Umtextet: Volkswohlstand im Blick, Kanzler Ludwig Erhard mit Zigarre, das Volk isst Curry-Wurst. - © Foto: Rolf Birkholz
Umtextet: Volkswohlstand im Blick, Kanzler Ludwig Erhard mit Zigarre, das Volk isst Curry-Wurst. | © Foto: Rolf Birkholz

Kultur Von Erhards Zigarre bis zur Curry-Wurst

Ausstellung: Das Westfälische Literaturmuseum zeigt unter dem Titel „Pop, Protest und Provokation“, wie Literatur und Kunst in Westfalen auf das Epochenjahr 1968 reagieren

Rolf Birkholz

Das beschaulich gelegene Kulturgut Haus Nottbeck wirkt nicht gerade wie ein Ort des Aufbegehrens. Vor 50 Jahren hätte der ehemalige Rittersitz in Stromberg das schon gar nicht ausgestrahlt. So bilden bereits die plakativen Hinweise im Vorhof und erst recht das die Ausstellung „1968 ? Pop, Protest und Provokation" beherbergende Gemäuer selbst einen einstimmenden Kontrast. Die auf drei Ebenen verteilte, dennoch übersichtliche multimediale Schau zur westfälischen Underground-Szene basiert auf dem gleich betitelten Materialienband, den Walter Gödden herausgegebenen hat, der Leiter des Museums für Westfälische Literatur. Auf dieser Grundlage hatte Jeremias Vondrlik freie Hand. Der Bühnenbildner des Westfälischen Landestheaters Castrop-Rauxel hat in abgedunkelten Räumen Text-Installationen in ein Bambusgestänge eingebaut. Das Material erinnert an den Vietnam-Krieg. Der war damals ein Hauptanlass für Protestaktionen, neben der Kritik an verkrusteten Strukturen sowie den Vätern und deren Verhalten zur Nazizeit. "Sie bestimmen Ihren Eintrittspreis selbst" Ein Textband umschlingt das Gestänge. Fünf Rollen bewegen Seiten aus den Zeitschriften Konkret und Twen. Daneben kleine Szenen. Blendend weiße Wäsche hängt auf der Leine, ein abgedeckter Kleinwagen steht vor rostiger Industriekulisse, dazu läuft, originell aus einem geöffneten Henkelmann projiziert, ein Text aus Erika Runges „Bottroper Protokollen", der auch, als wäre es heute, von der Gefährdung der Biosphäre handelt. Etwas weiter bewegen sich Fingerschatten über einer Schreibmaschine. „Als mein erster Roman erschienen ist, nannte man das Pop", wird da Wolfgang Körner zitiert, Autor des Romans „Nowak". Und weiter ohne Punkt und Komma: „An den Amerikanern habe ich mich früh orientiert an Bukowski an Nelson Algren Hemingway an Tom Wolfe". Der Anti-Amerikanismus jener Ära wusste zu differenzieren. Die berühmte, provokativ nackte Rückenansicht der Kommune eins ist mit Lebensmitteln eingefasst. Kanzler Ludwig Erhard liest neben einer Currywurst-Esserin in einem Textrahmen von Lieselotte Rauner und Reinhard Döhl aus „Wohlstand für alle". Hatte man Franz Josef Degenhardts „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" noch mitgesungen, erntete der Protestsänger mit schärferem Ton („Zwischentöne sind Krampf im Klassenkampf") auf den Essener Songtagen 1968 seinerseits Widerspruch. Der Dichter Peter Rühmkorf wiederum wollte sich nicht vereinnahmen lassen und gab „aus Protest gegen den Protest", so Gödden, eine Sammlung unflätiger Abzählreime („Über das Volksvermögen") heraus, zu hören im Keller. Ganz oben im Haus tragen Studenten der Universität Paderborn per Video Experimentaltexte von Döhl vor. Nicht zu vergessen: Im Gartenhaus sind Auszüge aus Körners Roman über den Fotografen Harry S. Nowak als Hörspiel in der Dunkelkammer zu vernehmen. Der Romanheld hat die Fenster eines Abstellraums mit Zeitungsseiten beklebt. Ein Bericht über die Eröffnung der Neuen Nationalgalerie in Berlin vom September 1968 ist „Beat, Protest und schöne Reden" überschrieben. Man wolle prinzipiell „keine Ausstellung von der Stange", würdigt Walter Gödden den theaternahen Zugriff von Ausstellungsmacher Jeremias Vondrlik. Auch diese Regel bei Schauen in Nottbeck klingt wie ein Nachhall von ’68: „Sie bestimmen Ihren Eintrittspreis selbst."

realisiert durch evolver group