Zeitreise in die 90er Jahre: Charly Hübner wurde in Neustreelitz geboren. - © picture alliance / Georg Wendt/dpa
Zeitreise in die 90er Jahre: Charly Hübner wurde in Neustreelitz geboren. | © picture alliance / Georg Wendt/dpa

Film Schauspieler Charly Hübner: „Melancholie gehört für mich dazu“

Interview: Schauspieler Charly Hübner spricht über seine DDR-Identität, warum er den Fall der Mauer nicht mitbekommen hat und seine Rolle in „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“

André Wesche

Herr Hübner, wenn Sven Regener die Feder geschwungen hat, Arne Feldhusen Regie führt und Detlev Buck Kollege ist, sagt man dann automatisch die Mitwirkung an einem Film wie „Magical Mystery" zu? Charly Hübner: Ja. Für mich waren diese Sven-Regener-Welten immer ein Kosmos, den ich aus der Ferne bewundert habe. Arne und ich kennen uns schon länger. Er hat mir das Projekt vorgestellt und mir war klar, dass ich das Angebot erstmal prüfen muss. Vielleicht würde ich ja zu aufgeregt sein und das gar nicht hinkriegen! Ich habe das Buch gelesen, war sehr begeistert und fühlte mich auch sehr geehrt. Dass Detlev dann als „Regener-Papst" höchstpersönlich dazu gestoßen ist, war natürlich ein zusätzliches Schmankerl. Ihre Filmfigur erlebte die Wende als Trauma. Wie war es bei Ihnen? Hübner: Am betreffenden Abend haben wir Generalprobe vom Karnevalsklub gehabt und der Alkohol ist reichlich geflossen. Den Fall der Mauer haben wir gar nicht mitbekommen, ich kenne ihn nur aus der Nacherzählung. Deshalb war der Film „Bornholmer Straße" so ein Projekt, bei dem ich diesen Moment noch einmal selbst nachholen konnte. Ich war zur Wende 17, da war dieser Aufbruch und das sich Lösen vom Elternhaus eh in den Knochen drin. Weg aus dem Dorf, rein in die Stadt. Deshalb fühlte sich für mich der Aufbruch im ehemaligen Ostteil der Bundesrepublik gar nicht als großer Unterschied an, gerade in einer Stadt wie Berlin, wo es viel mehr Potenzial gab als auf dem Land. Spüren Sie trotzdem noch eine DDR-Identität in sich? Hübner: Jeder hat natürlich seine eigene Identität. In meiner Generation, aber auch noch bei den zehn Jahre jüngeren und erst recht bei den älteren erkenne ich immer sofort, wenn jemand aus der ehemaligen DDR stammt. Es ist eine andere Form von Direktheit im Alltäglichen, eine andere Prägung. Was sich im Laufe meines Lebens aber immer mehr durchsetzt, sind die Mecklenburger Wurzeln. Dieses Norddeutsche ist noch mal ein anderer Stempel, der über die DDR hinausreicht. Das ist anderswo ähnlich. Im Film stellen die Leute von „Bumm Bumm Records" fest, dass sich ihre Ideale verändert und dass sie früher größer gedacht haben. Sehen Sie Ihren Beruf heute auch anders als zu Beginn? Hübner: Na klar. Als junger Schauspieler war ich sehr froh darüber, dass das überhaupt mal in die Gänge kam. Nach dem Studium hatte man dann die Sorge, ob einen überhaupt jemand als Schauspieler haben wollte. Ich bin dann nach Frankfurt gekommen. Dort musste man sich mit dem alten Westen auseinandersetzen. Das überdeckte die Arbeit. Der Ehrgeiz änderte sich dahingehend, dass man versuchte, in diesem Schauspielerdasein überhaupt zu überleben. Dann ist man mit dem Theater irgendwann am Ende, weil man die gesteckten Ziele nie erreicht. Ich hatte eine pragmatische Phase, in der ich nur noch mein Geld verdienen wollte. Dann merkt ich aber schnell, dass die Ideale doch eine große Rolle spielen. Heute ist es ein Segen, jemanden wie Karl Schmidt spielen zu dürfen oder „Bornholmer Straße" oder Bukow im Polizeiruf Rostock. Davon hätte ich als 19-jähriger nicht zu träumen gewagt. Es ist schon toll, dass ich das erleben darf. Charlie erleidet auf der Tour einen Zusammenbruch. Wie kommt eine so intensive Szene zustande? Hübner: Darüber haben wir viel diskutiert. Dieser Moment ist ja wie ein Dammbruch, der sich vorher ein bisschen angekündigt hat. Wir haben es am Ende genauso gedreht, wie Sven es im Roman vorgegeben hat. Dann ist es fast ein formaler Vorgang. Sind Sie selbst vor depressiven Schüben gefeit? Hübner: Ja. In meinem bisherigen Leben war das gar kein Thema. Eine gewisse Melancholie gehört zu meinem Alter und meinem Beruf. Überhaupt halte ich Melancholie für ein gutes Ausgleichsbecken zu der hysterischen Gesellschaft, in der wir leben. Im Film fängt einer der Jungs mit bloßen Händen einen kapitalen Fisch und keiner schaut hin. Gibt es einen Film, auf den Sie besonders stolz sind, den aber kaum jemand gesehen hat? Hübner: Mit dem Stolz ist das immer so eine Sache. Ich habe den gar nicht so. Und ich durfte ja schon einiges machen. Ich fände es spannend, jetzt noch mal „Im Schwitzkasten" oder „Autopiloten" zu gucken, die ersten Kinosachen. Für mich ganz wichtige Filme. Eine tolle Spielerfahrung war auch „Amok – Hansi geht’s gut", ein langsamer, komplett improvisierter Film. Rosa von Praunheim hat mich als Sexualmörder „Der rosa Riese" interviewt. Wir hatten keine Kostüme, keine Figur. Charly Hübner liegt auf der Couch und nur durch die Interviewfragen wird behauptet, ich sei Wolfgang, der sieben Frauen ermordet hat. Interessant, wie sich im Kopf ein Film zusammensetzt. Karl/Charlie büxt gern aus seiner alles regulierenden WG aus und gönnt sich etwas Gutes. Sind Sie auch ein Genussmensch? Hübner: Bei einem wirklich guten Wein kann ich nicht nein sagen. Das ist meine Achillesferse. Als was mögen Sie lieber wiedergeboren werden und warum: Als Krokodil oder als Meerschweinchen? (Anm.: Beide Tiere spielen eine wichtige Rolle im Film.) Hübner: Mich persönlich interessiert dann doch das Krokodil mehr, weil ich 
überhaupt nicht kapiere, wie die ticken. Meerschweinchen kuscheln gern und sind immer in der Gruppe. Da muss ich schon sehr an Schauspieler denken. Aber als Krokodil dazuliegen, sich zu verstecken und dann mit einem Happs die Sache klarzumachen, das wäre schon nicht uninteressant.

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