Tatort-Kommissar Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) stoßen auf einen grausamen Fund. - © NDR/Christine Schroeder
Tatort-Kommissar Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) stoßen auf einen grausamen Fund. | © NDR/Christine Schroeder

TV & Film Tatort: Die Sache mit Rosi und dem abgetrennten Finger

Fall aus Kiel mit Borowski und Brandt

Angela Wiese

Es gibt Tatort-Folgen, die schon mit ihrer Beschreibung im Vorfeld abschreckend wirken können. "Borowski und das dunkle Netz" ist so eine Folge. Umso schöner, wenn der Zuschauer fürs Einschalten dann doch belohnt wird. Der Tatort aus Kiel war sehr gut. Was in Erinnerung bleibt, ist allerdings nicht das Hauptthema dieser Folge. Sondern Rosi und der abgetrennte Finger. Das angekündigte Thema des Kieler Tatorts "Borowski und das dunkle Netz" war Cyber-Kriminalität im Darknet. Würde das ein weiterer öder Film über das angeblich ausschließlich Unheil bringende Internet werden? Der Kieler Tatort war genau das nicht. In dem Film von David Wnendt (Buch, Regie) und Thomas Wendrich (Buch) sind die gute alte Ermittlerarbeit und die im Vergleich neue Cyber-Crime-Problematik derart gut miteinander verstrickt, dass der Film weder öde noch abgehoben wirkt. Auch das nicht Netz-affine Publikum sollte mitkommen bei den Themen Darknet und Bitcoins, weshalb die Tatort-Macher - und das ist neu - animierte Erklärstücke eingeflochten haben. Nicht irgendwie, sondern eigentlich für Kommissar Borowski, der im Gegensatz zu seiner Kollegin Sarah Brandt so gar nicht in der virtuellen Welt drinsteckt. Das alles ist interessant, weil die Morde in diesem Tatort virtuell in Auftrag gegeben wurden und die Cyber-Crime-Einheiten der Polizei thematisiert werden. Rosi und der Täter Was diesen Tatort aus Kiel aber auch interessant, ja stellenweise sogar irritierend macht, ist der Täter Hagen Melzer (Maximilian Brauer) und die Hotel-Angestellte Rosi (Svenja Hermuth). Die beiden - hervorragend gespielt - lassen das Publikum sprachlos zurück. Hagen Melzer schießt in den ersten Minuten des Films mehrere Menschen in einem Sportstudio nieder. Ein Bodybuilder allerdings kann sich wieder aufrappeln und verprügelt Hagen schwer. Das alles passiert kurz bevor der Zuschauer dann das erste Mal den erfolgreich geflüchteten Täter dabei beobachten darf, wie er seine Wunden versorgt, sich eine Spritze in den Rücken jagt. Da ist Augen zukneifen angesagt. Auch dieser Tatort war definitiv nichts für schwache Nerven. Das Leiden des Täters hört nicht auf. In dem Hotelzimmer, in dem er sich versteckt, fällt ihm ein Spiegel auf den Finger und trennt diesen ab. Einfach so, fast lautlos. Dieser Anblick ist schwer erträglich für den Zuschauer. Und Rosi? Die Hotelangestellte steht auf Hagen. So sehr, dass sie sich auch von abgetrennten Fingern nicht ablenken lässt. Als Hagen nach dem Verlust des Fingers ins Koma fällt, nutzt Rosi die Gunst der Stunde, räumt auf, schmeißt den Finger in die Toilette, zieht sich aus und legt sich zu ihm. Es sind unter anderem die bizarren Momente zwischen Rosi und Hagen, die den Tatort aus Kiel auflockern und spannend machen. Als Rosi später stirbt, interessiert das zwar niemanden. Und auch Hagen spielt nach seinem Tod keine Rolle mehr für die Ermittlungen. Dennoch: Was im Gedächtnis von diesem Tatort hängen bleibt, sind diese beiden und ihr skurriles Verhalten. Weitere Umfragen finden Sie im NW-Leserforum. Lesen Sie auch, was Ihnen das neue Leserforum bietet.

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