Zitat: Parole des streitbaren Kunsttheoretikers Bazon Brock in der Bahnunterführung. - © Andreas Frücht
Zitat: Parole des streitbaren Kunsttheoretikers Bazon Brock in der Bahnunterführung. | © Andreas Frücht

Kultur Kunst im Schatten des OWD

„PlakARTive – Writing Pictures“: Ausstellungsleiter Uwe Göbel zieht zur Halbzeit der Open-air-Schau in Bielefeld eine positive Bilanz. Ehrgeizige Pläne für 2019

Thomas Klingebiel

Alle zwei Jahre macht die Ausstellung „Plakartive – Writing Pictures“ einen der unwirtlichsten Orte Bielefelds sehenswert. Entlang der vierspurigen Mindener Straße, im Schatten des Ostwestfalendamms, zieht eine Galerie von Künstlerplakaten die Blicke von Passanten und Autofahrern auf sich. Noch bis zum 20. August sind die 75 Arbeiten zu sehen. Uwe Göbel, Professor für Visuelle Kommunikation an der Bielefelder Fachhochschule (FH) und Leiter der der Ausstellung, zieht zur Halbzeit eine positive Bilanz. „Ich habe bei den Führungen zur gut besuchten Ausstellungseröffnung und danach in Form von Zuschriften viel begeisterte Resonanz bekommen“, sagt Göbel. Auch dass die Ausstellung mit dem Begriff „Mess.Age“, der sowohl „Botschaft“ als auch „Chaos-Zeitalter“ bedeutet, erstmals eine Themen-Klammer habe, komme gut an. „Alle eingeladenen Künstler haben die Idee mitgetragen, den gerade etwas skurrilen Zeiten mit der ,Plakartive’ etwas entgegenzusetzen.“ An der von FH, Stadt und Sponsoren getragenen Ausstellung beteiligen sich international bekannte bildende Künstler wie Timm Ulrichs, der auch zur Eröffnung kam, Philosophen wie GJ Lischka, Schriftstellerinnen wie Herta Müller, Grafiker wie Hubert Kretzschmar. „Kretzschmar hat berühmte Plattencover entworfen“, sagt Göbel. Für die Plakartive porträtierte er die Mona Lisa und Russlands Staatschef Putin im grellen Stil des „Some Girls“-Albumcovers der Rolling Stones. Der von FH-Studenten aufwendig gestaltete Ausstellungskatalog im DIN-A4-Format samt Lageplan der einzelnen Beiträge ist im Bielefelder AJZ-Verlag erschienen. Er werde bundesweit von Kunst- und anderen Fachbuchhandlungen sowie Bibliotheken angefragt und bestellt, sagt AJZ-Geschäftsführer Norbert Pohl. In dem 190-Seiten-Band werden die beteiligten Künstler in alphabetischer Reihenfolge in Text und Bild vorgestellt. „Eine wertvolle Ergänzung“, betont Göbel. „Da wird auch deutlich, dass der Begriff Plakatausstellung ein Missverständnis ist. Vielmehr werden offizielle Werbeflächen von den eingeladenen Künstlern für ihre Kunst zweckentfremdet, damit auf Zeit im öffentlichen Raum auch einmal andere Stimmen als die der Konsum- oder Wahlwerbung vernehmbar sind.“ Zur Halbzeit werden einige beschädigte Plakate ersetzt. „Es ist verhältnismäßig wenig passiert“, sagt Göbel. Kreative handschriftliche Ergänzungen würden übrigens nicht sofort entfernt. „Das lassen wir erstmal wirken.“ So hatte jemand auf Timm Ulrichs „Zweifel?“-Textschild mit „Nein, es geht eh’ weiter!“ geantwortet. „Wetterbedingt verschmuddelte Plakate bleiben auch, das ist halt so“, sagt Göbel. Inzwischen sind die bei der Eröffnung versprochenen Solarleuchten installiert. Sie schalten sich bei beginnender Dämmerung ein und machen einige Plakate auch nachts zum Hingucker. Für die nächste Ausgabe der mittlerweile etablierten „Open Space Exhibition“ hegt der FH-Professor ehrgeizige Pläne. „Vielleicht gelingt es uns 2019, am gesamten Bahndamm zwischen den Fußgänger-Unterführungen Arndt- und Jöllenbecker Straße etwa 30 große 18/1-Plakatflächen sowie eine elektronische Fläche fest zu installieren. Diese Riesenwand würde die mobilen Flächen ersetzen und könnte ständig für künstlerische Interventionen auch von anderen Kulturinstitutionen der Stadt bespielt werden“, sagt Göbel. Ihm schwebt in Anlehnung an die Berliner „Eastside Gallery“ eine Art Bielefelder „Westside Gallery“ vor. „Aber es müssen noch ein verantwortlicher Betreiber und Sponsoren gefunden werden.“

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