Kulturpreisträgerin: Anke Koster debattiert mit Stefan Brams über die Integrationskraft des Theaters. Foto: Christian Weische - © Christian Weische
Kulturpreisträgerin: Anke Koster debattiert mit Stefan Brams über die Integrationskraft des Theaters. Foto: Christian Weische | © Christian Weische

Kultur „Mehr Kulturvereine wären ein Segen“

Mittagsgespräche im Holzhaus (7): Anke Koster, Lehrerin und Leiterin des Movement Theaters, über Schauspielen als Schulfach und Mittel zur Integration, Kunst in der U-Bahn und kostenfreien Zugang zu Museen

Stefan Brams

Bielefeld. Es ist Halbzeit bei den Mittagsgesprächen im Holzhaus. Bestritten wurde das siebte Gespräch von Anke Koster, einer leidenschaftlichen Lehrerin und ebenso leidenschaftlichen Theatermacherin, die sogleich betonte: „Das Theater ist die wohl geeignetste Kunstform, um die Integration voranzutreiben.“ Es erreiche die Menschen unmittelbar und kann helfen, „dass Migranten unsere kulturell verselbstständigten Regeln nicht nur begreifen, sondern sie auch hinterfragen und neu zu formulieren verstehen.“ Die Begründerin des Movement Theaters in Gadderbaum verweist auf ihr Schultheaterprojekt aus dem vergangenen Jahr an der Martin-Niemöller-Gesamtschule, wo sie seit 1981 unterrichtet und zugleich die Theaterarbeit aufgebaut hat. Die Jugendlichen, unter ihnen 80 Prozent mit Migrationshintergrund, hätten erst so gar keine Lust auf das Theaterstück ,Neues Land’ gehabt, in dem es um Migration und damit auch um ihre eigenen Rollen und ihr Selbstverständnis gegangen sei. „Doch als sie es auf die Bühne gebracht hatten, merkten sie, dass sie sich so mitteilen konnten, dass sie etwas über sich zu sagen hatten, was zudem noch andere interessierte.“ Diese biografische Theaterarbeit könne sehr viel bewirken, „weil wir so einander kennen- und verstehen lernen“, ist die Pädagogin überzeugt."Auch hier leben die Kulturen aneinander vorbei" Der von Christian Heyden im sechsten Holzhausgespräch geäußerten Idee, die darstellende Kunst zum Schulfach zu machen, kann die 64-Jährige daher viel abgewinnen („ein richtiger Weg“), wie auch sie dafür plädiert, die musischen und künstlerischen Fächer zu stärken, „weil sie es sind, die uns dazu bringen, uns mit uns selbst, unserem Leben und Zusammenleben auseinanderzusetzen.“ Koster, deren Theater eine Nachbarschaftsinitiative von 30 Mitstreitern umfasst, bringt auch dort ganz bewusst Stücke auf die Bühne, die das Zusammenleben fördern sollen, „in dem offen und ehrlich Lebensgeschichten erzählt werden“. Sie wünsche sich, dass vielmehr Kulturvereine direkt in den Nachbarschaften gegründet werden. „Was könnte nicht alles für unser Miteinander bewirkt werden, wenn es so viele Kultur- wie Sportvereine gebe.“ Mehr für das Zusammenleben zu tun, sei auch in dieser Stadt wichtig, ist sie überzeugt und betont: „Bielefeld ist zwar bunt und vielfältig und das Leben läuft weitestgehend friedfertig, aber machen wir uns doch nichts vor, auch bei uns leben die Kulturen weitestgehend nebeneinander her.“ Koster, die Bielefelds Kulturszene sehr lebendig findet, wünscht sich dennoch „mehr Kultur in der Stadt – gern auch an ungewöhnlichen Orten“. „Es wäre toll, wenn zum Beispiel in Bussen und Bahnen sowie in den U-Bahn-Stationen regelmäßig Theater gespielt würde, weil wir es so zu den Menschen bringen“, findet Koster, die 2011 den Kulturpreis der Stadt für ihre engagierte Theaterarbeit erhalten hat. Viel hält sie auch davon, Leerstände kulturell zu nutzen. Auch der Idee von Matthias Grässlin, geäußert im dritten Mittagsgespräch, die Stadt mit einem ästhetischen Festival zu bespielen, begrüßt sie. „Das wäre schon was, wenn wir Bielefeld für einen Tag oder eine Nacht in einen Ort verwandeln würden, in dem es Kultur auf allen Plätzen und Grünflächen gibt“, betont die gebürtige Bielefelderin, die seit ihrem vierten Lebensjahr in Gadderbaum zu Hause ist. „Das wäre ein starkes Gegenprogramm zum Leineweber, bei dem Kultur immer noch viel zu klein geschrieben wird und Kommerz zu sehr im Vordergrund steht.“ Zudem plädiert Koster für einen kostenlosen Zugang zu Museen. Sie sei gerade im Folkwang-Museum in Essen gewesen, wo der Eintritt dank Sponsoren frei sei. „Das sollte in der Kunsthalle auch so sein“, findet Koster, die sich freut, dass die Stadt mit dem Forum Hermann Stenner ein weiteres Museum erhält. Von einem Kulturhaus für Bielefeld hält sie hingegen nichts. „Wir haben genügend kulturelle Einrichtungen, die sollten wir lieber besser aufstellen, als ein neues Haus zu schaffen.“

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