Ein Kreis schließt sich: Lars Montag stellte seinen Film in der Kamera in Bielefeld vor, wo er als Teenager viele Filme gesehen hat. Wenn er mit Freunden aus Kirchlengern in die Stadt fuhr, seien die in die Disco gegangen. „Mich haben sie an der Kamera abgesetzt“, erinnert er sich. Foto: Sarah JoneK - © Sarah Jonek
Ein Kreis schließt sich: Lars Montag stellte seinen Film in der Kamera in Bielefeld vor, wo er als Teenager viele Filme gesehen hat. Wenn er mit Freunden aus Kirchlengern in die Stadt fuhr, seien die in die Disco gegangen. „Mich haben sie an der Kamera abgesetzt“, erinnert er sich. Foto: Sarah JoneK | © Sarah Jonek

Kultur Bünder dreht Kinofilm über Glück, Liebe und Sex

Regisseur Lars Montag über sein Kino-Debüt „Einsamkeit und Sex und Mitleid“, emotionale Kneipp-Bäder und den Maffay-Schlager „Du“

Anke Groenewold

Herr Montag, Ihr Film beruht auf dem gleichnamigen Bestseller von Helmut Krausser, mit dem Sie auch das Drehbuch geschrieben haben. In dem bitterbösen und komischen Episodenreigen suchen Menschen aller Altersgruppen nach Glück, Liebe und Sex, kreisen aber vor allem um sich selbst. Sie sind aktuell auf Kinotour. Wie kommt der Film beim Publikum an? LARS MONTAG: Das Tolle am Film und auch an den Reaktionen der Zuschauer ist das Wechselbad. Es wird viel gelacht, die Leute amüsieren sich prächtig, aber es gibt auch Momente, wo einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Das ist wie ein emotionales Kneipp-Bad, und es ist toll, dabei zu sein, wenn die Leute in der Achterbahn sitzen. Was hat Sie an dem Stoff gereizt? MONTAG: Dass man sich so mannigfaltig im Weg stehen und unglücklich werden kann wie diese Charaktere, das hatte ich vorher noch nie gelesen. Das hat mich amüsiert. Außerdem ist das Buch sehr filmisch geschrieben und es hat tolle Dialoge. Von denen haben wir viele übernommen. Die Situationen haben wir stark verändert und zum Beispiel den Anger Room und die Silent Disco dazugegeben. Im „Wutraum" bezahlt man dafür, den Frust rauszulassen, und darf ein Zimmer samt Mobiliar zertrümmern. In einer stillen Disco, die eine Unterwasserwelt simuliert, tanzen alle mit Kopfhörer. MONTAG: Nachgemachte Realität schien uns passend für den Film. Das Verrückte ist, dass es das alles gibt. Angst, Wut, Selbstbezogenheit, Rassismus sind einige Themen des Films. Sehen Sie ihn als Zustandsbeschreibung der deutschen Gesellschaft? MONTAG: Wir finden ihn wahrhaftig. Ob er eine Zustandsbeschreibung ist, müssen andere beurteilen. In erster Linie ist der Film eine Komödie. Die Figuren sind zwar speziell, trotzdem kennt man alles ein bisschen von sich selbst. Über diese Zuspitzung der eigenen kleinen Unzulänglichkeiten entspannt zu lachen, ist das Schönste, was der Zuschauer mitnehmen kann. Der Film wirkt schärfer als das Buch. MONTAG: In manchen Teilen ja, in anderen nicht. Wenn Julia mit dem Callboy verhandelt, hat man beim Lesen natürlich seine eigenen Bilder. Aber wenn dann im Film wirklich Menschen halbnackt voreinander stehen und diese Sätze sprechen, ist das unmittelbarer und auch härter. Im Film verdeutlichen Sie das Um-sich-selbst-Kreisen auch durch Objekte wie den Selfie-Arm oder das Fitnessarmband. MONTAG: Was die Nöte und Sehnsüchte der Menschen angeht, ist der 2009 erschienene Roman hochaktuell. Aber was die Gadgets und die technischen Dinge angeht, haben wir ihn aktualisiert. Es sind die Jungen, die im Film den größten Anlass zu Hoffnung geben. MONTAG: Absolut. Die beiden Teenager fangen völlig verquer an, pendeln sich dann aber langsam auf den richtigen Weg ein. Der Film ist direkt, auch was Sexszenen und Nacktheit angeht. MONTAG: Es sind ja gar keine langen, expliziten Szenen. Wir reden auch nicht über Sex, sondern über schlechten Sex, und das ist sehr ambivalent. Man könnte sich darüber totlachen, wie es im Film zum Vollzug kommt, auf der anderen Seite ist das auch bitterböse und traurig. Äußere Nacktheit finde ich auch nicht so interessant. Verblüffend ist die emotionale Nacktheit. Warum spielt der Peter-Maffay-Schlager „Du" eine große Rolle? MONTAG: Ich fragte mich, was alle Figuren verbindet. Für mich suchen sie alle ein Mittel gegen die Schwerkraft, gegen das, was uns zum Tod, zum Ende, zum Boden zieht. Das Gegenmittel zur Schwerkraft ist die Fliehkraft, und die erzeugt man durch Eigendrehung. Alle Figuren drehen sich wie wahnsinnig um sich selbst. Dann kam mir dieses „Du" in den Sinn, das ja auch ein Projektionsgedanke ist: Der Partner ist dafür da, um mich glücklich zu machen. Damit geht das Problem ja los. Den ungewöhnlichen Soundtrack schrieb Konstantin Gropper, besser bekannt als „Get Well Soon". Er singt sogar „Du". MONTAG: Konstantin Gropper singt ja sonst nie Deutsch, aber für den Film hat er sich einen Ruck gegeben. Er singt das Lied, während Robert im Anger Room alles zerschlägt. Konstantin hatte die Idee für einen chorischen Soundtrack. Die Stimmen sind im Raum verteilt, so dass sich die Filmmusik im Kopf des Zuschauers mischt. Das ist ein akustisches Raumerlebnis, das man nur im Kino hat. Unter den 13 Figuren, deren Geschichten kunstvoll verwoben werden, ist Janine, Künstlerin aus Bielefeld. Sie bemalt Menschen, so dass sie am Ende wie Gemälde aussehen. Warum? MONTAG: Ich fand, dass das genau das Richtige für Janines Kunst ist, weil es ein bisschen übergriffig ist, Menschen nach dem Mitleidsprinzip auszusuchen und als Leinwand zu benutzen – sie entscheidet sich ja für Robert, weil er im Baumarkt so traurig aussieht. Es ist auch ein bisschen ein Film gegen das Verschwinden. Robert ist, wenn er bemalt und mit dem Hintergrund eins ist, völlig verschwunden. Der Film hat knackige Dialoge und Situationskomik, überzeugt zudem noch mit starken Bildern und einer augenfälligen Ausstattung. Es gibt viel zu sehen. MONTAG: Das ist das Schöne an Cinemascope – man kann Menschen in einer Großaufnahme zeigen und erfährt im Mittel- und Hintergrund immer noch mehr über die Figur.

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