Nah dran an der Realität: Jörg Schulze-Neuhoff (v.l.), Inga Stück und Martin Neumann spielen in dem Stück „X-Freunde" stark auf. - © Linda Schnepel
Nah dran an der Realität: Jörg Schulze-Neuhoff (v.l.), Inga Stück und Martin Neumann spielen in dem Stück „X-Freunde" stark auf. | © Linda Schnepel

Kultur Forum für Kreativität und Kommunikation zeigt Stück „X-Freunde“

In dem Theaterstück werden die Folgen für das Individuum in einer immer schneller werdenden Arbeitswelt thematisiert

Linda Schnepel

Bielefeld. „Ich würde dich gerne mal wieder stehen sehen." Diesen Wunsch kann Workaholic Anne ihrem arbeitslosen Partner Holger nicht erfüllen. Wenn sie noch stehen kann, dann arbeitet sie oder trainiert für einen Marathon. Ebenso wenig Ressourcen hat sie für den gemeinsamen Freund und Künstler Peter übrig. Mit dieser Dreierkonstellation thematisierte das Forum für Kreativität und Kommunikation in dem Theaterstück „X-Freunde" die Folgen für das Individuum in einer immer stärker raumgreifenden und schneller werdenden Arbeitswelt. Das Stück von Felicia Zeller wurde 2013 bei den Autorentheatertagen in Berlin mit dem Hermann-Sudermann-Preis ausgezeichnet. Der Titel bezieht sich auf die unzähligen Verbindungen, die der vernetzte Mensch von heute meint haben zu müssen. In der Realität schafft er es aber nicht einmal, sich mit den engeren dieser Freunde entspannt auf einen Kaffee zu treffen. Inga Stück verkörpert als Anne die junge Durchstarterin, die sich mit ihrem Zwang zur Selbstverwirklichung immer mehr von sich selbst entfernt. Nachdem sie ihre Arbeit in einer Agentur verloren hat, macht sie sich selbstständig. Von da an ist sie für ihren Partner Holger (Jörg Schulze-Neuhoff) nur noch schwer greifbar, dafür eine Symbiose mit Tablet und Smartphone eingegangen. Es geht ihr schlecht dabei, doch ihr Selbstbetrug funktioniert so gut, dass sie denkt, es liefe alles so, wie es muss. Peter, der prokrastinierende Bildhauer (Martin Neumann), sieht den Druck auf dem Arbeitsmarkt etwas reflektierter: „Positiver Stress, diesen Begriff hat sich auch mal wieder jemand ausgedacht, dessen Job es ist, diese Welt für uns Unglückliche und Verzweifelte. . . Positiver Stress!" Autorin Felicia Zeller lässt ihre Figuren permanent unvollständige Sätze sprechen. Die Inszenierung kommt ohne viel Kulisse aus und lebt von der Dynamik der Sprache. Die Beschleunigung und die Zerstreutheit im Leben des arbeitenden Subjekts zeigt sich in diesem immerwährenden, aber unvollständigen Sprachfluss. Der Zuschauer erlebt so den Stress eindrücklich mit und wird sich in nicht wenigen Situationen selbst wiedererkannt haben. Mit „X-Freunde" hat das Forum für Kreativität und Kommunikation unter der Regie von Hans-Peter Krüger ein tragikomisches Stück auf die Bühne gebracht, das ernsthaft und witzig, absurd und realistisch zugleich Menschen an ihren unterschiedlichen Plätzen in unserer leistungsorientierten Gesellschaft zeigt: die Geschäftsfrau, den Arbeitslosen, den Künstler. So richtig glücklich kommt niemand dabei weg. Weitere Aufführungen gibt es am 18. und 19. November um 20 Uhr im Astoria. Weitere Infos unter www.forum-info.de.

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