Kultur Mobiles Theater: Verteufelte Beziehungskiste

Mit „Gretchen 89 ff.“ gelingt der freien Bühne einmal mehr die Kunst der hintergründigen Unterhaltung

Antje Doßmann

Schauspieler und Regisseure haben es nicht immer leicht miteinander. Lutz Hübners sketchhaft angeordnete Zweipersonen-Variationen „Gretchen 89 ff.“ mit den beiden großartigen Darstellern Ulrike Klett und Dietmar Pallasch in den Hauptrollen wissen davon ein komisches Lied zu singen. Vor allem nimmt Hübner die brisante Beziehung zum Dreh- und Angelpunkt spitzzüngiger Pointen über den Theaterbetrieb. Herauskommt dabei ein hintergründiger und überaus vergnüglicher Theaterspaß, der mit einer Handvoll verschiedener Typenkonstellationen ein ums andere Mal die verteufelte Kästchenszene aus Faust I durchspielt. Und immer wieder prallen dabei die Be- und Empfindlichkeiten der Künstlernaturen aufeinander, dass es nur so kracht und lacht. Da sind die ambitionierte Jungschauspielerin und der genervte Regieroutinier. Da sind umgekehrt die Diva und der Dilettant, die Intellektuelle und der Materialist, verhuschte und verbitterte Provinzgrößen, Mucker und Macker, die sich mit mehr oder weniger kaschierter Geltungssucht auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten tummeln. Das begeisterte Premierenpublikum machte sich am Silvesterabend ein Bild von dem temporeichen Spektakel. Geprobt wird vor den Augen der Zuschauer auf der Bühne des „Mobilen Theaters“ sozusagen als Stück im Stück Goethes „Faust I“ und mit der sogenannten „Kästchenszene“ eine besonders heikle Passage. Diese ist eine echte Herausforderung. Nicht nur für die bedauernswerte Schauspielerin, die Goethes traniges Gretchen nach sinnvernebelnder Faustbegegnung und im Moment der von Mephisto eingefädelten Versuchung mimen muss. Sondern auch für die Regie, die sich seit 1829 am Schwülst dieser Szene abarbeitet. Zum Glück legt Goethe dieser Frauenfigur, die im Stück ansonsten bekanntlich nicht viel zu melden hat, in ihrem inneren Monolog wenigstens einen Seufzer in den Mund, der sprichwörtlich geworden ist. „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.“ Die darin enthaltene oder zumindest aus ihr ableitbare Kapitalismuskritik und Gretchens sublimierte Erotik geben der kleinen, aber entscheidenden Szene zumindest einen gewissen „Swag“. Wie jener Revoluzzer-Regisseur es vielleicht nennen würde, von dem es bei Hübner nur heißt, dass er „bei Frank Castorf und Werner Herzog in die Lehre gegangen sei“ und nun von der Gretchen-Schauspielerin verlangt, die Szene „fleischlich zu sehen.“ „Schmerzgrenze, Baby, geh in die Extreme, Erkenntnis, schrei und ab.“ Von derartigem Wortwitz lebt „Gretchen 89 ff.“ Albrecht Stoll, der den satirischen Spaß am Klavier begleitete, las zwischen den fliegenden Kostümwechseln des fröhlich aufspielenden Schauspielduos ironisch erläuternde Texte zu den einzelnen Sketchen. Und dass dabei einmal ein Kommentar nicht zu der angekündigten Variation passte, machte überhaupt nichts. Es gehörte diese Minipanne im Gegenteil zu den liebenswerten Details, die den Charme des „Mobilen Theaters“ ausmachen. Die nächsten Termine im Mobilen Theater im Theaterhaus, Feilenstraße 4: 6., 7., 27., 28. Januar; 3., 4., 10. und 11. Februar. Karten: Tel.(0521)  12 21 70.

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