Bielefeld Der Bielefelder Kunstverein zeigt Arbeiten der indischen Künstlerin Shilpa Gupta

Werke, die den (Un-)Sinn von Grenzen hinterfragen

Ralf Bittner

Bielefeld. Massiv und wuchtig teilt ein Stahlträger das Entrée des Bielefelder Kunstvereins. Wer eintreten will, muss über das eine Ende steigen oder unter dem anderen den Kopf einziehen. „1:444557“ heißt die Arbeit der 1976 im indischen Mumbai geborenen Künstlerin Shilpa Gupta, der der Kunstverein mit „Drawings in the Dark“ die erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland ausrichtet. Bis auf „24:00:01“ aus dem Jahr 2012, entstanden alle Arbeiten für die Ausstellung, die in Kooperation mit dem KIOSK (Gent) und dem Centre d’Art Contemporain La Synagogue de Delme (Frankreich) entstand, zeitnah. „24.00:01“ ist eine alte Anzeigentafel aus dem Transitbereich eines Bahnhofs, auf der fast philosophische Textfetzen zu lesen sind, die um die Fragen kreisen, was Menschen verbindet oder trennt oder wie viel Konstruktion in der Idee von Grenzen steckt.Zeichnungen mit Marihuana-Pigmenten gefertigt Der gewaltige Stahlträger entspricht den Elementen, aus denen der von Indien an der Grenze zu Bangladesch errichtete Zaun besteht. Indien begann den Bau 1989, dem Jahr als in Deutschland die Mauer fiel. Heute schließt der Zaun Bangladesch fast komplett ein, ist mit 4.000 Kilometern der längste Grenzwall der Welt. Für Gupta sind Grenzen eine Möglichkeit, das Wechselspiel bestimmter Strukturen, wie das Verhältnis von Staat und Individuum, zu untersuchen. Gerade der Großraum Bengalen, heute beiderseits der Grenze zwischen Indien und Bangladesch, sei von einer gemeinsamen Kultur und gemeinsamen Interessen der dort lebenden Menschen geprägt gewesen. Die Idee der Nation sei dagegen relativ neu, etwas mehr als 200 Jahre alt. Für sie ist der gewaltige Grenzbau Ausdruck einer Ideologie, die von Politikern in den fernen Metropolen ersonnen worden sei, die aber den Interessen der Menschen zuwiderlaufe, und von diesen auch alltäglich unterlaufen werde. So bezieht sich der Ausstellungstitel „Drawings in the Dark“ auf eine Reihe von Zeichnungen („Untitled“), die die Künstlerin mit Marihuana-Pigmenten angefertigt hat. Die verbotenen Pflanzen wachsen direkt an der bewachten Grenze und wurden genau dort von ihr gepflückt, ebenso wie das Material ihrer anderen Arbeiten von der Grenze stammt oder selbst von ihr geschmuggelt wurde. Es gibt Fotografien vom blauen Himmel als Symbol für Grenzenlosigkeit, auf denen sie Motorenteile arrangiert hat („Unnoticed, across fenced Borders“). So klein zerlegt wandern Motorteile oder Motorräder über die Grenze. „1:2138“ ist ein Knäuel aus dem Garn, aus dem Saris gewebt werden. Handgewebte Saris aus Bangladesch sind in Indien gefragt und werden selbstverständlich über die Grenze gebracht, die die Menschen weiter überqueren. Der informelle Handel findet weiter statt. Ihr durchaus komplexes Thema übersetzt Gupta in leichte Arbeiten, die die Frage aufwerfen, wer überhaupt Grenzen braucht. Die Menschen offensichtlich nicht. „WYHIWYG – What You hear is what You get) / Was du hörst, ist was du bekommst“, heißt eine Reihe von drei Sound- und Klanginstallationen von Thomas Köner, James Webb und Jacob Kirkegaard im Obergeschoss. Jede Klanginstallation in den eigens für die Arbeiten abgedunkelten Räumen wurde an die Raumsituation in Bielefeld angepasst und ist jeweils für gut vier Wochen zu hören. Aktuell ist Knöners Arbeit „Evakuation“ zu hören, eine 60 Minuten lange Soundcollage. Hier öffnen und schließen sich Klanglandschaften, mischen sich gefundene und experimentelle Klänge. Nach gut einer Stunde startet der Loop neu. Im Abstand von jeweils vier Wochen folgen die Arbeiten von Webb und Kirkegaard.

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