Kunsthalle Bielefeld Ein anderer Blick auf den Expressionismus

Eine neue Schau beschreibt die Kunstrichtung als Revolte as Spießertum

Heike Krüger

Bielefeld. Als farbenfroh, pittoresk, oft ein wenig verstörend wird die Kunst des deutschen Expressionismus überwiegend rezipiert. Dass dieser Kunststil, der sich ebenso in anderen Gattungen wie Theater, Literatur, Tanz und Architektur niederschlug, mehr als eine Kunstrichtung war, vielmehr eine kritische und hochbrisante „Zeiterscheinung“ (Zitat Oskar Kokoschka) gerät viel zu oft aus dem Fokus. Den deutschen Expressionismus in seiner Rolle als erste deutsche Avantgardebewegung, „die große gesellschaftliche Bedeutung hatte“, zu beleuchten, ist das Anliegen der Kuratorin der aktuellen Schau in der Bielefelder Kunsthalle, Jutta Hülsewig-Johnen, und ihrer Assistentin Henrike Mund. Heute um 19 Uhr wird die Schau „Der böse Expressionismus – Trauma und Tabu“ mit rund 200 Exponaten – Leihgaben und Werke aus dem Kunsthallen-Bestand – in Bielefeld eröffnet. Gemalte Sinnenfreude Viele Expressionismus-Ausstellungen, resümiert Fachfrau Hülsewig-Johnen, die sich seit 1985 mit verschiedenen Aspekten dieser Kunstrichtung befasst, werden zu Publikumsmagneten, meist aufgrund ihrer überbordenden Farbigkeit und ihrer elementaren holzschnittartigen Figuren. Bei der Betonung des dekorativen Moments werde allerdings die eigentliche Intention der Expressionisten am Vorabend des Ersten Weltkriegs „häufig verflacht“. „Es brodelte gewaltig in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts“, so Hülsewig-Johnen. Existentielle Verunsicherung der Menschen, eine diffuse Nervosität im Bürgertum, proletarisches Massenelend als Folgen der Industrialisierung, Landflucht und Wohnungsnot in ausufernden Großstädten bereiteten den innenpolitischen Boden für die Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Die herrschende Gesellschaftsordnung des wilhelminischen Kaiserreichs sei heillos überfordert gewesen mit den rasanten Veränderungen, zementierte ihre rigiden Normen und verlogenen Konventionen umso stärker. In diese Atmosphäre hinein stieß die Künstlerbewegung des Expressionismus’. Die jungen Künstler stammten zumeist selbst aus bürgerlichen Schichten und rebellierten nun gegen deren Körperfeindlichkeit und Doppelmoral. Ihre Darstellungen menschlicher Akte etwa hielten den eingefrorenen, leblosen Zeichnungen der Akademie-Säle sinnliche, lebensnahe, „natürlichere“ Darstellungen aus den sinnenfreudigen Stimmungen der Künstlerateliers entgegen. So liegt ein Schwerpunkt der Ausstellung auch auf der Aktmalerei: Zu sehen sind farbenprächtige Ölgemälde von Ernst Ludwig Kirchner, August Macke und Erich Heckel mit Einzelpersonen und Paaren, die ihre Sinnlichkeit ausleben. Auch hier freilich nicht frei von Rollenklischees und Ungereimtheiten, wie etwa der wiederholten Darstellung minderjähriger Aktmodelle bei Kirchner. Zu sehen sind außerdem bildgewordene Beschwörungen des „natürlichen Lebens in der Natur“ – Akte von Otto Mueller und Karl Schmidt-Rottluff. Aber auch bislang nie gezeigte Skizzen und Zeichnungen aus dem Kirchner-Nachlass, die das freizügige Künstlerleben bis hin zum Liebesakt zeigen. Außerdem Portraits, die innere Vorgänge zeigen anstatt äußerlicher Perfektion. Ein Ausflug in die karikierende Kunst von George Grosz ergänzt den sehenswerten Querschnitt. Grosz’ schonungsloser Blick auf die Fratze hinter dem Biedermann, der Wasser predigt und Wein trinkt, richtet sich auch auf die Bordelle und Varietés der Großstadt, wo mittellose Mädchen den Herren des Bürgertums zu Willen waren. Die Tabubrüche der Künstler und die Bewältigung ihrer Traumata erlebter Bürgerlichkeit beriefen sich auf die soeben aufgekommenen Lehren Sigmund Freuds, der Neurosen und andere psychische Störungen auf eine fehlgeleitete Triebunterdrückung zurückführte. Ein weiteres Kabinett in der Kunsthalle ist dem Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommenden modernen Ausdruckstanz gewidmet. Ebenfalls Kirchner und auch Emil Nolde griffen das Sujet auf und reihten es in ihre Konzeptionen ein. Den Menschen in seiner Bedrängnis zeigt eine Gemäldereihe mit Werken von Käthe Kollwitz, Erich Heckel, Otto Dix, Max Beckmann und anderen, die die Hölle des Stellungskriegs sowie die weitreichenden Folgen des Zivilisationsbruchs für den Einzelnen aufgriffen. Die facettenreiche Schau mit stimmiger Gliederung ist bis März zu sehen.

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