Die Modelszene: Zuerst posieren die Teilnehmer wie fürs Magazin, dann löst sich die Haltung in allerlei Ticks und Zuckungen auf. - © Andreas Frücht
Die Modelszene: Zuerst posieren die Teilnehmer wie fürs Magazin, dann löst sich die Haltung in allerlei Ticks und Zuckungen auf. | © Andreas Frücht

Bielefeld Werkschau des Laien-Tanzprojekts "Phase"

57 Akteure proben für ihre Aufführung im Tor 6 Theaterhaus

Bielefeld. Die Gruppe auf der Bühne des Theaterlabors wirkt, als sei sie einem Modemagazin entsprungen. Synchron hatten etwa 25 Frauen und Männer die Bühne gestürmt, ihre Positionen eingenommen. Jetzt stehen da lauter Models mit aufgesetztem Lächeln, in künstlichen Posen, die sich allmählich auflösen. Hier ein Zucken um die Mundwinkel, dort eine Verrenkung. Schließlich rebelliert der ganze Körper „gegen den Optimierungswahn“, wie Kerstin Tölle, Tanzpädagogin und Projektleiterin in Simone Sandronis „Phase“-Team, hilfreich erläutert. „Phase“, das ist die Nachfolgerin von Gregor Zölligs langjährigen „Zeitsprung“-Projekten mit tänzerischen Laien. Zölligs Nachfolger als Chefchoreograf der Tanzsparte, Simone Sandroni, startet nun, in seiner zweiten Bielefelder Spielzeit, mit einem eigenen Aufschlag in Richtung Community Dance. Zunächst waren die Zeitsprünge nach altem Konzept weitergelaufen. Manches ist geblieben, manches hat sich geändert. 57 statt wie früher 100 und mehr Tänzerinnen und Tänzer machen dieses Mal mit, dafür sind die Probenphasen auf einen längeren Zeitraum ausgedehnt worden. Nicht wie früher kurz und knackig sechs Wochen lang, sondern über fast ein halbes Jahr treffen sich die Tänzer: erst ein Mal wöchentlich, später, wenn es auf die Premiere zugeht, jeden Tag über mehrere Stunden. „Da muss die Tanz-Begeisterung schon ausgeprägt sein“, beschreibt Tölle den Anspruch. Das ist sie offenbar bei vielen von denen, die sich an diesem Montagabend, kurz vor der Werkschau an diesem Freitag im Theaterlabor treffen. Einige „alte Hasen“ sind dabei, die schon bei Zöllig getanzt hatten. Andere sind neu, das Altersspektrum ist gewohnt breit: von 16 bis 73 Jahren reicht es. Schüler und Studenten aus der Gruppe der „Jungen Phase“ und des Jugendclubs sind dabei, Berufstätige und Rentner. Doch auch hier sind die Frauen in der Überzahl. Das Thema – dieses Mal ist es das Stichwort „Protest“ – wird vom Projektteam vorgegeben, inhaltlich gefüllt wird es überwiegend mit den Ideen der Teilnehmer. Claudia Braubach, freie Choreografin und einst Tänzerin bei Zöllig, der Tänzer Gianni Cuccaro und die Kölner Videokünstlerin und Choreografin Barbara Schröer leiten die beiden Gruppen, die sich den ersten Teil des „Phase“-Projekts erarbeiten. Nach der Werkschau steigen Sandronis Ensemblemitglieder ein. Und auch die Arbeit mit Schulkassen kommt dann hinzu: Eine 5. Klasse der Martin-Niemöller-Gesamtschule, außerdem Schüler der Förderschule am Niedermühlenhof. Der Aufbau des Stücks ähnelt einer Collage. Nicht zwangsläufig müssen die tänzerischen Positionen zum Protest am sprichwörtlichen roten Faden entlanglaufen. Doch werden die einzelnen Szenen intensiv besprochen, von Braubach und Schröer angedeutet, durchgeprobt und dann „geputzt“, wie die Feinjustierung in der Theatersprache heißt. Simone Sandroni lässt den Choreografen weitgehend freie Hand, nur ab und zu schaut er in die Proben hinein, regt Dinge an. Für die Profitänzer bietet das „Phase“-Projekt Gelegenheit, Choreografie-Erfahrung zu sammeln. Dem Publikum wird ein Zugang zum Tanz geboten, der aus ihren Reihen kommt. Und für die Teilnehmer ist es ein mit Freude ausgeübtes Hobby, für das sie aber intensiven Einsatz bringen müssen. Ordentlich Einsatz muss Teilnehmer Stefan bringen: Am Boden liegend rezitiert er den Gassenhauer „One day, Baby, we‘ll be old“, lässt sich von seiner Partnerin wie einen eingerollten Teppich quer über die Bühne kugeln, tapfer weiter singend. Diese Szene probt Braubach wieder und wieder, legt sich schon mal bäuchlings vor die Akteure, um deren Perspektive einzuschätzen. Das Ende ist noch offen. Hat sein Werben Erfolg und gehen sie einträchtig von der Bühne? Oder bleibt jeder allein? Daran wird noch gefeilt. Währenddessen finden sich die Leute aus Barbara Schröers Gruppe ein. Geprobt wird eine Ensembleszene, in der den Akteuren erst Pullover, dann Hosen ausgezogen werden. Erstaunlich – wie viele Auszieh-Varianten es gibt. Wann die Passage des Runter- und wieder Hochziehens der Kleidung beendet ist, erfordert Erläuterungen. „Jetzt will ich mal sehen, ob jeder gut aus seinem Oberteil kommt“, ertönt Schröers Aufforderung, die mit Heiterkeit quittiert wird. Klar, beim Freilegen des „Pudels Kerns“ gibt es viel zu lachen. Erst geht alles drunter und drüber. Doch siehe da, zum Ende der Probe erhält die Szene Struktur. „Es ist immer das Gleiche: Kurz vor der Aufführung regiert das Chaos und man fragt sich, wie das überhaupt klappen soll. Aber dann ist immer sehr viel Schönes, Berührendes zu sehen“, so Tölle und verspricht für die Aufführung heute die Präsentation eines „Rohdiamanten“.

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