RTL steht für einen Auftritt in der Sendung "Deutschland sucht den Superstar" in der Kritik. - © dpa
RTL steht für einen Auftritt in der Sendung "Deutschland sucht den Superstar" in der Kritik. | © dpa

TV Vorgeführt: RTL lässt psychisch kranken Mann bei DSDS auftreten

Im Netz hagelt es Kritik. Durch das Verhalten des Senders würden psychisch kranke Menschen stigmatisiert, sagt eine Forscherin.

Matthias Schwarzer

Düsseldorf. Dass RTL nicht gerade fair mit seinen Reality-Show-Kandidaten umgeht, ist hinlänglich bekannt. Shows wie "Schwiegertochter gesucht" oder "Deutschland sucht den Superstar" stehen seit jeher in der Kritik. Am Samstag hat der Kölner Privatsender jedoch noch eine Schippe drauf gelegt - und muss sich jetzt mit heftiger Kritik auseinandersetzen. Was ist passiert? Am Samstag tritt der 25-jährige Diego aus Düsseldorf in der Castingshow auf. Sein Auftritt wirkt reichlich bizarr: Diego behauptet, er sei der Sohn des verstorbenen US-Rappers Tupac Shakur, von der Mafia entführt und nach Deutschland verschleppt worden. Jury-Chef Dieter Bohlen ist der Meinung: "Wir brauchen so verrückte Typen." Diego kommt in den Recall. Was der Zuschauer nicht erfährt: Diego ist offenbar in psychischer Behandlung. Wie die Bild-Zeitung berichtet, lebe der 25-Jährige seit Jahren in einem Wohnheim für psychisch Kranke. Nach Bekanntwerden des Falls hagelt es heftige Kritik im Netz: Mal wieder ein Beweis dafür, wie hemmungslos pervers #RTL ist. Einzige zielführende Maßnahme: Sender dichtmachen und alle, die dort atbeiten, in dem Arrest. Allen voran Bohlen. https://t.co/0B4jIL1Bgu — Jörg Schieb (@schiebde) 15. Januar 2018 Und auch Experten melden sich zu Wort: „Ich halte das alles für ethisch völlig unzumutbar", sagt Marlis Prinzing, Medienethikerin an der Hochschule Macromedia gegenüber dem Branchendienst Meedia. "Das ist wie einst in der mittelalterlichen Schaustellerei, wo mit Menschen, die körperlich, geistig oder psychisch beeinträchtigt oder anders als andere waren, als Objekten allgemeiner Belustigung Geld verdient wurde." Wie reagiert RTL? RTL selbst kann die Kritik nicht nachvollziehen: Jeder Mensch habe das Recht, selbstbestimmt zu leben und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, erklärt das Unternehmen in einer Stellungnahme. Die Krankheit des Kandidaten sei bewusst verschwiegen worden - in Absprache mit der betreuenden Einrichtung des Kandidaten. Auch die Graf-Recke-Stiftung, die den 25-Jährige betreut, hat ein Statement veröffentlicht: Diegos größter Wunsch sei es, Musiker zu werden und bei DSDS anzutreten, heißt es darin. "Wir nehmen dieses Anliegen sehr ernst und begleiten ihn nach sorgfältiger Klärung aller damit verbundenen Fragen bei der Teilnahme." Journalismus-Forscherin Prinzing überzeugen die Argumente nicht: "Die Verantwortung von RTL umfasst, Menschen vor sich selbst zu schützen, die zur souveränen Entscheidung über ihr eigenes Handeln nicht wirklich in der Lage sind", sagt die Forscherin in dem Bericht. "Auch wenn der Betroffene (wie es die Pressekodex-Richtlinie 8.6 empfiehlt) einverstanden ist und zudem die den Betreffenden betreuende Einrichtung hier einwilligt, sind Medien nicht aus der Verantwortung entlassen." Ein solcher Voyeurismus kränke und stigmatisiere psychisch kranke Menschen. "Möglichst viele Menschen sollten RTL ein Stoppschild zeigen und klar machen, dass sie das nicht unterhaltsam finden", so die Forscherin.

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