Dystopie in Schwarz-Weiß: Im Lichtstrahl sitzt der Manipulator Jago (Evgueniy Alexiev), Otello (Mikhail Agafonov) schwenkt die Fahne. Links von den beiden steht Jagos Frau Emilia (Hasti Molavian), rechts Roderigo (Lianghua Gong). Der Chor fungiert als Verstärker der emotionalen Irrungen und Wirrungen. - © Foto: Vincent Stefan
Dystopie in Schwarz-Weiß: Im Lichtstrahl sitzt der Manipulator Jago (Evgueniy Alexiev), Otello (Mikhail Agafonov) schwenkt die Fahne. Links von den beiden steht Jagos Frau Emilia (Hasti Molavian), rechts Roderigo (Lianghua Gong). Der Chor fungiert als Verstärker der emotionalen Irrungen und Wirrungen. | © Foto: Vincent Stefan

Kultur Buhs und Bravos für "Otello" am Bielefelder Theater

Premiere: Am Bielefelder Theater inszeniert Paul-Georg Dittrich die Verdi-Oper als tödliche Show des Entertainers Jago. In dieser Rolle brilliert EvgueniyAlexiev

Johannes Vetter

Bielefeld. Paul-Georg Dittrich, so heißt es, sei stets auf der Suche nach einer zeitgenössischen Vernetzung zwischen Musik- und Sprechtheater und nach experimentellen Spielformen. Ein Ergebnis dieser Suche war nun in Bielefeld zu erleben: seine Inszenierung von Verdis Spätwerk „Otello". Nicht allen gefiel Dittrichs radikales Reizüberflutungsprojekt. Videoclip-artige Projektionen allerorten (Vincent Stefan); Schattenspiele; Banner selbst an der Theatergarderobe; flimmernde Monitore im Foyer; es konnte einem Hören und Sehen vergehen in einem Tsunami überbordender Signale, die das Fassungsvermögen bei weitem überforderten. Mit einem Wort – ein mitunter verstörendes Abbild unserer multimedialen Gesellschaft. Aber was hat Verdis geniales Spätwerk damit zu tun? Auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten Blick einiges. Verdi hat eine Zeit lang erwogen, seine im Februar 1887 in Mailand uraufgeführte Oper „Jago" zu nennen, Prototyp des blitzgescheiten Intriganten, dem, wie Ingeborg Bachmann treffend bemerkt, die Demütigung und das Leiden der anderen zum persönlichen Gewinn sich wandelt. Alexiev ist das Trumpf-Ass für den Regisseur Eine originelle Idee also, den verabscheuungswürdigen Bösewicht als einen mit allen Wassern der Verführungskunst gewaschenen Entertainer zu deuten, der seine Show mit aller Raffinesse präsentiert und seine Botschaften, die kaum als solche zu erkennen sind, inmitten eines Ozeans schillernder und glitzernder Effekte transportiert. Der außerordentlich für sich einnehmende Evgueniy Alexiev ist als Jago das Trumpf-Ass im Ärmel des Regisseurs. Er geistert durchs halbe Theater, erscheint großformatig werbend auf einer Leinwand, schmeichelt sich ein, und, wenn man sich nicht gehörig vorsah – man ist ja zum Glück ein anständiger Mensch – hätte er einen an der Angel gehabt. All das untermauert Alexiev mit einer überragenden stimmlichen und schauspielerischen Leistung. Aus einer ganz anderen Welt kommt Sarah Kuffners zu Herzen gehende Interpretation der Desdemona. Sie fügt sich als tragisch-unschuldige Schöne wunderbar ein ins verächtliche Treiben einer Las-Vegas-Welt, in der Ekstase und emotionale Verelendung zwei Seiten einer Medaille sind. Der Fremde Otello hat von Anfang an keine Chance Makellos und anrührend das Lied von der Trauerweide als idyllisches Moment kurz vor dem tödlichen Finale. Die Ermordung der Desdemona findet statt auf leerer Bühne (Lena Schmid, Monika Annabel Zimmer), unter kaltem Licht (Ralf Scholz) und ohne jedes Beiwerk – ein Regie-Einfall, der die von Verdi eindringlich komponierte Verlangsamung der Oper trefflich zum Ausdruck bringt.Die Philharmoniker unter Alexander Kalajdzic bieten mitreißende Musik, setzen brillante Pointen, fächern Verdis Klangfarbenreichtum prächtig auf und demonstrieren, dass Verdis Musik jenseits von rationalem Verstehen einen in die Welt des Ahnens entführt – Multimedia in der Version des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Emilia, Desdemonas Zofe und Jagos Gemahlin, gestaltet Hasti Molavian als sehnsuchtsvolle Frau, die ihre Herrin bewundert und Jagos Kabalen ohnmächtig durchschaut. Überhaupt führt die Instrumentalisierung fast aller Beteiligten zu Szenerien, die an die Pathologien des Films „Einer flog über das Kuckucksnest" erinnert. Opernchor samt Extrachor sind weitere Garanten der mitreißenden Premiere. Vorzüglich einstudiert von Hagen Enke fungieren sie als Verstärker der emotionalen Irrungen und Wirrungen und bestechen einmal mehr mit ihren immensen stimmlichen Möglichkeiten. Diese Rolle ist ein Brocken Otello, der Prototyp des Fremden, hat von Anfang an keine Chance. Sein erstes Auftauchen zeigt ihn als Denkmal seiner selbst, das er höchstselbst, unter Jagos fachkundiger Anleitung, demontiert. Verdi hat Otellos Tenorpartie über alle Grenzen hinaus getrieben, wo Singen und Heulen in Eins fallen, wo es nicht in erster Linie um Schönklang, sondern um Authentizität geht. Diese Rolle fordert grenzüberschreitenden Mut; diese Rolle ist ein Brocken, den Gasttenor Mikhail Agafonov mit Bravour stemmt. Dittrichs Inszenierung nervt, aber sie nervt nicht um ihrer selbst willen, sondern weil die Vorgänge nervtötend sind. Möglicherweise hätte hier und da ein wenig Selbstbeschränkung gut getan. Die belehrenden Bannertexte zum Beispiel nervten den Rezensenten. Das aber wären lediglich Schwächen einer überaus mutigen und gelungenen Premiere.

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