Kultur Poetry All Stars: Quinoa macht die Welt auch nicht besser

Poetry All Stars: Das unterhaltsame Slam-Catchen einmal mehr für ausverkaufte Ränge

Antje Doßmann

Bielefeld. Diese wortgewandete, witzige, wütende Jugend von heute. Wer wissen möchte, was sie bewegt, ist gut beraten, einen der angesagten Poetry-Slams zu besuchen, die sich in Bielefeld in den letzten Jahren etabliert haben. Und aufmerksam den hintergründigen Sätzen zu lauschen, die der Nachwuchs mit schneller, spitzer Feder fabriziert. Neben regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen im Bunker Ulmenwall und der Universität gehört die von Thomas Milse präsentierte Poetry All Stars Show im Cinemaxx zu den renommierten Dichterlesungen dieser Art. Der von sieben Publikumsjuroren bewertete Wettstreit bietet den Kombattanten zwar keinen finanziellen Anreiz, dafür aber die Chance, vor großem Publikum aufzutreten. Weshalb die meisten Youngster sich auch nicht lange bitten lassen, wenn der Ruf erschallt, sich in der Arena des Kinokomplexes sechs Minuten lang den Lebenskäse von der Seele zu reden, das Publikum zum Johlen, Lachen, und manchmal, eher selten, auch zum stillen Nachdenken zu bringen. Ein gutgelaunter Sparringpartner für Milse Die acht Texterinnen und Texter, die bei der 19. Ausgabe dieses Grand Slams antraten, lieferten den Neueinsteigern im Publikum einen guten, repräsentativen Querschnitt in die Vielfalt der Szene. Lediglich an die Vorgabe der kurzen Lesezeit gebunden, überzeugten Yannick Steinkellner, der Bielefelder Kolja Fach, der für Micha El Goehre einsprang („verhindert durch einen Frisörtermin", wie Thomas „Schmitti" Milse einwarf), Theresa Hahl, der Bremer Kulturpreisträger Sebastian Hahn, Tobias Kunze (mehrfacher NRW-Slam-Gewinner), Hessenmeisterin Julia Rhode, Martin Sieber und Jann Wattjes. Marc-Oliver Schuster war als Co-Moderator ein gut gelaunter Sparringpartner für Milse, und zusammen wuppten sie die etwas umständlich zelebrierte, ein wenig in die Jahre gekommene Tortenschlacht mit beachtlichem Schwung. Mit Yannick Steinkellner und der arg verschnupften Theresa Hahl eröffneten zwei Textkünstler den Reigen, die durch ihre frei vorgetragenen, fein durchdachten und formulierten Reflexionen den sprachlich rhythmisierten Zweig des Poetry-Slams vertraten. Es war allerdings relativ vorhersehbar, dass sie mit ihrer Themenwahl „Dystopie" (Steinkellner) und „Distanz" (Hahl) bei diesem auf lockere Pointen zielenden Slam nicht siegreich punkten würden. Stattdessen setzte sich Sebastian Hahn mit seiner Gutmenschenhasser-Geschichte („Bleib mir weg mit Quinoa") vor Kolja Fach durch. Dessen bitterböse und sehr komische Abrechnung eines Grundschullehrers mit der beknackten Elternschaft allerdings auch für viel Vergnügen im Publikum sorgte. Sieger des zweiten Feldes wurde der Ost- oder Nordfriese (so genau wurde das nicht klar) Jann Wattjes, der dito an seinen Mitmenschen verzweifelte, wiewohl er doch so gerne mit einem „Frohlocken" durch den Tag gestreift wäre. Von ihm der schöne Fazitreim „Die Welt ist scheiße/ich werd sie nicht retten/ wenn ich in Agavendicksaftschnitten beiße". Dagegen konnte sich weder Julia Rhode mit ihrem kunstvoll von Larmoyanz in Traurigkeit schwenkenden Text über eine lieblose Freundin behaupten. Noch der expressiv seinen Frühlingsblues performende Tobi Kunze. Noch Martin Siebert mit einem aberwitzigen „Unfallschadenbericht". Das große Hauen und Stechen um die zuckersüße Trophäe gewann Wattjes mit denkbar knappem Vorsprung vor Hahn. Seine „Lügengeschichte" über „alternative Fakten" kam besonders beim jungen Publikum ehrlich an.

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