophen aus. In der Kleinstadt Moynak, die gerade auf Geheiß des Präsidenten Mirziyoyev von Grund auf komplett modernisiert wird, kann man sich im kleinen Aralsee-Fischerei-Museum informieren.

Weißes Gold: Feldarbeiter mit fast reifen Baumwollfrüchten. - © Thomas Hagen
Weißes Gold: Feldarbeiter mit fast reifen Baumwollfrüchten. | © Thomas Hagen

In Nukus: Hier sollte man das Sawitzky-Museum „Louvre der Wüste" mit seiner einzigartigen sowjetisch geprägten Avantgardegemälde-Sammlung nicht verpassen. Wir lassen Nukus hinter uns, erkunden entlang der Rumpelpiste nach Chiwa Jahrtausende alte Festungen, passieren typische Siedlungen und auch viele Neubauten, die die Usbeken günstig kaufen und langfristig abstottern können. In der Wüste zeigt das Außenthermometer im August 47 Grad und mehr.

Chiwa, dieses bewohnte Freilichtmuseum und Weltkulturerbe, ist ein Schmuckkästchen. Mit gestampften Lehmgassen, reichverzierten Minaretten und Melonenkuppeln sowie in Blautönen schimmernden Fassaden mit ihren Ornamenten und Schriftzügen, ist es ein Besuchermagnet. Besonders in der Dämmerung und nachts hüllt diese Szenerie den Betrachter auf der obersten Etage des Restaurants Terrassa ein wie ein orientalisches Tuch. Hier hat kürzlich auch Bundespräsident Steinmeier gegessen.

In heißen Sommernächten muss man aufpassen in stockdunklen Gassen, denn die Bewohner haben ihr Nachtlager auf mit Teppichen belegten Bettgestellen unter freiem Himmel aufgeschlagen.

Am Morgen schallt das Kreischen von Steinsägen durch den Stadtkern. Chinesische Gelder machen die Modernisierung von Plätzen und die Restaurierung der mächtigen Stadtmauer möglich. Eine Gratwanderung, wie viele Usbeken meinen. Denn sie fürchten eine große Abhängigkeit vom Reich der Mitte ebenso wie die zunehmende Staatsverschuldung.

Es gibt so viel herrliche Architektur zu sehen, zu entdecken – unmöglich es alles zu schildern.

Information

Gut zu wissen

Beste Reisezeit
Ende März bis Ende Juni und September bis Ende Oktober.

Anreise
Mit Uzbekistan Airlines per Direktflug in sechseinhalb Stunden von Frankfurt nach Taschkent. Zur Einreise für Touristen entfällt das Visum, die scharfen Devisen-Kontrollen im Land sind Vergangenheit.

Erleben

Stadtführungen in deutscher Sprache sind in allen wichtigen Städten kein Problem. Für umgerechnet 30 Euro Tagessatz kann man einen Führer buchen.

Pauschal oder Individuell
Organisierte Kurzreisen gibt es ab rund 1.200 Euro. Wer auf eigene Faust reisen möchte, sollte sich weit im voraus Hotelzimmer sichern. Guten Standard gibt es ab Vier-Sternen und rund 90 Euro pro Doppelzimmer.

Essen
Verpflegung in Usbekistan ist günstig, für eine Mahlzeit inklusive Getränken im Restaurant werden ab fünf Euro verlangt. Nationalgericht ist das auf Reis basierende Plow, man bekommt es je nach Landstrich in diversen Versionen. Ansonsten ist die Küche fleischlastig.

Gesundheit
Achtgeben sollte man auf die hygienischen Bedingungen. Wasser nur aus Flaschen und Salate nur mit Mineralwasser gewaschen verzehren.

Infos
www.dimsumreisen.de, www.skr-reisen.de,
www.klueger-reisen.com

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