Gegeneinander: Sylvia (Franziska Bienek) und Kurt (Dirk Wittke) zeigen der „Neuen“ (Swantje Riechers) wie es läuft. Foto: Sarah Jonek - © Sarah Jonek
Gegeneinander: Sylvia (Franziska Bienek) und Kurt (Dirk Wittke) zeigen der „Neuen“ (Swantje Riechers) wie es läuft. Foto: Sarah Jonek | © Sarah Jonek

Kultur Letzte Runde im Hamsterrad

„Kaspar Häuser Meer“: Starke Inszenierung am Forum für Kreativität und Kommunikation

Antje Doßmann

Das Kindeswohl und seine Gefährdung innerhalb der Familie ist einer der sensibelsten Bereiche unserer Gesellschaft. Auch für die Auseinandersetzung auf künstlerischer Ebene leitet sich daraus eine besondere Verantwortung ab. Als Felicia Zeller vom Theater Freiburg den Auftrag bekam, ein Stück zum Thema zu schreiben, wusste sie eine Sache sofort: Sie würde keine Kinder auf der Bühne präsentieren. Der Ansatz, den die Bühnenautorin statt dessen wählte, war nur auf den ersten Blick auf der genauen Gegenseite des Problemfeldes angesiedelt. Spielt ihr Drama „Kaspar Häuser Meer", das den Alltag dreier Sozialarbeiterinnen zeigt, doch in einem Jugendamt. Aufrüttelnd an dem Amtsstuben-Kammerspiel ist die präzise Herausarbeitung der erschreckenden Parallele zwischen überforderten Eltern und einem überforderten Helfersystem. Eine mit wenigen Mitteln auf den Punkt gebrachte Inszenierung Indem „Kaspar Häuser Meer" exemplarisch die tägliche Überlastung von Sozialarbeiterinnen im Jugendamt und die so traurigen wie gefährlichen Konsequenzen vor Augen führt, beleuchtet das rasante Sprechtheaterstück die im Handlungsverlauf unsichtbar bleibende Klientelseite indirekt mit. Das Bielefelder Forum für Kreativität und Kommunikation, das sich Zellers bewegende, an manchen Stellen verzweifelt komische, an sich für drei weibliche Hauptfiguren angelegte Farce vorgenommen hatte, präsentierte bei der Premiere im GAB Kulturpunkt eine mit wenigen Mitteln sehr einfallsreich auf den Punkt gebrachte Inszenierung. Unter Christel Brünings Anleitung entwickelte sich zwischen den Schauspielerinnen Franziska Bienek als Sylvia, die zunächst noch trotzigen Sozialarbeiterinnenstolz vertritt, und Swantje Riechers als ständig irgendwelche bürokratisch-akrobatische Verrenkungen machender Neuzugang, ein spannendes Zusammenspiel. Dazwischen Dirk Wittke als ebenfalls herzensguter, allerdings im wachsenden Büro-Chaos zunehmend schwächer agierender Kollege Kurt. So war es weder in Ordnung von ihm, der suchtgefährdeten Sylvia eine Flasche Schnaps zu schenken, noch die junge Kollegin Anika „Häschen" zu nennen. Die Eigenart ihrer jeweils verkörperten Figur ebenso sichtbar machend wie die heikle Struktur ihres Arbeitsplatzes, sorgte das Trio für ein virtuos performtes, absolut überzeugendes Theatererlebnis. Allen drei gelang das Zellerspezifische Speedspeaching, das permanente Zeitnot verratende atemlose Stammeln in Halbsätzen, die redundanten Gedankenschleifen, die eine kardinale Angst verrieten: der Verantwortung für die gefährdeten Kinder nicht gerecht werden zu können. Sie auf mehr Schultern zu verteilen, wäre entlastend für alle. Das ist eine Botschaft, die Zellers Stück wie Brünings Bearbeitung klar transportiert. Es wäre zudem gut, wenn es Frühwarnsysteme auch für Sozialarbeiter gäbe, die über den Rand ihrer seelischen Belastbarkeit zu geraten drohen. „Kaspar Häuser Meer" ist etwas in dieser Art. Weitere Vorstellungen: 17. und 18. November (20 Uhr) im Astoria am Klosterplatz.

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