Die Berliner Mauer steht (noch): Blondie, Verzeihung Lorraine (Charlize Theron), versucht, unauffällig zu sein. Die Filmemacher bauten in Budapest eine 80 Meter lange, vier Meter hohe Berliner Mauer nach. - © Jonathan Prime
Die Berliner Mauer steht (noch): Blondie, Verzeihung Lorraine (Charlize Theron), versucht, unauffällig zu sein. Die Filmemacher bauten in Budapest eine 80 Meter lange, vier Meter hohe Berliner Mauer nach. | © Jonathan Prime

Kultur "Atomic Blonde" im Kino: Die Braut haut ins Auge

In dem Thrillerschlägt sich Charlize Theron als Geheimagentin im November 1989 kurz vor dem Mauerfall durch ein brodelndes Berlin

Anke Groenewold

Bielefeld. Ihre Augen sind blutunterlaufen, die Lippen geschwollen. Lorraine taucht ihren geschundenen Körper in eine Badewanne mit Eiswürfeln. Wenig später sitzt die britische Top-Agentin bei ihrem Arbeitgeber, zündet sich lässig die erste von vielen Zigaretten an und erzählt von ihrem Einsatz in Berlin, der im November 1989 so grandios gescheitert ist. „Atomic Blonde" ist die Verfilmung der 2012 gestarteten Comicromanreihe „The Coldest City", geschrieben von Antony Johnston und illustriert von Sam Hart. Eine wichtige Inspiration waren für Johnston Romane von John le Carré und James-Bond-Filme. Nur, dass diesmal eine unfassbar coole Agentin im Mittelpunkt steht, die mindestens so abgebrüht ist und brutal austeilt und einsteckt wie Daniel Craigs James Bond. Schade, dass der Film darüber hinaus nicht sehr originell ist. „Traue niemandem", bekommt Lorraine (Charlize Theron) im Büro des britischen Geheimdienstes MI6 mit auf den Weg. Das sollte auch der Zuschauer beherzigen. Lorraine soll eine brisante Liste aus Berlin herausschmuggeln und macht gemeinsame Sache mit dem geschäftstüchtigen MI6-Agenten David Percival (James McAvoy), ein freier Radikaler, der sich in der geteilten Stadt bewegt wie ein Fisch im trüben Wasser. Der Plot hat die üblichen Zutaten eines Agententhrillers: rivalisierende Geheimdienste, Geheimnisse, Doppelagenten, Verrat, Kämpfe, Verfolgungsjagden. Es sind gewohnte Muster samt einer Überraschung am Schluss. Regisseur Leitch schwelgt in fleischigen Details Die Story ist holprig erzählt und wird schnell zweitrangig. Virtuos, wenn auch sehr brutal, sind die Actionszenen. Regisseur Leitch ist ein Profi. Er war selbst Stunt-Double für Brad Pitt, Matt Damon und Jean-Claude Van Damme und gab 2014 sein Regie-Debüt mit „John Wick". Eine 12-minütige Schlacht in einem Treppenhaus, in der Lorraine einen Gegner nach dem anderen erledigt und Herdplatten und Korkenzieher einsetzt, bleibt in Erinnerung – wegen der Choreografie, aber auch, weil die Montage so exquisit ist, dass sie die Schnitte verschleiert. In ihrer Häufung und Länge sind die Actionszenen aber ermüdend. Regisseur Leitch schwelgt in fleischigen Details. Wenn die Kamera schon auf das blutüberströmte Gesicht eines Opfers hält, dann setzt Leitch gern noch eins drauf und lässt Blut auf die Kameralinse spritzen. Dass sie in Kämpferinnenrollen eine gute Figur macht, hat die 42-jährige Südafrikanerin Charlize Theron bereits in dem Endzeit-Actionfilm „Mad Max: Fury Road" bewiesen. Für „Atomic Blonde" schaltet sie auf kühl, unnahbar und geheimnisvoll. Alles in diesem Film ist konsequent stilisiert, auf die Spitze getrieben und bewusst bis zum Anschlag und drüber hinaus gedreht: die hyperkühle, hyperblonde, hyperstylische Superfrau; die krasse Gewalt; die 80er-Jahre-Musik, die mitunter das Geschehen ironisiert („99 Luftballons"); die sorgsam komponierten Bilder; die hochgejazzte Inszenierung Berlins als abgerockte und fiebrig kreative, wilde Frontstadt des Kalten Kriegs, in der alles möglich scheint. Gedreht wurde übrigens überwiegend in Budapest. Wer nicht mehr als Oberflächenreize erwartet und Brutalität im Kino nicht scheut, kann sich hier passabel unterhalten fühlen. Vom deutschen Personal in winzigen Rollen bleibt Barbara Sukowa in Erinnerung („Wir Deutschen machen keine kleinen Fehler") – und der unfreiwillig komische Til Schweiger als wortkarger Uhrmacher.

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