Noch ohne Pedale: Der Drais-Aktivist Martin Hauge fährt für einen Dokumentarfilm, den der SWR am 30. April ausstrahlt, auf seiner Laufmaschine vor dem Karlsruher Schloss. Ganz in der Nähe kam Karl Drais 1785 zur Welt. - © Foto: SWR/Hanspeter Michel
Noch ohne Pedale: Der Drais-Aktivist Martin Hauge fährt für einen Dokumentarfilm, den der SWR am 30. April ausstrahlt, auf seiner Laufmaschine vor dem Karlsruher Schloss. Ganz in der Nähe kam Karl Drais 1785 zur Welt. | © Foto: SWR/Hanspeter Michel

Kultur Flott unterwegs mit der Draisine

200 Jahre Fahrrad: Der Bielefelder Martin Hauge ist begeistert von dem Erfinder Karl Drais und seiner Laufmaschine. Der 62-Jährige lebt seit 30 Jahren in Karlsruhe und betreibt einen Fahrradladen

Bielefeld. Martin Hauge ärgert es, wenn der geniale Erfinder des Ur-Fahrrades Karl Drais als „Tüftler“ und „Bastler“ verniedlicht oder als „verrückter Baron“ tituliert wird. Drais soll endlich die Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren, die dem großen Erfinder und Konstrukteur gebührt. „Er wird an vielen Stellen immer noch falsch dargestellt“, sagt der 62-jährige Bielefelder, der seit 30 Jahren in Drais’ Heimatstadt Karlsruhe lebt und einen Fahrradladen betreibt. Drais hat mehrere Maschinen erfunden, seine bedeutendste und folgenreichste Schöpfung war die zweirädrige Laufmaschine. Drais’ erste belegte Tour am 12. Juni 1817 von Mannheim nach Schwetzingen und zurück gilt als Geburtsstunde des Fahrrads. „Drais schuf aus dem Nichts ein vorbildloses, von Anfang an serienreifes Hightech-Produkt, das übrigens auch über 50 Jahre in seiner Geschwindigkeit von nachfolgenden Konstruktionen nicht erreicht wurde“, sagt Hauge. Martin Hauge besitzt einen höhenverstellbaren Nachbau des Ur-Fahrrades, das nahezu vollständig aus Holz besteht. Die Draisine, wie das Fahrzeug genannt wurde, wurde durch das Abstoßen der Beine fortbewegt. Er fährt es gelegentlich und ist begeistert. „Man ist sehr flott unterwegs“, sagt Hauge. Bis zu 15 Kilometer pro Stunde sind möglich, mit moderner Gummibereifung bis zu 20. Außerdem sei das Fahrzeug sauber und wartungsarm. Er wird die Laufmaschine mitbringen, wenn er im Mai nach Bielefeld kommt."Drais war ein interessanter und fortschrittlicher Mann" Hauges Draisine wird im Historischen Museum im Ravensberger Park als Teil einer kleinen Ausstellung über Drais, seine Erfindung und die Folgen zu sehen sein. Konzipiert hat die Schau der Technikhistoriker Hans-Erhard Lessing. Der 79-Jährige forscht seit Jahrzehnten zu Drais und der Geschichte des Fahrrades. An dessen Ausstellung habe er „einen kleinen Anteil“, sagt Drais-Aktivist Hauge. Er ist das Sprachrohr einer Gruppe, die mit Lessing zusammenarbeitet. Die Initiative leistet Aufklärung in Sachen Drais, stößt Aktionen an und kämpft für ein Drais-Museum. „Drais war ein interessanter, fortschrittlicher und völlig unterschätzter Mann“, sagt Hauge. Und das nicht nur in technischer Hinsicht. Als der Forstbeamte Drais 1849 seinen Adelstitel ablegte und sich zur Demokratie bekannte, verfolgte ihn die preußische Obrigkeit. Seine Entmündigung konnte seine Familie verhindern, nicht aber, dass seine Pension beschlagnahmt wurde, so dass Drais 1851 verarmt starb. Verfolgt wurde der Erfinder schon vor der Badischen Revolution: 1820 verurteilte ein Gericht unter Vorsitz von Drais’ Vater den Kotzebue-Mörder und Burschenschaftler Karl Ludwig Sand zum Tode. Sands Anhänger setzten Karl Drais so zu, dass er für sechs Jahre nach Brasilien flüchtete, wo er sich angesichts der Sklaverei als Menschenrechtler positionierte. Ein kluger Kopf, der seiner Zeit weit voraus war. Seine Erfindung hat die Welt in vielerlei Hinsicht tiefgreifend verändert. Auch das soll die Ausstellung zeigen. Martin Hauge freut sich, dass er die Schau samt Laufmaschine in die „alte deutsche Fahrradhauptstadt Bielefeld“ bringen darf. Gern erinnert er sich an sein erstes, „richtiges“ Fahrrad, das gebraucht 70 DM gekostet hatte und auf dem er sein erstes Geld verdiente – als Zeitungsausträger. Hauge beschäftigt sich seit vier Jahren intensiv mit Karl Drais. Den Anstoß gab Hans-Erhard Lessings 2003 erschienenes Buch „Automobilität“. Inzwischen ist Hauge neben seinem Hauptberuf als Betreiber von „Haugayers Fahrradgrube“ viel in Sachen Drais unterwegs. Schließlich wird in diesem Jahr bundesweit „200 Jahre Fahrrad“ gefeiert. Und so führt Hauge ausländische Journalisten durch Karlsruhe und bringt ihnen Karl Drais nahe. Er schwingt sich in historischer Kleidung für eine Fernsehdokumentation des SWR auf die Laufmaschine und ist auch für die ZDF-Reihe „Terra X“ am Start. Und er pflegt die Website danke-karl-drais.de. Aber das ist nicht alles. Hauge spielt Kindertheater mit seiner Frau, der Schauspielerin Doris Batzler, und ist im deutsch-polnischen Geschichtsverein aktiv. In Bielefeld lebt Hauges Verwandtschaft. Es gibt aber noch eine andere Verbindung: Er ist und bleibt Fan von Arminia Bielefeld. „Ich wurde 250 Meter von der Alm entfernt geboren“, erklärt er. Er hat sich eigens ein T-Shirt anfertigen lassen mit dem Bekenntnis „Arminia Bielefeld. Egal in welcher Liga“. ´ Die Drais-Ausstellung ist ab Mittwoch, 10. Mai, im Historischen Museum im Ravensberger Park zu sehen.  Am 20. und 21. Mai wird Martin Hauge in Detmold die Laufmaschine vorführen und einen Vortrag halten. Weitere Informationen im Netz unter www.danke-karl-drais.de. TV-TIPP: Martin Hauge hat einen Auftritt in der Dokumentation „Die Laufmaschine des Herrn Drais – eine Erfindung erobert die Welt“. Das SWR Fernsehen strahlt sie am Sonntag, 30. April, ab 20.15 Uhr aus. In dem 45-minütigen Film wird die Erfolgsgeschichte des Zweirads von der Draisine bis zum modernen E-Bike beschrieben.

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