Tenor-Ehefrauen am Rande des Nervenzusammenbruchs: Andreas Thiemann (v.l.), Violeta Gomez,, Ulrike Kleinehagenbrock, Farah Elouahabi und Benjamin Bloch begeisterten mit ihrer immensen Spielfreude und wuchsen besonders in den Gesangseinlagen über sich hinaus. - © Foto: Antje Doßmann
Tenor-Ehefrauen am Rande des Nervenzusammenbruchs: Andreas Thiemann (v.l.), Violeta Gomez,, Ulrike Kleinehagenbrock, Farah Elouahabi und Benjamin Bloch begeisterten mit ihrer immensen Spielfreude und wuchsen besonders in den Gesangseinlagen über sich hinaus. | © Foto: Antje Doßmann

Kultur Schön schräg

Musikalische Verwechslungskomödie: Ken Ludwigs Broadway-Hit „Das Geheimnis der 3 Tenöre“ mit der Musik von Albrecht Stoll sorgte für herrlichen Spaß im Mobilen Theater

Bielefeld. Olàlà, die Franzosen. Da wird ein italienischer Opernstar in Paris erwartet, und das für ihn reservierte Hotelzimmer sieht aus wie ein Saustall. Oder eher wie ein Liebesnest. Noch mit einem hastig vom Boden aufgeklaubten roten Spitzen-BH zwischen den spitzen Fingern öffnet der amerikanische Impressario Henry Saunders, auf dessen geschäftstüchtigem Mist die Idee für das „3 Tenöre“-Megaevent gewachsen ist, die Tür für Tito Merelli nebst Gattin. Von da an nehmen die amourösen Dinge in Ken Ludwigs Verwechslungskomödie „Das Geheimnis der 3 Tenöre“ („Lend Me a Tenor“) ihren turbulenten Lauf. Große Oper im kleinen Komödienformat. An vielen Stellen zum Kichern komisch und genauso schön schräg wie beide Genres in ihrem klassischen Gewand bei Lichte betrachtet sind. Von Logik keine Spur. Stattdessen wird auch auf der Bühne des Mobilen Theaters schon bald Zeter und Mordio geschrien und vom dadaphonischen Orchester unter der Leitung von Peter Gunde wahlweise Rossini, Puccini, Bizet, Liszt oder Verdi dazu gespielt. Blitzschnell ist von Untreue und Verrat die Rede, gehen sich Männer an die Kehle und genervte Frauen in die Luft. Zwei Stunden verstreichen auf diese Weise kurzweilig, bis sich der Nebel aus falschen Verdächtigungen lichtet und sich eine einigermaßen zerknirschte Schar eitler Selbstdarsteller mit einer sanften Lektion im edlen Reisegepäck von der Bühne verabschiedet. Nach „Otello darf nicht sterben“ ist „Das Geheimnis der 3 Tenöre“ das zweite Stück aus der Feder des 1950 in Pennsylvania geborenen Bühnenautors Ken Ludwig, das Albrecht Stoll für das Laienensemble seines Hauses inszeniert hat. Mit dem ausgebildeten Tenor Harald Kleine Kracht in der Rolle des an Pavarotti und Co. angelehnten Opernstars Merelli ist allerdings ein Sänger zu erleben, der die musikalische Komödie trägt und den anderen Akteuren mit seinem variablen Tenor Orientierung gibt. Und gesungen wird viel in diesem Stück. Nach den Querelen um die Urheberrechte von „Mahagonny“ muss es für Stoll eine Wohltat gewesen sein, die nicht mehr geschützten Arien aus „Don Carlos“, „La Traviata“, „Tosca“ oder „Die Italienerin in Algier“ musikalisch frei bearbeiten und mit eigenen Texten unterlegen zu können. Funkensprühende Energie und frivoler Frohsinn Man merkt dem Stück seine Erleichterung an, auch sein bissiges Vergnügen, dem Kunstbetrieb einen Spiegel vorzuhalten. So kam das Publikum beispielsweise in den heiteren Genuss, die liebeshungrige russische Sopranistin Tatiana Racon (Violeta Gomez), von der es hieß, sie habe einmal ein Konzert für Putin in St. Petersburg gegeben, singen zu hören: „Schafft mir schnell Männer her/ich brauch Verkehr“. So wie die Schauspielerin in dieser Rolle mit funkensprühender Energie und frivolem Frohsinn überzeugte, tat sich das gesamte Ensemble durch immense Spielfreude hervor und wuchs besonders in den Gesangseinlagen über sich hinaus. Umgekehrt machte es Spaß, die schauspielerischen Qualitäten des Sängers Harald Kleine Kracht zu erleben. Ulrike Kleinehagenbrock als seine Gattin Maria bot den eifersüchtigen Attacken des Liebsten stilvoll Paroli, und besonders zu Beginn ihres gemeinsamen Auftritts übertrumpften sich die beiden im komisch gelispelten italo-germanischen Kauderwelsch. Farah Elouahabi und Benjamin Bloch als heftig entflammtes Liebespaar eroberten die Zuschauerherzen mit ihrem unverfälschten Charme, und Norbert Ruppik glaubte man den profitorientierten Ami ebenso wie man dem ständig hin und her hastenden Andreas Thiemann die Rolle eines sich ehrgeizig nach oben singenden Provinztenors abkaufte. Das fabelhaft aufspielende dadaphonische Orchester mit Tatjana Schuster am Klavier, Lieselotte Rosenberg am Cello, Michael Rattay an der Klarinette und dem für Regie und Musik verantwortlichen Albrecht Stoll an der Percussion, trug zur besonderen Klasse dieser an Wortwitz und originellen Regieeinfällen (wann sah man je einen Tenor mit einer gepökelten Rinderzunge plaudern?) reichen Komödie bei. Nicht nur für Freunde der italienischen Oper eine echte Empfehlung. ´? Weitere Vorstellungen: 12./13. Januar, 19./20. Januar, 26./27. Januar, Kartenvorbestellung unter Tel. 12 21 70, mobiles.theater@t-online.de oder bei der Touristinfo.

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