0
Ein Wildwest-Meisterwerk, mehr Kunst als Spiel: Das ist Red Dead Redemption 2. - © Rockstar Games
Ein Wildwest-Meisterwerk, mehr Kunst als Spiel: Das ist Red Dead Redemption 2. | © Rockstar Games

Endlich auch auf dem PC Zehn Stunden mit Red Dead Redemption 2: Ein Meisterwerk, aber...

Nachdem lange Zeit nur die Konsolenversion erhältlich war, kommt der Wilde Westen jetzt auch auf den PC

Björn Vahle
04.10.2019 | Stand 04.10.2019, 17:55 Uhr |

Das Warten hat ein Ende: Endlich erscheint "Red Dead Redemption 2" auch als PC-Version. Lange Zeit ist es nur ein Gerücht gewesen, doch spätestens seit dem Start von Rockstars eigenem PC-Launcher war die Sache geritzt, wie der gewiefte Westernheld sagen würde. Nun hat der Publisher auch offiziell bestätigt, dass RDR2 ab dem 5. November für PC erhältlich sein wird. Im wilden Westen von "Red Dead Redemption 2"dürfen wir - grob verkürzt gesagt - alles, was wir in GTA auch dürfen. Fantastisch choreografierte Missionen erleben, eine detailreiche Spielwelt erkunden, absurde Gestalten kennen lernen - das vermeintlich Übliche also. Trotzdem ist das Spielgefühl ein gänzlich anderes und auch der Grund, weshalb man hier vielmehr von einem Kunstwerk als einem Spiel sprechen muss. Entwickler Rockstar ist ein Geniestreich gelungen. Vorab: Wir wollen hier gar nicht den Anschein erwecken, wir hätten es geschafft, in zehn Stunden alles von Rockstars Meilenstein zu sehen. Ein richtiger Testbericht ist uns deshalb kaum möglich. Stattdessen versuchen wir ein Gefühl dafür zu vermitteln, wer mit dem Spiel seinen Spaß haben wird - und wen es trotz seines geradezu absurd großen Umfangs doch enttäuschen könnte. Wer hat mit "Red Dead Redemption 2" Spaß? Der Punkt ist komplex. Man könnte ihn, um im Wildwest-Bild zu bleiben, so beschreiben: Wenn Ihnen das melancholische, leicht gezwungene Lächeln in John Waynes Mundwinkeln schon immer besser gefallen hat als die Schießereien in seinen Filmen, ist RDR2 wahrscheinlich Ihr Ding. Die Geschichte des Spiels, die wir in Person des knorrigen Arthur Morgan, Mitglied der berüchtigten van-der-Linde-Banden, erleben, ist eine des Scheiterns - so wie es jede gute Westernstory ist. Alles endet hier gerade irgendwie: die Zeit der Gangs, der "wilde" Teil des "wilden" Westens, die spezielle Erfolgssträhne der Gang, zu der Arthur gehört. So sympathisch einem die gezeichneten, aber liebenswerten Charaktere sind, so wenig wahrscheinlich ist es von Beginn an, dass es mit ihnen ein gutes Ende nehmen wird. Denn wann hat es das im wilden Westen je getan? Dieser melancholische Unterton ist es, der die Story von RDR2 von Beginn an durchzieht und der sie so mitreißend macht. Hier stemmen sich Menschen - Kriminelle, zugegeben - gegen die Veränderungen in einer Welt, die ihnen zunehmend die Daseinsberechtigung abspricht. Diese Leute wissen, welche Hölle sie anderen beschert haben - und dass sie dafür ebenfalls nichts Gutes verdienen. So wenig man ihre Taten, die das Spiel bewusst brutal inszeniert, gutheißen muss, so nachvollziehbar ist doch ihr Antrieb. Und der heißt Überleben. Diese Geschichte pflanzen die Entwickler in die wahrscheinlich schönsten virtuellen USA, die man sich vorstellen kann. Von verschneiten Berggipfeln über sattgrüne Wälder bis hin zu den staubigen "Straßen" winziger Minendörfer haben die Entwickler hier eine Spielwelt entwickelt, in der man sich stunden-, ja tagelang verlieren kann. Allein sie einmal zu durchreiten dauert eine halbe Stunde. Gespickt ist sie mit allerlei Fundorten, die weitere Missionen, Waffen, Kleidungsstücke oder