Monochrome Farbigkeit: Die originalgroßen Modelle, die Thomas Kiesewetter direkt in der Kunsthalle schuf, bestimmen markant den Eintritt ins Obergeschoss. - © Andreas Zobe
Monochrome Farbigkeit: Die originalgroßen Modelle, die Thomas Kiesewetter direkt in der Kunsthalle schuf, bestimmen markant den Eintritt ins Obergeschoss. | © Andreas Zobe

Kunst Spielerisches trifft Massiges: Neue Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld

Skulpturale Positionen von Ulrich Rückriem und 
Thomas Kiesewetter kombiniert

Heike Krüger

Bielefeld. Mit der Kombination zweier künstlerischer Positionen in einer Schau ist die Kunsthalle Bielefeld schon des Öfteren gut gefahren. Kontrastreich, aber auch eindrucksvoll in ihren Entsprechungen, gibt diese Vorgehensweise dem Kunsthallenbesuch einen spannenden „Mehrwert". Aktuell trifft die skulpturale Konzeption Ulrich Rückriems (78) auf jene des jüngeren Kollegen Thomas Kiesewetter (54). Nach der Eröffnung heute Abend sind ab Samstag die massiven Steinblöcke und markanten Eisenobjekte Rückriems zeitgleich mit Papp- und Sperrholz-Modellen sowie lediglich filigran anmutenden, ausladenden Metallobjekten in unterschiedlichen Größen Kiesewetters zu besichtigen. Im Falle Rückriems freut sich Kunsthallen-Direktor und Kurator Friedrich Meschede (Assistenz: Nils Emmerichs) besonders darüber, dass es gelungen sei, nicht nur eine fast vollständige Sammlung von Multiples (Editionen und Auflagenobjekte, die den Erwerb eines künstlerischen Statements für viele ermöglichen) präsentieren zu können; die Werke aus der Sammlung von Rainer Jacobs werden künftig durch eine großzügige Schenkung in den Bestand der Kunsthalle übergehen. Somit verfügt die Kunsthalle fortan über die einzige bekannte Sammlung aller Multiples Rückriems seit 1969. Einer der wichtigsten zeitgenössischen Bildhauer Für die Akteure des Bielefelder Museums erfolgte die Begegnung mit dem Werk Ulrich Rückriems (78), der als einer der wichtigsten zeitgenössischen Bildhauer gilt, schon recht früh: 1978 hatte das junge Ausstellungshaus die massive Steinskulptur „Dolomit, gespalten" erworben, die bis heute im Skulpturenpark zu finden ist. Mit einer Schenkung von Brigitte und Arend Oetker 2014 kam die Innenskulptur „Dolomit, geschnitten, gespalten" hinzu. Neuerdings ergänzt das aus naturbelassenem und poliertem Stein kombinierte Werk „Granit aus Schrems" die Bielefelder Skulpturensammlung im Park an der Kunsthalle. An den Werken Rückriems ist ihr Entstehungsprozess direkt ablesbar. Ihre Titel, sofern vorhanden, beschreiben unlyrisch und konkret, was dem Material widerfahren ist. Die Arbeiten wirken monumental und verletzlich zugleich, sind naturbelassen und immer wieder intensiv bearbeitet, etwa poliert. Rückriems Studien von Raum und Volumen in künstlerischen Kategorien werden ergänzt durch druckgrafische Mappenwerke zu den Multiples. Während bei Rückriem die Ausdehnung seiner Werke an die Körpermaße eines Menschen gekoppelt ist, sprengt Kiesewetter ein Stockwerk höher mit farbenfroh gestrichenen, dennoch monochromen „Modellen" aus Pappe und Holz jegliche menschlichen Maße. Staksig und futuristisch anmutend, fast wie übergroße Fabelwesen, deren verbindende Eigenschaft, so Meschede, „das Ruhen auf Standbein und Spielbein" ist, begrüßen sie die Besucher. Wahlberliner Thomas Kiesewetter, beim Rundgang dabei, hat diese Werke erst in den letzten Wochen am Ausstellungsort geschaffen. Die Kunsthalle hat er damit zu seinem Atelier auf Zeit gemacht. Menschlicher Körper als grundsätzliches Thema Hat sie ihn in der Arbeit beflügelt? „Zunehmend besser", sagt er nicht ohne Selbstironie, sei er mit dem Gebäude klar gekommen. Er lobt dessen „zentrale städtische Lage bei gleichzeitiger Lässigkeit" und die „formale Sicherheit" der Architektur, die zugleich viel Wärme ausstrahle. Im Gegensatz zu Rückriems Position betont er: „Bei mir spielt der menschliche Körper innerhalb der Skulptur die wichtige Rolle, nicht als Maß, sondern als grundsätzliches Thema, ohne dass ich explizit eine Figur abbilde." Seinen Arbeiten wohnt offenkundig eine körperliche Präsenz inne, deren Kern man zu ergründen sucht. Auch bei ihm ist der Schaffensprozess ablesbar, folgt auf die Skizze das Modell. Bei der Umsetzung in schweres Metall, wie etwa Bronze, verleiht der Künstler den Werken nicht selten wieder eine optische (trügerische) Leichtigkeit. Kiesewetters Werke ermöglichen eine „Allansichtigkeit", die der Besucher der Schau unbedingt genauer erkunden sollte.

realisiert durch evolver group