Gelacht wurde auch: Frank Duwe (r.) wirbt im Gespräch mit Stefan Brams für mehr Urbanität in Bielefeld. - © Foto: Wolfgang Rudolf
Gelacht wurde auch: Frank Duwe (r.) wirbt im Gespräch mit Stefan Brams für mehr Urbanität in Bielefeld. | © Foto: Wolfgang Rudolf

Kultur „Mehr Mut zu moderner Architektur“

Mittagsgespräche im Holzhaus (11): Kunstwissenschaftler Frank Duwe über fehlenden Pepp bei der Stadtgestaltung, das Versagen beim Kesselbrink-Umbau, einen Anbau für die Kunsthalle und das neue Kunstdreieck

Stefan Brams

Bielefeld. Frank Duwe ist gebürtiger Bielefelder. Seine Heimatstadt schätzt der Kunstwissenschaftler und Soziologe auch wegen des vielfältigen kulturellen Angebots sehr. „Die Stadt hat eine positive Entwicklung genommen in den vergangenen Jahren“, bilanziert Duwe im elften Mittagsgespräch im Holzhaus. Doch der 63-Jährige mahnt auch zum stärkeren Querdenken vor allem in Sachen architektonischer Stadtgestaltung. „In der Stadtverwaltung wird in dieser Hinsicht nicht kühn genug gedacht. Es fehlen der Wille und der Pepp zur Gestaltung, das schlürrt hier zu sehr vor sich hin“, wird Duwe deutlich. Ein Beispiel für fehlenden Gestaltungswillen und falsches Herangehen sei der Kesselbrink. „Das ist lediglich eine monoton angelegte freie Fläche und kein gestalteter Platz geworden, daher funktioniert er auch nicht als Platz“, sagt Duwe, der eine Agentur für Kunstvermittlung betreibt. "Das Kulturamt verwaltet nur. Wir brauchen ein Kulturmarketing" Ihm sei völlig unverständlich, dass bei der Planung des Platzes die Bürger nicht einbezogen worden seien. „In anderen Ländern gehört es heute längst dazu, dass man Bürger befragt und soziale Bewegungen auf Plätzen und in Quartieren analysiert, um zu überzeugenden Lösungen zu kommen“, betont Duwe. Zudem sei es falsch, dass man sich bei der Entwicklung des Gebiets nur auf den Platz konzentriert habe. „Das Umfeld gleicht weiterhin einer städtebaulichen Wüste, wie soll sich da ein Platz positiv entwickeln können?“, fragt Duwe und verweist unter anderem auf das „hässliche Parkhaus der Telekom“. „Hier in die Höhe zu bauen und durch eine durchgängige Wohnbebauung eine ganz neue Umfeldsituation zu schaffen, das hätte das ganze Quartier nach vorne gebracht und in der Folge auch geholfen, den Kesselbrink zu entwickeln“, ist sich der Kunstvermittler sicher. Alles, was jetzt auf dem Platz an Korrekturen stattfinde, sei leider nur noch Kosmetik. Duwe: „So wird das nichts mit dem Kesselbrink.“ Auch den Ravensberger- und den Rochdale Park bezeichnet Duwe, der sich im Vorstand des Kunstvereins Bielefeld engagiert, als Fehlplanungen – „wegen der dunklen Ecken und der mangelnden Aufenthaltsqualität“. Die Stadtentwicklung im Osten der Stadt hingegen lobt er. „Dort entsteht seit einigen Jahren ansprechende Architektur“, so Duwe, der sich mehr Mut zu moderner Architektur in der Stadt wünscht. „Ich habe es überhaupt nicht verstanden, dass man den 360 Grad Turm am Adenauer-Platz nur gekürzt genehmigt hat.“ Auch das sei für ihn ein Beispiel „für den fehlenden gestalterischen Wagemut in der Stadt“. Einem architektonisch herausragenden Kunsthallen-Anbau kann Duwe „viel abgewinnen“. Der wäre ein Zugewinn in städtebaulicher Hinsicht sowie eine Chance für die Kunsthalle, sich für die Zukunft aufzustellen. Einen Zugewinn nennt Duwe auch das neue Kunstdreieck aus Kunstverein, Kunsthalle und Kunstforum Hermann Stenner. „Es sollte auf jeden Fall gemeinsam vermarktet werden.“ Wie Duwe überhaupt für ein schlagkräftiges Kulturmarketing wirbt. „Das Kulturamt verwaltet nur, es gestaltet viel zu wenig“, kritisiert Duwe, der sich lieber ein Haus der Kunst wünscht denn ein Haus der Wissenschaft. „Letzteres vor allem dann nicht, wenn es nur ein Schaufenster der Hochschulen wird, das die Bürgerwissenschaft nicht miteinbezieht.“ Er teile da Peter Finkes Kritik aus dem ersten Holzhausgespräch. Den Jahnplatz zu untertunneln, um ihn vom Autoverkehr zu befreien, „das sollte die Stadt ernsthaft in Erwägung ziehen“, sagte Duwe. Es sei eine Chance, die Teilung der City zu überwinden und einen starken Platz zu schaffen, „aber nur wenn die umgebende Bebauung erneuert wird“, denn auch hier sei die Architektur – wie im Umfeld des Kesselbrinks – „nicht überzeugend“. Und eines verstehe er überhaupt nicht, sagt Duwe zum Ende des Holzhausgesprächs: „Mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es immer noch Baulücken in der Altstadt. Warum beseitigt die niemand und wagt hier moderne, urbane Architektur?“

realisiert durch evolver group