Geistiger Brandstifter: Georg Böhm spielt Steve Zänke. Foto: Philipp Ottendörfer - © Philipp Ottendörfer
Geistiger Brandstifter: Georg Böhm spielt Steve Zänke. Foto: Philipp Ottendörfer | © Philipp Ottendörfer

Kultur "Der Auftrag" im Theater am Alten Markt: Dem Populismus auf der Spur

Uraufführung: Konrad Kästners nach Dürrenmatt konzipierter Theateressay „Der Auftrag“ erzählt im Bielefelder Theater am Alten Markt von der dunklen Kunst des Feuerlegens

Antje Doßmann

Bielefeld. Dieses Stück ist eine Zumutung. Das fängt schon beim Platznehmen an. „Der Auftrag“ ist irritierend, beklemmend, zutiefst beunruhigend. Das Gegenteil eines Katzenvideos. Man sollte es sich anschauen. Konrad Kästner hat das Stück für das Bielefelder Theater am Alten Markt konzipiert, Dariusch Yazdkhasti die Dramaturgie übernommen, am Samstag feierte es Premiere. Frei, sehr frei, nach Friedrich Dürrenmatts Novelle „Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter“ ist daraus ein multimediales, gesellschaftsanalytisches Sezierstück entstanden mit einem ganz zurückhaltend agierenden Georg Böhm in der Hauptrolle.Eine Deutschlandfahne reicht für wutbürgerliche Aufmerksamkeit Dass es dennoch mehr Keulen – als Paukenschlag ist, liegt daran, dass es dorthin geht, wo es wirklich weh tut. Nach „Dunkeldeutschland“. Womit keineswegs nur ein spezielles Bundesland gemeint ist, auf das es sich bequem mit dem Finger zeigen lässt. Pfui Sachsen noch einmal. So leicht macht es der gebürtige Leipziger Kästner den Zuschauern nicht. Mit „Der Auftrag“ schließt er an seinen preisgekrönten Dokumentarfilm „Kathedralen“ an. In dem er zusammen mit der Kamerafrau Eva Katharina Bühler Bilder einer Stadt in China eingefangen hat, die für eine Million Menschen gebaut wurde, aber leer steht. Eine Geisterstadt, Investitionsblase. Babylon nach der Zerschlagung. Oder davor. Als Untermalung der entseelten Bilder ertönt eine Erzählung von Michael Ende: „Die Bahnhofshalle stand auf einer großen Scholle.“ Ein Feuerwehrmann, der als Einziger versucht, die Menschen aufzuhalten, die von einem Prediger angestachelt das goldene Kalb Mammon anbeten und in den eigenen Untergang taumeln, wird von diesen als „Ungläubiger“ niedergemetzelt. Es ist gut, sich an den Feuerwehrmann zu erinnern, wenn man den „Auftrag“ sieht. Denn wie der Bahnhof auf der großen Scholle steht das experimentelle Stück auf den kapitalismuskritischen „Kathedralen“ und führt vor Augen, dass ein derartiges Ungleichgewicht in der Geldverteilung, wie wir es uns realiter leisten, geradezu zwangsläufig Demagogen gebiert. Einen wie Steve Zänke (Georg Böhm), der aufwiegelt, Stimmung macht, geistige Brände legt, auch wenn er lediglich auf Kästners dramatischem Reißbrett entworfen wurde. In der gesetzlosen Virtualität des Netzes ist das eh ein Kinderspiel. Und draußen, in der sogenannten Wirklichkeit, im wilden Osten, Karl May-Land, wo der Boden besonders fruchtbar ist für rechtspopulistisches Saatgut, braucht es nur eine Deutschlandfahne, um wutbürgerliche Aufmerksamkeit zu bekommen. Konrad Kästner war mit den Schauspielern Georg Böhm und Florian Denk vor Ort unter Leuten, hat gedreht. Szenen, die man kaum glauben möchte. Wie einem als Zuschauer in den 70 Minuten, die das Stück dauert, überhaupt schnell der Kopf zu schwirren beginnt unter dem verbalen Dauerbeschuss der einmal in Gang gesetzten Propagandamaschine. Was ist hier noch wahr, was erfunden, was real, was theatral? Die Grenzen sind längst fließend. Verschwörungstheorien in den sozialen Medien tragen dazu bei, dass irrationale Ängste wuchern wie Giersch im Garten. Angst vor Fremden, Angst vor Frauen, Angst vor Kapitalismuskritik. „Weiblich, muslimisch, links und eingewandert – Feindbild Nummer 1“, bilanziert der vom Publikum beobachtete Beobachter Zänke an einer Stelle, während er sich von Trendforschern und Netzwächtern aufklären lässt über die Algorithmen der sozialen Medien, um sie für seinen eigenen Aufstieg zum Volksverführer zu nutzen. Mit Allgemeinplätzen wie „Ihr seid das Volk!“ oder „Merkel muss weg!“ und emotionaler Aufwiegelung („Ich will, dass Ihr wütend seid!“) verschafft er sich schnell Gehör. Nur in Sachsen? Nur im Film? Nur auf der Bühne? Alles nur gespielt? Kästners „Auftrag“ zwingt nicht zuletzt dazu, sich mit der eigenen Verführbarkeit auseinanderzusetzen. Das ist schmerzlich. Und stark. An Michael Endes Feuermannwehrmann, der auf seinen Menschenverstand vertraut, wo andere nur auf die Stimme des Predigers hören, sollte man wie gesagt denken, wenn man das Stück besucht. Es hilft. Die nächsten Vorstellungen: 1. und 8. Dezember sowie am 13. und 14. Januar. Karten gibt es unter Tel. (05 21) 55 54 44. Weitere Informationen unter www.theater-bielefeld.de.

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