Tanz inmitten von Ahornblättern: Tänzerinnen der Aura Dance Company tanzen die Performance „Godos“ aus dem Jahr 2016. - © Foto: Andreas Frücht
Tanz inmitten von Ahornblättern: Tänzerinnen der Aura Dance Company tanzen die Performance „Godos“ aus dem Jahr 2016. | © Foto: Andreas Frücht

Kultur Ewige Suche nach Identität und Glück

Tanzfestival: Das Aura Dance Theatre verstört das Publikum mit seiner archaischen Performance „Godos“

Christoph Guddorf

Bielefeld. Das Wort „Godos“ existiert im heutigen litauischen Vokabular nicht mehr, ist aber zeitlos lebendig in den Erfahrungen und Gefühlen der Menschen. Die Performance von 2016, kreiert vom berühmten litauischen Choreografen Birut Letukaite und den beiden norwegischen Choreografinnen Anne Ekenes und Pia Holden, bringt die Welt zum Vorschein, in der sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verflechten, weibliche Sinnlichkeit, verborgene Sagenwesen und Zukunftsvisionen aufeinander treffen – all das mit einer ins Mark treffenden, mal chorisch-weihevollen, ein andermal artifiziell-rhythmischen, aber durchweg archaisch anmutenden (aber zu laut aufgedrehten) Musik Antanas Jasenkas. Im Tor 6 Theaterhaus und unter dem fokussierten Lichtdesign von Vladimiras Šerstabojevas bilden zunächst Ahornblätterhaufen das natürliche Fundament der sich in ihnen und aus ihnen heraus entwickelnden Ereignisse respektive Ausdrucksformen. Der erste Teil der Performance (von Ekenes und Holden) nimmt seine Inspiration aus der Interpretation von „Godos“ als dem Lied des Herzens.Welche Formeln benutzen heutige „Hexen“? Unter dem alten litauischen Wort „Godos“ versteht man gewöhnlich Sehnsuchtsträume, -empfindungen, -hoffnungen, -gedanken und unerfüllte Erwartungen. Doch was heißt „Godos“ heute, und wie erleben wir „Godos“? Was ist die Bedeutung von Geschichte und Geschehnissen für jeden Einzelnen? Wie prägt die Vergangenheit unsere Identität, wie der Mitmensch? Im sichtbarsten Sinne des Wortes werden die Identitäten aufgemischt und aufgewühlt, verschränken sich, versuchen sich wieder zu finden, äußern sich akustisch über ihre individuelle Sprache, werden daran gehindert und fremdgeformt, funktionieren im mustergültigen Gleichschritt, befreien sich wieder. Vergebens? Letukaites Choreografie des zweiten Teils geht indes von der elementaren, urwüchsigen Vergangenheit und die Reflexion über die Menschen von heute aus. Was steckt in dem schwarzen, aber barbusigen Pelz eines ursprünglich unbefangenen Wesens, das zum Werwolf wird (fantastisch urkreatürlich: Clara Gambino)? Welche Formeln oder Banne benutzen heutige „Hexen“ und Scharlatane? Wer bringt das Glück, die unverhoffte Verwunderung, wenn wir nicht mehr an Heinzelmännchen oder andere gute Geister glauben? Mit subtilen Bezügen zu den litauischen Mythen und Legenden bewegen sich die in enge weiße Ganzkörper-Anzüge (Kostüme: Thom Bara) gehüllten sechs Tänzerinnen in Mustern, Formen und dem kraftvoll-impulsiven Rhythmus, der an das Klappern von Webstühlen erinnert. Nicht ohne Grund: Im Hintergrund läuft mittels einer Videoprojektion (Saulius Paliukas) ein Schwarz-Weiß-Band, das in seinen Mustern und Abbildern so farbenreich ist wie unser Leben – voller Gedanken, wer wir heute sind und von was und wem wir alles gesteuert werden, wer wir morgen sein werden. Auch die Auseinandersetzung mit dem inneren „Werwolf“ verstört, durchdringt einen, schlägt äußere Wellen, lässt aus der (inneren wie äußeren) Ordnung Schatten hervortreten, die sich wieder von einem zu lösen scheinen – wie die nackte, düstere Gestalt, die in sich zusammenfällt und in ihren (unschuldigen wie keuschen) Ursprungszustand zurückgebracht wird. Die Hoffnung (auf tiefere Erkenntnis) stirbt zuletzt. Atemberaubend. Aufbrausender, anhaltender Applaus.

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