Bielefeld Premiere von Orwells "1984" am Bielefelder Stadttheater

Die Bielefelder Inszenierung von Christian Schlüter arbeitet die Aktualität der Dystopie pointiert heraus

Bielefeld. Überwachung kennt viele Gesichter: Die Bühnenfassung des George-Orwell-Klassikers „1984" von Robert Icke und Duncan Macmillan aus dem Jahr 2013, die am Bielefelder Stadttheater aufgeführt wird, leuchtet eine im wahrsten Sinne des Wortes grelle Variante aus. Als der von Thomas Wehling gespielte Winston Smith für sein Aufbegehren bezahlen muss und durch Folter dazu bewegt wird, systemkritische Gedanken zu verleugnen, seziert die Inszenierung von Christian Schlüter in einer für das Publikum bedrückend langen Szene die Ingredienzien einer von Angst und Totalitarismus geprägten Gesellschaft. Nicht mehr die Erinnerung eines einzelnen ist es, die das Gewesene definiert, denn der intime Raum persönlicher Vorstellungskraft ist in George Orwells Dystopie zum Hoheitsgebiet „der Partei" geworden. Die Liebe erweist sich letztlich als machtlos Sie schreibt Geschichte neu, erfindet Kriege und unterteilt die Welt in Gut und Böse, um die eigene Machtposition zu untermauern. Das Infiltrieren des kollektiven Bewusstseins ist im Stück bereits so weit vorangeschritten, dass ein Vater stolz auf seine siebenjährige Tochter ist, die seinen nächtlichen Alptraum mit „denkverbrecherischen" Inhalten denunziert: „Meine Kleine steht bestimmt in der ersten Reihe, wenn sie mich exekutieren." Die Liebe als im Privaten wurzelndes Antidot einer solchen Zersetzung erweist sich letztlich als machtlos, wo doch Winstons Begegnung mit der von Laura Maria Hänsel gespielten Julia nur ein kurzes Aufglimmen von Hoffnung vermittelt. So sehr es tröstet, sich im Widerstand nicht allein zu fühlen – die Methoden des Zerschlagens von Zusammenhalt ziehen alle Register, von der perfiden gegenseitigen Kontrolle, die blinden Gehorsam zum Gebot der Stunde (es ist schließlich permanent Krieg) glorifiziert, bis hin zur brachialen „Umerziehung", bei der das „defekte Erinnerungsvermögen" der Untertanen eingeebnet wird zu einem trostlosen Konglomerat konformistischer Introjekte. Sinneserfahrungen fürs Publikum Mit gleißendem Scheinwerferlicht und akustisch unangenehmem Klirren wird dieser Einschnitt als Sinneserfahrung fürs Publikum markiert. Die Schwelle, um die sich der Abend dreht, ist in den auf die Spitze getriebenen Szenen omnipräsent: Wie viel geben wir von unserer Souveränität auf, wenn wir als Gesellschaft einen umfassenden Zugriff auf persönliche Daten zulassen, ohne dass Transparenz dieses Vorgehen demokratisch legitimiert? Inwiefern gefährdet die weltweite Polarisierung, in der extremistische Ansichten zunehmend salonfähig und komplexe Zusammenhänge auf Parolen reduziert werden, ein grundlegendes Lebensgefühl von Freiheit, wie es in den letzten Jahrzehnten hierzulande zur Normalität geworden ist? Worauf könnten „fake news", gefälschte Nachrichten, hinauslaufen? Die Aktualität des Orwell’schen Stoffes arbeitet die Bielefelder Inszenierung pointiert heraus. „Wenn ich anfangen würde, darüber nachzudenken, würde ich verrückt werden", heißt es. In der Sprache erkennt das Regime diegrößte Gefahr Also lieber vorlieb nehmen mit den von „der Partei" vorgestanzten Identitätsschablonen, in denen das tägliche Verkünden, die Schokoladenration würde auf 20 Gramm erhöht, als letztverbliebenes sinnstiftendes Element herhalten muss. Sprache als Medium des Widerstands hat das Regime als größte Gefährdung erkannt. Also setzt hier, mit der Indoktrination des „Neusprech", die „Entpersonung" an: Sobald Ungehorsam nicht mehr ausdrückbar ist, ist er auch als Handlungsoption eliminiert, so das Kalkül der Unterdrücker. Thomas Wolff übernimmt in der Aufführung den Part des maliziösen Antagonisten O’Brien: Sein Doppelspiel, zunächst Vertrauen zu erwecken und sich dann doch als Agent der „Denkpolizei" zu entpuppen, zeigt die Tragik auf, sich als integrer Mensch an nichts mehr festhalten zu können und vom Sog der erzwungenen Vergemeinschaftung ausradiert zu werden. Was dann droht, ist ein Sturz ins Bodenlose, dessen Wucht die Inszenierung mit vielen guten Einfällen und einer durchdachten Video- und Tonkomposition nachdrücklich vermittelt.

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