einfach Geschichten freischalten. Man kann die Hauptmissionen getrost für etliche Stunden links liegen lassen, um zu jagen - Tiere oder Gesetzesbrecher - zu spielen (am liebsten Kneipenspiele mit Messerbeteiligung), zu trinken (am liebsten mit den verkorksten Freunden) oder einfach die Welt zu erkunden. Je nachdem, ob wir uns als Gentleman mit Cowboyhut oder Revolverheld aufführen, sind wir am einen Ort gern gesehen und anderswo verhasst und werden gleich mit gezogenem Revolver erwartet. Das macht das Spiel noch lebendiger - eine echte Meisterleistung. Wer wird Schwierigkeiten mit dem Spiel haben? Hier können wir uns deutlich kürzer fassen: Wer keine Zeit hat, wer keine Geduld hat, wer von RDR2 nichts mehr als eine grelle Westernschießbude mit Knallergrafik erwartet, der ist hier definitiv falsch. Ein Beispiel findet sich gleich zu Beginn des Spiels. Nach dem verbockten Überfall auf eine Fähre und der überstürzten Flucht in die verschneiten Berge verbringen wir den Großteil der Zeit nicht mit Schießen oder Heldentaten sondern mit: Reiten. Und Zuhören. Es gibt Passagen, in denen wir über mehr als zehn Minuten auf dem Pferderücken durch meterhohen Schnee waten und nur den Erzählungen unserer Gefährten lauschen. So wenig Spiel ist in einem Spiel selten. Man ertappt sich als Spieler sogar bei der Frage, ob das wirklich alles dazu gehört. Wer sich das nicht antun mag, der wird es mit "RDR2" schwer haben. Denn im verschneiten Prolog finden wir vielleicht mal einen verschollenen Kumpanen, erlegen vielleicht zwei Hirsche, häuten vielleicht einen von ihnen, sorgen so für die Verpflegung unserer Bande. Mit klassischer Western-Action ist da aber nicht viel. Denn eigentlich geht es hier darum, die Welt kennenzulernen. Und unsere Mitstreiter, denn jedem von ihnen hat Rockstar zig Dialogzeilen spendiert, um sie glaubwürdig zu machen. Den zweckoptimistischen Anführer Dutch van der Linde ("Sie jagen uns, weil wir alles sind, was sie fürchten"), Camp-Mutti Susan Grimshaw ("Die Hälfte von euch würde in ihrer eigenen Scheiße verrotten, wenn keiner auf euch aufpassen würde") oder Schießbruder Micah Bell, der keine Verhandlung ohne die Hand am Revolver beginnt ("Ich glaube, es gibt Gewinner und Verlierer und sonst nichts"). Damit von Anfang klar ist: Arthur trägt nicht nur die Verantwortung für sich selbst. Scheitert er, gehen auch zig seiner Freunde drauf. So motiviert man Spieler. Und doch muss man dafür Muße haben. Nicht selten kam es vor, dass wir zwischendurch eine Stunde Zeit hatten, um kurz ins Spiel zurückzukehren - und dann kaum eine Mission abgeschlossen bekamen, weil alles hier seine Zeit braucht. Nicht zuletzt, weil die Steuerung ziemlich kompliziert geraten ist. Wer nicht schnell raus hat, mit welchen Tasten er schnell reagiert, wird zu Beginn häufiger als nötig den Bildschirmtod sterben. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Es geht dem Spiel nicht in erster Linie um Mechaniken, die Spaß machen (und das tun sie dennoch), sondern um ein Statement dazu, was Spiele sein können. Das gelingt grandios, daher der Vergleich mit der Kunst. Aber so kann, ja muss man im Spiel wohl weit über 60 Stunden verbringen, um es auch nur annähernd vollständig gesehen zu haben. Es entfaltet seine Faszination langsam. Es wird Spieler geben, die darauf nicht warten wollen. Red Dead Redemption 2 ist erhältlich für Playstation 4 und Xbox One. Die Sprachausgabe ist nur auf Englisch mit deutschen Untertiteln verfügbar. Ab 5. November ist das Spiel auch als PC-Version verfügbar.

realisiert durch evolver group