Suche nach dem eigenen Weg: Die „Compagnia Palermo in Danza Ananke“. Foto: Andreas Frücht - © Andreas Fruecht
Suche nach dem eigenen Weg: Die „Compagnia Palermo in Danza Ananke“. Foto: Andreas Frücht | © Andreas Fruecht

Kultur Ein Sandsturm namens Schicksal

Tanzfestival: Das sizilianische Tanzensemble Palermo in Danza tanzte in der Choreografie von Lorand Zachar Bilder des Menschseins

Maria Frickenstein

Bielefeld. Die einen nennen es Schicksal, die anderen Zufall, wenn ein Unglück das bisherige Leben abrupt in eine neue Perspektive drängt und kein Nein duldet. Dem Schicksal ergibt sich mancher oder zeigt sich wehrhaft. Er glaubt an das eigene Geschick des Willens und Könnens oder legt sein Leben in die Hände einer höheren Macht. Oder er bleibt angesichts einer scheinbar ausweglosen Notwendigkeit und einer begrenzten persönlichen Einflussnahme gelassen. Die „Compagnia Palermo in Danza“ aus Palermo tanzte im Theaterlabor Tor 6 das, was wir als unaufhaltsames Verhängnis im Innersten verstehen, das nicht Begreifbare, noch weniger Beherrschbare und unser Leben zutiefst Berührende.Aus großen Blöcken wächst eine Mauer „Ananke“, so der Titel des Tanzstücks, ist das personifizierte Schicksal und eine Figur aus der griechischen Mythologie. Die Tänzerinnen Giorgia di Cristofalo, Aurora Fradella, Laura Lopiano, Federica Marullo, Federica Riccobono und die Tänzer Alessandro Cascioli und Thomas Martino füllen in der Choreografie intensiv und dynamisch den breiten Assoziationsraum des Themas. Der Tanz beginnt und man spürt, diese Zeit auf der Bühne ist eine andere und reicht trotz historischer Ferne wie ein ewig währender Gedanke bis in die heutige Zeit. Antike Hinweise geben die erd- und steinfarbenen Kostüme (Anna Maria Aiello). Die Männer tragen einfache Wickelröcke, die Frauen fließende Hosen oder Einteiler, die organische Bewegungen unterstreichen. Ein in weiß gekleideter Philosoph (Nicola Franco) scheint gefesselt. Einige Frauen nehmen den Faden aktiv auf und bleiben von nun an ein wehrhaftes Gegenüber. „Schicksal ist wie ein Sandsturm“, sagt die Tanzgruppe, unberechenbar, scheinbar willkürlich und in den Konsequenzen unvorhersehbar. Die Tanzenden entwerfen zunächst ein Bild der Harmonie. Alles fließt. Die Tänzer begegnen sich, suchen, finden, halten sich und werden gehalten. Sie dreht sich und er holt sie zurück, fängt sie auf und gibt ihr neue Energie. Zwischen Nähe und Distanz bewegt sich der Dialog der Tanzenden. Sie windet sich um ihn. Er trägt sie auf den Schultern. Unaufdringlich spielen sie, tanzen menschliche Begegnung und sprechen eine Ebene des wissenden Gefühls an. Mal ist es das Klavier, das eine ausgeglichene Stimmung erzeugt, dazu eine Geige. Das Cello beschwört und peitscht die zwiespältigen Stimmungen eines verkörperten Lebensweges voran. Ein unsicheres Terrain unterstreichen mechanische oder nicht eindeutige Klänge. Derweil wächst im Hintergrund aus großen Blöcken eine Mauer. Es folgt eine Krise und aus ihr heraus eine Suche nach einem eigenen Weg, den der Philosoph, dem christlichen Jesus ähnlich, mit einer Laterne beleuchtet. Der eigene Weg beflügelt, verleiht Flügel, aber ist er erst gegangen, dann braucht es nur noch das Gefühl des Losgelöstseins und keiner sichtbarer Schwingen. Inzwischen hat sich die Mauer gewandelt. Sechs Säulen stehen nun wie eine bedeutende Ruine mit offenen Toren für einen Aufbruch ins Neue. Sechs Säulen wie das Teatro Massimo in Palermo.

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