Kultur Premiere von „Stoff! Mehr Stoff!“: Von Kleidern und Menschen

Erster Einblick in das Textil-Projekt von Recherchepool und Stadttheater Bielefeld. Uraufgeführt wird es am 23. Juni im TAMdrei

Anke Groenewold

Bielefeld. Einen sehr humorvollen szenischen Abend rund um Stoff, Textilproduktion und Mode versprechen Tobias Rausch und Dramaturgin Viktoria Göke – „Stoff! Mehr Stoff!“ ist das erste Theaterstück, das in einem auf zwei Jahre angelegten Kunst- und Forschungsprojekt entstanden ist. Das Stadttheater hatte die künstlerische Bearbeitung des Themas Stoff mit dem sechsköpfigen Künstlerkollektiv Recherchepool um den Regisseur und Autor Tobias Rausch eingefädelt. „Wir wollen kurz den Deckel lüften“, sagt Rausch über die einstündige Produktion. Denn die Recherchearbeit sei zum Teil beendet. „Voraussicht“ ist der Untertitel des Stücks, das am Freitag, 23. Juni, im TAMdrei uraufgeführt wird. Zu sehen gibt es eine szenische Aufbereitung erster Rechercheergebnisse mit den Schauspielern Georg Böhm, Cédric Cavatore und Isabell Giebeler. Sie werden einen kleinen Eindruck davon vermitteln, was die Theaterbesucher 2018 erwarten können. Denn zum Abschluss des Projekts werden drei spartenübergreifende Uraufführungen auf dem Spielplan stehen: „Hautnah“, „Hecheln. Ein Trip ins Textile“ sowie „Weißes Gold“.Der Blick der Theatermacher ist lokal und global „Wir sind an Geschichten von Menschen interessiert“, hatte Tobias Rausch im Herbst 2016 zum Start des Projekts gesagt und dazu aufgerufen, dem Recherchepool persönliche, emotionale Geschichten zu einem Kleidungsstück zu übermitteln oder Erfahrungen aus der Textil- und Bekleidungsindustrie zu teilen. Die Resonanz sei gut gewesen, berichtet Rausch. Einige Geschichten werden bereits in den ersten Theaterabend einfließen – wie die einer Frau, die nach dem Anblick eines zitternden, geschorenen Lämmchens beschloss, nie mehr Wolle wegzuwerfen, sondern Gestricktes immer wieder aufzuribbeln, um neue Kleidungsstücke herzustellen. Eine andere Frau war in jungen Jahren fasziniert vom Foto ihrer Großmutter und vom Rätsel des schwarzen Hochzeitskleides, das die Vorfahrin trug, die sie nie kennengelernt hatte. Eine ehemalige Näherin aus Bielefeld berichtete dem Team, wie sie sich in den 70er Jahren für die Arbeitsrechte der Frauen eingesetzt hatte. Der Blick der Theatermacher ist lokal und global. So schaute sich Autorin Anna Jelena Schulte in Argentinien den Anbau überwiegend gentechnisch veränderter Baumwolle an und sammelte Stimmen dazu. Auch das wird in der ersten Produktion gestreift. Zu sehen sein werden Fotos von Kathrin Ahäuser, die in verschiedenen Städten Wege eines nachhaltigen Umhangs mit Mode dokumentiert hat. Sie fotografierte auch riesige Kleiderkammern mit abgelegten Stücken, „die jemand mal gern getragen hat, die mal was hergemacht haben, die aber noch nicht mal mehr sortiert werden“, sagt Tobias Rausch, „das ist unfassbar trist.“Bilder wie aus einem Science-Fiction-Film Eine weitere visuelle Ebene liefert der Filmemacher Konrad Kästner, der sich der Ästhetik der Maschinen in der Textilindustrie widmet. Er habe filmische Bilder erschaffen, „die aussehen wie aus einem Science-Fiction-Film“, so Rausch. Ein Chemieexperiment zum Thema Kunstfaser wird auf der Bühne zelebriert, und ein Vorhang wird tanzen. Die Inspiration zu Letzterem lieferte eine Soziologiestudentin, die sich mit der emotionalen Wirkung von Vorhängen auseinandergesetzt hat. Rausch und Göke versprechen zudem „spektakuläre Kostüme“: „Es gibt Adam- und Eva-Kostüme, die erweitert und ergänzt werden können.“ Die Ausstattung besorgt Michel Böhler. ´? „Stoff! Mehr Stoff!“ wird am Freitag, 23. Juni, 21 Uhr, im TAMdrei uraufgeführt. Für die Premiere gibt es nur noch Restkarten. Weitere Vorstellungen sind am 27. und 29. Juni sowie 5. Juli jeweils 20 Uhr. Karten gibt es an der Theaterkasse unter Tel. 51 54 54.Mehr Stoff im Netz Das Projekt wird online von einem Magazin begleitet. Unter www.stoff-magazin.com gibt es Einblicke in die laufenden Recherchen und aktuelle Informationen. Die Inhalte des Onlinemagazins stammen zum einen von den direkt Beteiligten des Projekts, zum anderen von Studenten der Interdisziplinären Medienwissenschaft der Universität Bielefeld. Nach und nach werden Reportagen, Firmen- und Designerporträts, Interviews, Kolumnen und Berichte online gestellt.

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