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Langeweile zur Muße nutzen. dann verliert sie ihren Schrecken. - © Andrew Neel/Unsplash
Langeweile zur Muße nutzen. dann verliert sie ihren Schrecken. | © Andrew Neel/Unsplash

Psychologie Warum Langeweile gut tut

Zeit ist wertvoll. Deshalb wollen wir keine Minute verplempern oder mit lästigem Warten verbringen. Dabei tut ein bisschen Langeweile mal ganz gut.

Tina Gallach
28.08.2019 | Stand 09.09.2019, 10:37 Uhr

Mitten in der Bielefelder Innen­stadt: Ein Sprint zur nächsten Bahn­station. Mist, die Bahn steht schon da! Ob es noch reichen wird? Fast geschafft ... Doch dann: Die Türen gehen zu, die Bahn fährt los. Das heißt: Zehn Minu­ten warten! Aber zum Glück ist das Smart­phone gleich zur Hand - Ablenkung! Kön­nen wir nicht mehr einfach warten, uns mal langweilen, unsere Gedanken schweifen las­sen?

Immanuel Kant fand Langeweile öde

Langeweile hat ein negatives Image. Und das schon lange. Der Philosoph Sören Kierke­gaard bezeichnete sie als „Wurzel allen Übels". Auch Kollege Immanuel Kant konn­te ihr nichts abgewinnen, diesem „Vorge­fühl eines langsamen Todes". Klar, extre­me Langeweile ist ein verhasstes Gefühl. Und auch die Forschung bestätigt immer wie­der: Wer sich zu viel langweilt, wird krank - Menschen, die sich bei der Arbeit viel lang­weilen, bekommen beispielsweise häufiger Depressionen.

Es ist jedoch nicht klar, ob De­pressionen durch Langeweile entstehen oder umgekehrt. Doch fernab der extremen Lang­weile, lässt sich auch immer mehr beob­achten, dass sich viele Menschen nicht mal mehr ein paar Minuten langweilen kön­nen oder wollen. Und genau da liegt das Problem.

Wie man Langeweile nutzen kann

„Langeweile hat überhaupt keinen guten Ruf', sagt auch die Autorin und Lektorin Ilka Heinemann, die ein Buch zum Thema ge­schrieben hat. ,,Wer einfach auf einer Bank rumsitzt und nichts macht, gilt schon fast als verhaltensauffällig." Der Langeweile-Killer schlechthin: das Smartphone. ,,Wenn man irgendwo mal wartet, gibt es kaum eine Mi­nute, in der man das Handy nicht raus­halt", sagt Heinemann. Ob im Wartezim­mer beim Arzt, an der Bushaltestelle oder nur einen kleinen Moment an der Supermarkt­kasse - ständig wird sich die Zeit mit Sur­fen, Schreiben, Mails oder Spielen vertrie­ben. Doch warum sollen wir auch gelang­weilt in der Gegend herum gucken, wenn wir die Ablenkung immer parat haben?

,,Das Warten - so unangenehm es sein konnte - hatte etwas Positives", sagt der Kommu­nikationswissenschaftler Peter Vorderer von der Universität Mannheim dazu. ,,Das war dieses Moment der Kontemplation. Ein Mo­ment der Pause. Man ließ die Welt auf sich wirken. Man konnte nachdenken." Dass die­se Momente immer mehr verschwinden, sieht der Kommunikationswissenschaftler kritisch: ,,Das wird etwas sein, das uns nach­haltig verändern wird."

Kreativität statt Stress

„Man hat überhaupt keine Ruhepausen mehr, um mal nachzudenken, sich kurz zu erholen oder die Gedanken schweifen zu las­sen", sagt auch Autorin Heinemann. Da­durch sind wir nicht nur im Dauerstress, es hat auch Folgen für die Kreativität. Aus der Forschung weiß man: Haben Kinder zwi­schen Schule, Fußballverein und Klavier­unterricht überhaupt keine freie Zeit mehr, können sie nicht kreativ sein.

Das gilt auch für Erwachsene. Vor drei Jahren fanden bri­tische Wissenschaftler beispielsweise in einem Experiment heraus, dass Tagträumen die Kreativität fördert. Ein Ergebnis, das Friedrich Nietzsche wohl kaum überraschen würde. Er formulierte es nur etwas philosophischer: ,,Die Langeweile ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrü­tet."

Warum man entspannt bleiben kann

Mehr Langeweile für alle kann also nur die Devise lauten. Der erste Schritt: Fährt ei­nem die Bahn vor der Nase weg oder man muss tatsächlich unglaubliche fünf Minu­ten an der Supermarktkasse warten, bleibt das Handy in der Tasche. Und dann?

,,Man kann sich wirklich mal darauf einlassen, ein­fach nichts zu tun und dadurch den Ge­danken freien Lauf zu lassen", sagt Auto­rin Heinemann. Eine andere Möglichkeit: die Menschen um einen herum mal wieder be­wusst wahrnehmen. ,,Was macht der wohl beruflich? Was ist das für einer? Oder man spielt Modedesigner und überlegt sich, wie man die Person eigentlich anziehen wür­de." Und vielleicht entdeckt man an der Hal­testelle, an der man jeden Morgen steht, auch plötzlich ganz neue Dinge.

Es ergeben sich schönere Momente, als einem die Nach­richten auf dem Smartphone bieten. Kom­munikationswissenschaftler Vorderer glaubt übrigens an ein Comeback des Wartens: ,,Ich bin davon überzeugt, dass wir uns diese Mo­mente des Wartens zurückholen werden. Die Zunahme von Kommunikation in Situati­onen, in denen man bisher nicht kom­muniziert - oder nur mit seinem di­rekten Gegenüber kommuniziert hat - ist so dramatisch, dass es hier unweigerlich eine Gegenreaktion geben muss."

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