Auf dem roten Teppich: Werner Herzog mit seiner dritten Ehefrau Lena (l.), Fotografin, und Nicole Kidman, Star seines Films „Königin der Wüste", 2015 auf der Berlinale. - © dpa
Auf dem roten Teppich: Werner Herzog mit seiner dritten Ehefrau Lena (l.), Fotografin, und Nicole Kidman, Star seines Films „Königin der Wüste", 2015 auf der Berlinale. | © dpa

Bielefeld Poet des Kinos: Werner Herzog wird 75

In seinem neuen Dokumentarfilm "Lo and Behold" beleuchtet er das Internet auf seine ganz eigene, schräge Art

Anke Groenewold

Bielefeld. Werner Herzog war 17 Jahre alt, als er zum ersten Mal telefonierte. Heute noch nutzt er Handy und E-Mail nur fürs Nötigste, das Internet für die schnelle Recherche. Er twittert nicht, meidet soziale Netzwerke („Mein soziales Netzwerk ist mein Esstisch, der Platz für sechs Leute hat"). Er schaut entspannt zu, wie andere auf Twitter oder Facebook unter seinem Namen auftreten. Wer könnte besser über das Internet philosophieren als dieser grenzenlos neugierige Werner Herzog, der heute 75 Jahre alt wird und unermüdlich einen Film nach dem anderen dreht? „Lo and Behold" heißt sein jüngster Dokumentarfilm, den 3sat heute am Geburtstag des Kultregisseurs („Nosferatu", Fitzcarraldo") ausstrahlt. „Lo and Behold" heißt so viel wie „Siehe da". Das klingt biblisch und spielt konkret auf die Geburt des Internets 1969 an: Die erste Botschaft, die von Computer zu Computer geschickt wurde, hieß „Lo" statt „Login", da das System abstürzte. Der deutsche Titel von Herzogs Streifzug in zehn Etappen heißt „Wovon träumt das Internet?". Kultstatus in den USA Herzog stellt an einer Stelle des Films die Frage „Träumt das Internet von sich selbst?" Ein Satz, wie er wohl nur von Werner Herzog kommen kann. Seine skurrilen, rätselhaften, poetischen Aussagen werden in den USA, wo er einen größeren Kultstatus hat als in seiner Heimat, ebenso gern parodiert wie sein hypnotisches Raunen aus dem Off und sein starker deutscher Akzent. Herzogs Erkundung beginnt auf einem Campus in Los Angeles. Der Computerwissenschaftler Leonard Kleinrock erzählt an „heiligem Ort" lebhaft von den Anfängen und trommelt mit der Faust auf einen Prozessor, um dessen Unzerstörbarkeit zu demonstrieren. Kleinrocks Internet-Genesis-Erzählung unterlegt Herzog mit dem Vorspiel aus Wagners „Rheingold". Herzog, der für sich selbst keine Grenze zwischen Spiel- und Dokumentarfilm zieht, setzt in beiden Fällen auf ein sorgfältiges Casting. Seine Rechercheure führten für „Lo and Behold" Vorgespräche, um Experten aufzuspüren, die mehr mitbringen als ihr Wissen. Es sind visionäre, faszinierende Persönlichkeiten, die für originelle Gedankenspiele zu haben sind – Pioniere, Grenzgänger, Getriebene und Träumer, wie Herzog sie seit über 50 Jahren in seinen Filmen feiert. Menschen wie der Physiker Lawrence Krauss („Die Physik von Star Trek"), den Herzog auch noch für seinen ebenfalls 2016 erschienenen Spielfilm „Salt and Fire" engagierte und als Bösewicht auf Veronica Ferres ansetzte. Gerne wirft er seine Gesprächspartner aus der Bahn Herzog selbst ist beim „Casting" nicht dabei und begegnet seinen Gesprächspartnern nach eigenen Angaben erst vor der Kamera. Einen Fragenkatalog habe er nicht, er sei ja kein Journalist, betont Herzog. Gern wirft er seine Gesprächspartner aus der Bahn. Einen Studenten, der kleine, zylindrische Roboter Fußball spielen lässt, fragt er, ob er die Maschinen liebt. Dem angespannten Unternehmer Elon Musk („Space X", Tesla) entlockt der Regisseur ein Lächeln, als Herzog sagt, dass er gern zum Mars fliegen würde, aber nur mit seiner Kamera. Und seiner Frau. Nach Träumen befragt, antwortet Musk nach langem Schweigen, das er sich nur an die schlimmen erinnere. Das ist ein typischer Herzog-Moment: überraschend, rätselhaft, erhellend. Er suche nicht die Wahrheit der Buchhalter, sondern eine tiefere, „ekstatische" Wahrheit, hat der Bielefelder Murnau-Preisträger wiederholt erklärt. Herzog nähert sich dem Thema intuitiv „Träumereien über eine vernetzte Welt", lautet der Untertitel des Films. Das trifft es gut, denn Herzog nähert sich dem Thema intuitiv. Er besucht eine fremde Welt, bleibt mal hier, mal da hängen, sammelt Impressionen. Das Kaleidoskopartige unterstreicht, dass die Digitalisierung eine Umwälzung ist, die gewaltig, faszinierend, wild ist und 
viel Raum für Spekulationen bietet. Künstliche Intelligenz und Roboter interessieren ihn ebenso wie Internetsucht und oder Menschen, die sich in die Natur zurückgezogen haben, weil sie überzeugt sind, dass die elektromagnetische Strahlung der Mobilfunkmasten sie krank macht. Die Astronomin Lucianne Walkowicz erklärt, wie verheerend sich Sonneneruptionen auf eine vernetzte Menschheit auswirken können. Wie für ein surreales Gemälde in Szene gesetzt, erzählt eine Familie in ihrer Küche, wie die Fotos der tödlich verunglückten Tochter ins Netz gelangten. Herzog sucht das Extreme - auch mit 75 In Höchstform ist Herzog, wenn er die Skyline von Chicago zeigt, vor der Mönche auf ihre Handys starren. „Alle scheinen zu twittern, haben sie aufgehört zu beten?", spricht Herzog aus dem Off. Dazu singt Elvis „Are you lonesome tonight". Es ist ein Moment, in dem Herzog filmisch grandios abhebt. Der Film hätte mehr davon vertragen können. Herzog war natürlich schon wieder in neuer Mission unterwegs, beschwört die Magie der Vulkane. Seine Dokumentation „Into the Inferno", die auf Netflix zu sehen ist, geht am 5. Oktober ins Rennen um einen Doku-Emmy in der Sparte Wissenschaft und Technologie. Vulkane sind brenzlig genug? Nicht für Herzog. Er drehte auch in Nordkorea. Er sucht das Extreme. Auch mit 75.

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