Kann auch anders: Daniel Craig hat den eng geschnittenen Maßanzug abgelegt und ist in Bequemeres geschlüpft. - © Fingerprint Releasing
Kann auch anders: Daniel Craig hat den eng geschnittenen Maßanzug abgelegt und ist in Bequemeres geschlüpft. | © Fingerprint Releasing

Kino "Lucky Logan": Gangsterkomödie mit hinreißend durchgeknalltem Daniel Craig

Anke Groenewold

Bielefeld. Regisseur Steven Soderbergh hat die Nase voll von großen Studios und wandte sich 2013 von Hollywood ab, arbeitete fürs Fernsehen. Jetzt ist er zurück, aber diesmal bekam er, was er schon immer wollte: „absolute kreative Kontrolle". Sein neuer Film „Logan Lucky" ist ein Versuchsballon. Kann (s)eine kleine Firma einen Film an den großen Studios vorbei flächendeckend in die Kinos bringen? Wer wie Soderbergh zu den Großen zählt und einen Star wie Daniel Craig gewinnt, dürfte damit wenig Probleme haben. In den USA hat der Film nicht so viel eingespielt wie von Soderbergh erhofft. Aber er freut sich dennoch: Fast die Hälfte des Geldes, das „Logan Lucky" einspiele, werde unter der Besetzung und der Crew aufgeteilt. „Ich werde dieses Modell pushen und noch mehr auf diese Weise produzieren." Anders als in „Ocean’s Eleven" plant diesmal nicht ein kriminelles Spitzenteam den großen Raub, sondern Normalos aus West Virginia, die, auch wenn sie hart arbeiten, gerade genug zum Überleben haben. Jimmy Logan, geschieden und liebevoller Vater einer Tochter, verliert wegen einer Versicherungsformalie seinen Job als Bauarbeiter. Mit seinem schwermütigen Bruder Clyde, der im Irak-Krieg einen Unterarm verloren hat und in einer Kneipe arbeitet, plant er den großen Coup. Nervenkitzel hat keine Priorität Sie wollen beim großen Nascar-Autorennen abräumen. Das Team komplettieren ihre Schwester Mellie, Friseurin und abgebrühter Sportwagenfan, sowie der Safeknacker Joe Bang und dessen Brüder Fish und Sam. Kleines Problem: Joe Bang sitzt noch im Knast. Aber auch dafür gibt es eine Lösung. Denn die Appalachen-Hillbillys gehen schlau und kreativ ans Werk, bringen Kakerlaken, Torten und Gummibärchen zum Einsatz, um die unterirdische Rohrpost anzuzapfen, in der die Einnahmen des Rennspektakels zirkulieren. Der Raubüberfall folgt bekannten Mustern, doch temporeicher Nervenkitzel ist nicht Soderberghs Priorität. Er gibt den Schauspielern viel Spielraum, den sie sichtlich mit Spaß nutzen. Allen voran Daniel Craig, der seine Nebenrolle zum Ereignis werden lässt. Als James Bond hat er schmallippige Eisigkeit perfektioniert. Joe Bang spielt er so aufgekratzt und mit so viel irrer Energie und Witz, dass man sich schon jetzt auf die Nach-Bond-Zeit freut, wenn der Brite wieder seine große schauspielerische Bandbreite zeigen darf. Grandios dreht auch Hilary Swank mit ihrem späten und kurzen Auftritt als fiebrig ehrgeizige FBI-Agentin auf. Weniger überdreht stellen sich die Logans dar mit einem in sich ruhenden, kraftvollen Jimmy (Channing Tatum), dem schräg-hintergründigen Cyrus (Adam Driver) und der frechen Mellie (Elvis-Enkelin Riley Keough). Katie Holmes gibt Jimmys verkniffene Ex-Frau, die in ihrer neuen Ehe unglücklich wirkt. Liebeserklärung an die Schrullen Amerikas Bei den trashigen Outfits der Frauen haben Kostüm und Maske ganze Arbeit geleistet. „Logan Lucky" bedient Klischees, belässt es aber nicht dabei. Der Film ist eine liebevolle, herzliche und in leuchtende Farben getauchte Liebeserklärung an die oft belächelten oder gar verachteten Menschen im ländlichen Amerika. Soderbergh, selbst Südstaatler, zeichnet mit seinen enthusiastischen Darstellern liebenswerte, schlaue, schrullige Helden des Alltags, die ihr Land und ihre Familien lieben und einen wunderbar trockenen Humor haben. Ein wenig Sentimentalität und Wehmut gönnt sich Soderbergh auch. Etwa, wenn Jimmys kleine Tochter beim Schönheitswettbewerb John Denvers „Take me Home, Country Road" anstimmt und der Saal mitsingt. Oder wenn Country-Star LeAnn Rimes vor dem Rennen inbrünstig „America the Beautiful" singt. Aber das ist eben auch Amerika.

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