Im havarierten Raumschiff: Jakob Walser (v.l.), Melanie Kreuter, Lukas Graser und Henriette Nagel. - © Sarah Jonek
Im havarierten Raumschiff: Jakob Walser (v.l.), Melanie Kreuter, Lukas Graser und Henriette Nagel. | © Sarah Jonek

Bielefeld Uraufführung von "Das Knurren der Milchstraße": Komische Momente

Bonn Park versucht sich mit "Das Knurren der Milchstraße" am Weltuntergang. Ein Abend „für Leute, die bereit sind, sich der Überforderung der Welt zu stellen und aufhören können, über Leichen zu gehen“, sagt der Autor

Johannes Vetter

Bielefeld. Dass Schauspieler singen können, ist – zumindest in Bielefeld seit „Istanbul" – eine Binse. Dass Opernsängerinnen schauspielern können, ist – erst recht im „modernen Regietheater" – durchaus hilfreich. Zu den schauspielerisch Begabtesten des Bielefelder Gesangsensembles gehört zweifellos Melanie Kreuter, und so war es nur folgerichtig, sie bei der Uraufführung von Bonn Parks „Das Knurren der Milchstraße" im TAM3 zu besetzen. Bonn Park, der mit seinem „Knurren" den 1. Preis des Stückemarktes beim Berliner Theatertreffen ergattert hat, führt nicht nur selbst Regie, sondern katapultiert sich als Zeitreisender aus der Zukunft in Gestalt eines elfjährigen Mädchens (Asaia Jucquois) auf die Bretter, die die (hier bereits untergegangene) Welt bedeuten. Zwei heliumgefüllte Ballons halten beide Zöpfe in der Schwebe, was an die legendäre Pippi L. erinnert: „Es ist wirklich komisch eigentlich, und dann wieder auch unendlich furchtbar", tut sie kund. So könnte man auch Bonn Parks Stück einschätzen; na ja, unendlich furchtbar war es nicht; es gab wirklich komische Momente, man darf herzlich lachen, aber es scheint eher eine Aneinanderreihung mehr oder weniger virtuoser Monologe zu sein, die, für sich genommen, schauspielerische Glanzleistungen sind, alle „normal" beginnend, um sich dann in psychopathische Zusammenbrüche hineinzusteigern . . . Sängerin Melanie Kreuter gibt eine manisch-depressive Kassandra Das liegt nahe bei der Personnage: Lukas Graser verwandelt den „fassungslosen Kim Jong-un" in einen schwyzerdütsch brabbelnden Kalauer und brilliert gleichermaßen als „fette Heidi Klum". Henriette Nagel versucht als Kanzlerkandidatin in einem herzzerreißenden Plädoyer, den Blick gen Himmel gerichtet, die Sozialdemokratie zu retten, während Jakob Walser einen mitleiderregenden ehemaligen US-Präsidenten namens Donald Trump porträtiert. Melanie Kreuter, von der man weiß, dass sie singen kann, begleitet sich gekonnt am Klavier und gibt eine „manisch-depressive Kassandra" und beschwört eine Zukunft herauf, in der alles „schlechter" und „schlechterer" und „schlechtererer" sein wird. Das alles wird erzählt aus der Position eines havarierten Raumschiffs. Der Stoff scheint das Material für ein noch zu schreibendes Theaterstück zu sein. Unsere Zukunft ist für die Protagonisten bereits vollendete Vergangenheit. Theater im Futur zwei: „In der Zukunft wird die Welt zerstört sein". So weit so schlecht. Über dräuende Apokalyptik aber sollten wir eigentlich hinaus sein, oder? PS: Zerknirscht bleibt dem Rezensenten noch eine Mitteilung. Er hat die ersten 30 Minuten der zweistündigen Uraufführung verpasst, weil er die Uhrzeit falsch abgespeichert hatte.

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