Verstrickt: Eine Besucherin geht im Museum für zeitgenössische Kunst in Athen an einem Kunstwerk von Cecilia Vicuna vorbei. - © picture alliance / Yorgos Karahalis/AP/dpa
Verstrickt: Eine Besucherin geht im Museum für zeitgenössische Kunst in Athen an einem Kunstwerk von Cecilia Vicuna vorbei. | © picture alliance / Yorgos Karahalis/AP/dpa

Kunst Documenta 14: Von Athen lernen? Lieber nicht!

Am 10. Juni eröffnet die Weltkunstausstellung in Kassel / In der griechischen Hauptstadt ist sie bereits zu erleben

Manfred Strecker

Athen. Von Athen lernen – mit dieser Parole hat Documenta-Leiter Adam Szymczyk seine Aufteilung der traditionellen Kunstausstellung auf Athen und Kassel viel versprechend angekündigt. Was lernt der Besucher auf der Documenta 14 in Athen? Er lernt viele wenig bekannte, interessante, großartige Künstler und deren Werke kennen, von denen er natürlich auch in Kassel manches sehen wird. Was sich aber für großartige Kabinettsausstellungen eignete, ist dem Bedeutungskontext einer Weltkunstausstellung nicht wirklich gewachsen. Anders steht es um einzelne der Orte. Zentrale Ausstellungsstätte ist das Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst (EMST), ein früheres Brauhaus von Fix, ein Hofbraumeister zu Zeiten der Königsherrschaft des bayerischen Otto I. im 19. Jahrhundert. Nichts allerdings weist mehr auf die industrielle Nutzung des Gebäudes und seine historische Fassade hin, auf Sudkessel-Nostalgie kann man getrost verzichten. Die freien Treppenaufgänge hinter der verglasten Fassade und die weiten Räume bieten architektonischen Reiz und museale Spielorte erster Güte. Noch mehr überzeugt das 1959 als Athens kulturelles Zentrum erbaute Konservatorium, das Odeion, das wegen seiner Modernität nie richtig angenommen worden war. Dort findet man in den Tiefen des mit Marmor umfassten Gebäudes einen roh belassenen, überwältigenden Raum des Brutalismus. Die Künstler entscheiden Muss man zur Documenta nach Athen? Sicherlich gibt es Leute, die auf Vollständigkeit aus sind. Wer aber hat schon je in Kassel alle Werke, Projekte, Videos, Inszenierungen gesehen? Nicht alles allerdings, was in Athen ausgestellt wird, wird auch in Kassel gezeigt werden, darüber entscheiden die Künstler, sofern sie noch zur lebenden Generation gehören, selbst. Das Athener Zentralwerk der Künstlerin Marta Minujín, die sicherlich das mächtigste Projekt in Kassel auf dem Friedrichsplatz verwirklichen wird, den Parthenon in Originalmaßen mit verbotenen Büchern nachgebaut, ist im EMST schon nicht mehr präsent. Die 400 Kilogramm aufgeschütteter Oliven, womit sie die griechischen Schulden an Deutschland begleichen wollte, wurden weggeräumt, da sie duftstark – faule Kredite? – vergammelten. Gewisse Beschwerlichkeiten begegnen in Athen. Wer sich nicht im humanistischen Gymnasium dem Drill des Altgriechischen unterzogen hat, tut sich in der Schriftzeichenwelt Athens schwer. Das Orientierungsmaterial der Documenta, das man sich kaufen muss und das durch die Stadt zu den Ereignissen führen soll, ist nur mäßig tauglich. Es fehlt im öffentlichen Raum an orientierenden Marken des Kommunikationsdesigns. Schikanöse Einrichtung Am Gebäude des Benaki-Museums etwa, auf dem Weg nach Piräus gelegen, das sein Erdgeschoss zur Verfügung gestellt hat, findet sich kein Hinweis, dass auch hier die Documenta haust, und man führe oder spazierte vielleicht zuerst vorbei, wenn nicht Google maps protestierte. Richtig ärgerlich ist eine provinzielle, geradezu schikanöse Einrichtung, die manchem die Reiseplanung verhagelt. Viele der Ausstellungsorte, vor allem die zentralen, sind montags geschlossen. Von Athen lernen? Lieber nicht.

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