Liebt Süßes: Autor Alexander Gruber beim Gespräch im „La Luna“ anlässlich seines 80. Geburtstag. - © Foto: Andreas Frücht
Liebt Süßes: Autor Alexander Gruber beim Gespräch im „La Luna“ anlässlich seines 80. Geburtstag. | © Foto: Andreas Frücht

Kultur „Das Alter schreckt mich nicht“

Glückwunsch: Alexander Gruber, ehemaliger Chefdramaturg am Theater Bielefeld, feiert heute seinen 80. Geburtstag. Ein Gespräch beim Kaffee über Süßes, Theater, Weltpolitik und die Sorge um Europa

Stefan Brams

Das Gespräch beginnt gleich mit einem Geständnis. „Bei Süßem werde ich sofort schwach, leider", bekennt Alexander Gruber. Und so hat sich der ehemalige Chefdramaturg des Bielefelder Theaters (1975-1998) zum Milchkaffee im „La Luna" gleich mal ein Stück Linzer Torte kommen lassen. Gruber rührt in seinem Kaffee und sagt: „Die Vorliebe für Süßes stammt aus meiner Kindheit." Er erinnere sich noch, wie er als kleiner Junge ein ganzes Weckglas voll mit Zucker verschlungen habe, den seine alleinerziehende Mutter immer für ihre beiden Kinder gebunkert hatte. „Das gab richtig Ärger", erzählt der Theatermann, der heute 80 Jahre alt wird, und deutet eine Ohrfeige an. "Das Schreiben ist Teilmeiner Existenz" Und wie ist das mit dem Alter? Es schrecke ihn nicht, sagt er sofort. „Denn ich bin Gott sei Dank gesund und fühle mich nicht wirklich alt, sondern eher wie 50 oder 60", sagt Gruber, der als Autor in den vergangenen Jahren Buch um Buch veröffentlicht hat. Kürzlich erst hat er den vierten Band mit Tiermärchen im Pendragon Verlag, seinem Hausverlag, herausgegeben – dieses Mal mit Märchen aus Russland. Buch fünf mit chinesischen Tiermärchen ist in Arbeit. Auch ein Buch mit einer Auswahl von Grimms Märchen, die allesamt ein kriminalistischer Hintergrund eint, ist so gut wie fertig. „Ich feile nur noch am Nachwort", betont der am 2. Oktober 1937 in Ebingen/Württemberg geborene Autor, dessen in Berlin lebende Schwester Ursula kürzlich 82 Jahre alt geworden ist. Die Liebe zu den Märchen stamme wie die Liebe zum Süßen auch aus seiner Kindheit, die durch Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit und den damit verbundenen Entbehrungen geprägt gewesen sei. „Ich konnte bereits vor der Einschulung lesen und habe die Märchenbücher daheim nur so verschlungen." Eine Liebe, die bis heute anhält. Gruber nimmt ein Stück von der Torte, sinniert einen Moment und sagt dann: „Nur ein Problem habe ich derzeit, ich schreibe an einem Libretto für eine Franz-von-Assisi-Oper und konnte bisher die Hürde des Anfangs nicht überspringen." Das ärgere ihn. Dabei habe er in seinen vierwöchigen Italienurlaub („Italien ist mein Lieblingsland, hier ist die Landschaft immer auch Kultur") nur Bücher über den Ordensgründer mitgenommen gehabt. „Zum Glück habe ich keinen Abgabetermin", sagt Gruber, dem die Erleichterung darüber anzumerken ist. „Das ist dann doch der Vorteil des Rentnerdaseins", sagt Gruber, der bekennt, „ohne zu schreiben, nicht leben zu können. s gehört einfach zu meiner Existenz dazu", betont er. 1975 hatte es den Dramaturgen, der zuvor acht Jahre lang Lektor und Dramaturg beim S. Fischer Verlag in Frankfurt war, nach Bielefeld ans Theater verschlagen. Hier hat er zusammen mit Intendant Heiner Bruns und dem Oberspielleiter der Oper, John Dew, das Bielefelder Opernwunder bewirkt. Hält er ein solches für wiederholbar in Zeiten, in denen an vielen Häusern gespart wird? „Ja, auch in Bielefeld", sagt er ohne zu zögern und mit Nachdruck. „Aber die Theater brauchen mehr Neugier und mehr Mut, Unbekanntes und Unkonventionelles zu wagen, denn nur so kann so etwas wieder gelingen." Das Bielefelder Theater hält Gruber insgesamt für gut aufgestellt. „Michael Heicks macht einen guten Job. Aber die Oper muss gestärkt werden. Sie braucht wieder mehr eigene Stimmen und Regisseure", mahnt Gruber. Von den erneuten Kürzungen des Theater-Etats durch die Stadt hält der Theatermann „rein gar nichts", die gesamte Kulturpolitik sei hochverbesserungswürdig und die Politik im Stadtrat „finde ich insgesamt sehr bescheiden aufgestellt, um es vorsichtig zu formulieren". Ihm werde seitens von Politik und Verwaltung viel zu kleinteilig gedacht. „Warum nicht die ganze Innenstadt vom Autoverkehr befreien, wie es Tosten Roman Jacke im Holzhausgespräch der NW vorgeschlagen hat", fragt er. So könne die Stadt doch mal ein Zeichen setzen, einen großen Wurf wagen und über sich hinauswachsen. „Bielefeld sollte überhaupt damit aufhören, in Klümkesvereinen zu agieren. Das behindert die Zusammenarbeit und den Fortschritt." Gespannt sei er darauf, ob es dem Theater gelingen werde, aus der Oetkerhalle ein Konzerthaus für Bielefeld zu formen. „Wenn es klappen soll, dann muss die Stadt auch genügend Geld bereitstellen." Mit Sorge blickt Gruber auf die Weltpolitik. „Die Situation wird immer bedrohlicher." Die Lage rund um Nordkorea aber auch das Abdriften vieler europäischer Staaten in den Rechtspopulismus sorge ihn sehr. „Das kann ganz schnell noch weiter umkippen", befürchtet Gruber. Und was wünscht sich Alexander Gruber, der gerne reist, zum Geburtstag? „Keine Geschenke, ich habe eh schon zu viel von allem – vor allem habe ich zu viele Bücher", sagt er lachend.

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