Legt neue Spuren: Die Künstlerin Michaela Mück versteht es, zu irritieren. - © Maria Frickenstein
Legt neue Spuren: Die Künstlerin Michaela Mück versteht es, zu irritieren. | © Maria Frickenstein

Kultur Ausstellung der Wiener Performance-Künstlerin und Malerin Michaela Mück

Sie tritt mit ihrer Malerei in einen engen Kontakt zu privaten Fotografien des 20. Jahrhunderts

Maria Frickenstein

Bielefeld. Zwei Messer blitzen auf. Ein junger Mann liegt am Boden, zwei weitere beugen sich über ihn. Einer zielt auf einen Jugendlichen, der die Arme hebt und lacht. Die Jungen spielen Krieg und haben ihren Spaß dabei. Zwischen Ernst und Abenteuerlust mögen die Gefühle der jungen Leute widersprüchlich wechseln. Noch ist der letzte Weltkrieg zum Greifen nah. Die Wiener Performerin, Zeichnerin und Malerin Michaela Mück stellt sich künstlerisch dem Erbe des 20. Jahrhunderts, festgehalten auf unzähligen Schwarzweiß-Fotografien, macht Anspielungen auf das kollektive Gedächtnis. Von einigen dieser Unbekannten hörte sie Bruchteile ihres Schicksals, erinnerte Erzählungen. „Ich habe versucht, mich über die Fotos an ihr Leben heranzutasten“, sagt die 47-Jährige.Die Malerin legt raffiniert neue Spuren Michaela Mück, geboren in Salzburg, studierte Bühnengestaltung an der Wiener Akademie für Bildende Künste, später Kunstgeschichte an der Universität in Wien. „Was wir vermissen“ betitelt sie ihre Ausstellung, die von Großeltern und Eltern, Tanten und Anverwandten, von Freunden, Vermissten und Gestrauchelten, kurz, von Namenlosen eines kollektiven historischen Gedächtnisses erzählt. Dabei gibt die Malerin subtile Hinweise, legt reflektiert neue Spuren. Wie beim ausgelassenen Tennisspiel eines jungen Paares. Ein Tischbein fehlt und Michaela Mück weiß, dass es das letzte unbeschwerte Spiel des Soldaten sein wird, der später im Krieg den Verlust seines Beines beklagen muss. Mit dem Pinsel richtet die Malerin einen Lichtkegel auf das Kind an der Kaffeetafel, wo der mutmaßliche Vater sitzt und die erste Kerze angezündet hat. Das Kind selbst ist nur verblasstes Bildnis, kaum zu erkennen, vielleicht Wunschkind oder ein verstorbenes Kind, das heute seinen ersten Geburtstag erlebt hätte. Michaela Mück kopiert nicht die Vergangenheit. Vielmehr lenkt sie in dichter Atmosphäre den Blick auf den gelebten Widerspruch, auf Typisches und Eigentümlichkeiten, auf eine Irritation oder die Andeutung eines Ereignisses. „Das schaut aus wie. Ist das nicht. . .“, dieses Gefühl des vermeintlichen Erkennens stellt sich ein. So beim Foto eines Mädchens, das einen Ball lachend über dem Kopf hält. Die Unschärfe, das Verschwommene, die Unschärfe einer erinnerten Epoche transferiert Mück malerisch wie einen Schnappschuss aus Kinderhand. Mit der fremden Erinnerung setzt sie sich auseinander, die sich jetzt ins eigene Gedächtnis einnistet. Mit Acryl und Tusche, Graphit und Silberstift arbeitet die Künstlerin ohne den typischen gezackten Fotorand aus Opas Zeiten und erzeugt dadurch unmittelbare Nähe. Irritation löst eine majestätische Figur aus, auch wegen ihres Geschlechts, nicht eindeutig Mann oder Frau. Vielleicht vom Habitus doch eher eine Frau trägt sie die Insignien der Macht, Krone, Zepter, Reichsapfel nebst würdigem Gewand. Dabei ist alles nur Fantasie, ein Verkleidungsstückchen, Täuschung oder inszenierte Erinnerung, weiß Mück. Diese Malerin versteht es, Impulse zu säen, die eine anregende Konfrontation versprechen. Bei den Bielefelder Nachtansichten, Samstag, 29. 4., von 18 bis 1 Uhr, wird das Video „Wer sich beim Gehen langweilt“ von Michaela Mück gezeigt. Schauspielerin Carmen Priego liest literarische Texte am Sonntag, 30. 4., 17 Uhr. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 7.5. in der Galerie Gum, Weststr. 66, Kontakt: www.ggum.de.

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