Getanzte Emotionen: Tänzer Brecht Bovijn bricht aus der Glocke aus, die das Zentrum der Bühne ausmacht. Foto: Joseph Ruben - ©Joseph Ruben
Getanzte Emotionen: Tänzer Brecht Bovijn bricht aus der Glocke aus, die das Zentrum der Bühne ausmacht. Foto: Joseph Ruben | ©Joseph Ruben

Kultur Gesichter der Liebe und des Leids

Theater Bielefeld: Die Uraufführung von Simone Sandronis Tanzstück „Romeo und Julia“ zur fordernden Ballettmusik Sergej Prokofjews spart nicht mit Effekten. Die Philharmoniker brillieren direkt auf der Bühne

Heike Krüger

Bis heute spannend und aktuell sind Liebe und Drama des wohl berühmtesten Liebespaares der Weltliteratur. Tanz Bielefeld hat sich Shakespeares „Romeo und Julia“, die zu Herzen gehende Verstrickungsgeschichte, vorgenommen und gezeigt: das Thema bietet noch immer Raum genug für frische Adaptionen. Zur Ballettmusik unter gleichem Titel von Sergej Prokofjew von 1935, gespielt von den konzentriert im Bühnenhintergrund wirkenden Bielefelder Philharmonikern, entwickelte Bielefelds Tanzchef Simone Sandroni einen abendfüllenden Bilderbogen. Am Freitag hatte die Produktion Premiere im Bielefelder Stadttheater. Dem Publikum wird variantenreicher, kraftvoller wie emotional aufgeladener Tanz geboten, illustriert mit ab und zu arg auf die Spitze getriebenen Effekten. Eine raumgreifende Bühnenkonstruktion, Videoprojektionen, Trockeneisnebel, Kostümwechsel vor den Augen des Publikums, Musiker im Hintergrund der Tanzhandlung – und am Ende auch noch ein prasselnder Regenvorhang lassen das Setting ein wenig überladen wirken. Wenngleich jedes Stilmittel für sich genommen perfekt inszeniert ist, hätte Verknappung den Fokus geschärft. Davon abgesehen bekommen die Zuschauer eine insgesamt stimmige Produktion mit zehn jungen Akteuren präsentiert, deren unterschiedliche Körpersprachen aufmerken lassen.»Kunst soll sich aus dem Leben speisen« Eine Herausforderung ist das berühmte Drama für das bislang in Bielefeld eher themenbezogen arbeitende Ensemble allemal. Galt es doch für Sandroni, dem Ballett Prokofjews, das als ein Höhepunkt in dessen musikalischen Schaffen rezipiert wird und streng der Handlung des Theaterstücks folgt, ganz eigene Zugriffe abzutrotzen. „Kunst soll sich aus dem Leben speisen“, lautet die Überzeugung des Bielefelder Chefchoreografen. So baut auch diese Produktion auf die Erfahrungen und Erlebnisse der Ensemble-Mitglieder. Die bringen sich ganz persönlich mittels Off-Einspielung und Videoprojektion ein: Ihre Gesichter werden immer wieder über-lebensgroß auf die Außenhaut einer riesigen Kunststoffglocke projiziert, die in der Bühnenmitte von der Decke herunterhängt. Hier erzählen die zehn Tänzerinnen und Tänzer von ersten Liebes-Erfahrungen. Schon bei der Erarbeitung des Tanzabends hatte Sandroni Material der Tänzer gewonnen, die sich assoziativ tänzerisch den zentralen Themen des Dramas – Liebe, Hass, Eifersucht, Intrige und Gewalt – genähert hatten. Kaum an der Chronologie der Shakespeare’schen Handlung orientiert, springt die Inszenierung eher von Stimmung zu Stimmung, als von Szene zu Szene der literarischen Vorlage. Universelle Erfahrungen wie die Freuden und Leiden der Jugend, ausgelassene Feste, erste Leidenschaften und Lust, Zurückweisung, Hass und Rivalität werden in kraftvolle, bisweilen akrobatische oder emotionale Bewegungsmotive übersetzt. Die Leichtigkeit der jugendlichen Liebe findet ihren Niederschlag in atemlos-flirrenden, manchmal komik- und stakkato-artigen oder fließenden Bewegungen der zehn Tänzerinnen und Tänzer. Auffallend groß ist die Zahl der Duette, in denen sich die so unterschiedlich beschaffenen Paarbeziehungen abbilden. Die Fans treibender, synchron ausgerichteter Ensembleszenen mit beinahe suggestiver Wirkung kommen ebenfalls auf ihre Kosten. Tanz Bielefeld bleibt seiner Ausrichtung treu, jeder Tänzer-Persönlichkeit einen eigenen Spielraum zu ermöglichen. Das sorgt für ein variantenreiches, oft überraschendes Gesamtergebnis.Die Liebe als schwelgerisches Zentrum allen Seins Die Bühne von Stephan Mannteuffel gliedert in ein Innen (unter der Glas-/Kunststoffglocke) und Außen und legt eine Laborsituation, eine Versuchsanordnung nahe, die Romeos und Julias Handeln in Rebellion zu den Vorgaben ihrer verfeindeten Familien illustriert. Die Liebe wird als schwelgerisches Zentrum allen Seins zelebriert und in ihren Erscheinungsformen gefeiert, gleichgeschlechtliche Liebe inklusive. Den Philharmonikern unter dem Dirigat von Gregor Rot gelingt es, die reiche, vielfältige Instrumentierung der Komposition Prokofjews zum Strahlen zu bringen. Die Musiker bewältigen die rhythmische Komplexität der Partitur, die in Teilen dissonant angelegt ist, scheinbar mühelos. Eine der tänzerisch strahlendsten Szenen kommt ganz zum Schluss: Noriko Nishidate, vom ausdauernd prasselnden Regen bis auf die Haut durchnässt, gibt dem unsäglichen Bedauern, dem Leid der letztlich reuig Zurückgelassenen, angesichts der Selbstmorde der Liebenden, ein intensiv klagendes Gesicht. Während die betroffenen Familien der Toten am Rande stehen. Selten sah man eine Tänzerin so authentisch und mit ganzem Körper trauern, dass ihr noch beim Verneigen zum reich gespendeten Applaus die Tränen in den Augen stehen. Ein starker Auftritt. Weitere Vorstellungen: 27.10., 1., 12., 18., 24. und 26.11., 9., 21., 25.12., sowie 7.4.2018. Karten unter Tel.: (0521) 55 54 44. Infos unter www.theater-bielefeld.de

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