Eurofighter-Pilot Lars Koch (Florian David Fitz, vorne) muss sich für den Abschuss eines entführten Passagierflugzeuges verantworten. Sein Verteidiger (Lars Eidinger, l), die Staatsanwältin (Martina Gedeck) und der Richter (Burghart Klaußner, r) in der Verhandlung. - © dpa
Eurofighter-Pilot Lars Koch (Florian David Fitz, vorne) muss sich für den Abschuss eines entführten Passagierflugzeuges verantworten. Sein Verteidiger (Lars Eidinger, l), die Staatsanwältin (Martina Gedeck) und der Richter (Burghart Klaußner, r) in der Verhandlung. | © dpa

Kultur "Terror" in der ARD: TV-Publikum entscheidet zu 86 Prozent auf Freispruch

Mit überwältigender Mehrheit sprechen die Zuschauer den in einem TV-Gerichtsdrama angeklagten Luftwaffenpiloten frei, der im Film eigenmächtig einen Airbus abschoss.

Berlin (dpa). Das deutsche Fernsehpublikum hat für Freispruch plädiert: 86,9 Prozent der TV-Zuschauer entschieden am Montagabend nach dem TV-Film „Terror - Ihr Urteil" (ARD), dass der Bundeswehrsoldat, der eine Passagiermaschine mit 164 Menschen an Bord abschoss, um 70.000 Leute in einem Fußballstadion zu retten, unschuldig ist. Nur 13,1 Prozent hielten ihn für schuldig. Allerdings hatte das Erste mit erheblichen technischen Problemen während der Abstimmung zu kämpfen, denn die Internetseite war schwer erreichbar, die beiden Telefonnummern meist besetzt, oder es kam einfach die Ansage: „Ihr derzeit gewünschter Gesprächspartner ist derzeit nicht erreichbar." In den sozialen Netzwerken wie Twitter äußerten sich einige User deswegen spöttisch, andere lobten aber auch die Qualität des Films: „TV ist alles andere als tot." Bei der zeitgleichen Ausstrahlung in Österreich kam ein identisches Urteil zustande: 86,9 Prozent plädierten für Freispruch, in der Schweiz waren es 84 Prozent. Das TV-Spiel mit Martina Gedeck, Burghart Klaußner, Florian David Fitz und Lars Eidinger entstand auf der Basis eines Stücks des Autors Ferdinand von Schirach, das bereits mehr als 400 Mal im Theater aufgeführt wurde. Auch in den meisten Aufführungen stimmte bisher ein Großteil des Publikums für Freispruch, das Abstimmungsverhältnis dort ist etwa 60:40 Prozent für Freispruch. Schuldig oder unschuldig? Ferdinand von Schirach findet: sowohl als auch. Der Soldat habe mit seiner Entscheidung zwar viele Leben gerettet, es gebe „aber nur den tragischen, den schuldigen Helden, nie den glücklichen", sagte von Schirach in einem Interview der Bild-Zeitung. „In unserem Fall hieße das: Abschuss und anschließend lebenslänglich ins Gefängnis." In einer „hart aber fair"-Sondersendung direkt nach der Ausstrahlung des Films lieferten sich der frühere Innenminister Gerhart Baum (FDP) und der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) eine heftige Kontroverse. Für Baum war der Pilot juristisch ein Mörder. Baum betonte den ewigen Grundsatz des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar". Leben dürfe nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Im übrigen sei der Ausgang einer Flugzeugentführung bis zuletzt nicht entschieden. Baum verwies auf ein entsprechendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2006, an das sich alle zu halten hätten. Dagegen betonte Jung, die einzig entscheidende Frage sei, ob das Leben der 70.000 Menschen im Stadion noch zu retten sei. Auch diese hätten eine Menschenwürde. Das Leben der Passagiere in der entführten Maschine sei ohnehin nicht mehr zu retten gewesen. Hier gebe es einen Fall von übergesetzlichem Notstand. Thomas Wassmann, Waffensystemoffizier der Luftwaffe, gab zu Bedenken, dass in den heutigen Zeiten des Terrorismus die Welt eine andere sei als bei der Einführung des Grundgesetzes nach dem Zweiten Weltkrieg. Es stelle sich die Frage, ob das Grundgesetz nicht geändert werden müsse. Die evangelische Theologin Petra Bahr erinnerte an die NS-Widerstandskämpfer gegen Hitler, die bereit waren, schuldig zu werden und das Leben einiger Menschen zu opfern, um das Leben vieler zu retten. Die innenpolitische Sprecherin der Linken-Bundestagsfraktion, Ulla Jelpke, kritisierte in einer Pressemitteilung, der Film solle der geistigen Mobilmachung für den Ausnahmezustand dienen, um Gesetzes- und Verfassungsänderungen sowie Grundrechtsabbau zu rechtfertigen. Reaktionen bei Twitter Was #TerrorIhrUrteil ganz offenbar zeigen soll & in der Diskussion hier zeigt: Das Leben ist nicht schwarz-weiß und schon gar nicht einfach. — Fabian Lebersorger (@faebiaen) 17. Oktober 2016 Ich bin schockiert das anscheinend nur 13% der Zuschauer im TV unser Grundgesetz kennen und verstehen, warum wir es haben. #TerrorIhrUrteil — ✍✨PㅂT (@JustMe_HH) 17. Oktober 2016 Gerhard Baum mit wichtigen Sätzen zu #TerrorIhrUrteil bei #hartaberfair: "Dürfen Regeln des ZsmLebens nicht aufgrund von Terrorangst ändern" — Julian (@KopfK) 17. Oktober 2016 Rechtlich&moralisch gibt es hier verschiedene Meinungen. Wer aber Art. 1 GG "aktualisieren" will, hat GG nicht verstanden. #TerrorIhrUrteil — Hubertus Heil (@hubertus_heil) 17. Oktober 2016 Die Menschenwürde ist unantastbar. Wie gut, dass Art. 1 GG nicht per Televoting abgeschafft werden kann. #TerrorIhrUrteil — Miriam von Fintel (@m_vfintel) 17. Oktober 2016 Das Publikum nimmt in Kauf, Werte und Moral aufzugeben, um ein maximales Gefühl von Sicherheit zu erlangen. #TerrorIhrUrteil#hartaberfair — Merve Kayikci (@primamuslima) 17. Oktober 2016 87% der Fernsehzuschauer, 59% der Theaterbesucher plädieren für nicht schuldig. Interessanter Unterschied 😎#terrorihrurteil#hartaberfair — Martin Bludau (@MartinBludau) 17. Oktober 2016 Wäre das Urteil ebenso ausgefallen, wenn der Angeklagte Martin Semmelrogge und nicht Florian David Fitz hieße? #Terror#TerrorIhrUrteil#ARD — Timo Lokoschat (@Lokoschat) 17. Oktober 2016

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