Recherche in Vietnam: Thuy Nguyen (v.l.), Cuc Do Thu, Tobias Rausch und Nghia Thuy auf dem Weg zu einer Textilmanufaktur, in der Mädchen, die unter körperlicher Behinderung als Spätfolge vom „Agent Orange"-Einsatz leiden, zu Näherinnen ausgebildet werden. - © Recherchepool
Recherche in Vietnam: Thuy Nguyen (v.l.), Cuc Do Thu, Tobias Rausch und Nghia Thuy auf dem Weg zu einer Textilmanufaktur, in der Mädchen, die unter körperlicher Behinderung als Spätfolge vom „Agent Orange"-Einsatz leiden, zu Näherinnen ausgebildet werden. | © Recherchepool

Kultur Bielefelder Theater sucht Stoff

Das Bielefelder Theater und die Gruppe „Recherchepool“ starten ein Kunst- und Forschungsprojekt zu Textilien und Mode

Anke Groenewold

Bielefeld. Stoff, Textilproduktion und Mode – das sind die Themen, zu dem die sechsköpfige Gruppe „Recherchepool" und das Theater Bielefeld in dieser Spielzeit zunächst einmal Material sammeln werden. 2018 sollen aus dem erarbeiteten Stoff-Fundus mehrere Theaterproduktionen verwirklicht werden. „Wir sind an Geschichten von Menschen interessiert", sagt der Autor und Regisseur Tobias Rausch von Recherchepool. Er ist dem Bielefelder Publikum bereits durch die Produktionen „Verschwörer" und „Dunkle Materie" bekannt. Auch die Bielefelder sind aufgerufen, ihre ganz persönlichen, emotionalen Geschichten zum Thema beizutragen – sei es, weil sie in der Textilbranche arbeiten oder gearbeitet haben. Oder weil sie eine besondere Erinnerung oder Erfahrung mit einem Stück Stoff, einem Kleidungsstück verbinden. „Wir wollen mit der Stadt ins Gespräch kommen", sagt Rausch. Das gilt auch für die heute noch in der Region ansässigen Unternehmen. Das Team interessiert sich für Lebensgeschichten, für historischen Wurzeln und den Strukturwandel, aber auch für Fragen des individuellen Verhältnisses zur Kleidung. Es führt Gespräche mit Designern, Bloggern, Moderfotografen, Marketingexperten, Betriebswirten und Managern. Die globale Dimension wird ebenfalls erkundet. Tobias Rausch ist gerade aus Vietnam zurück, ein Land auf der Schwelle zur Industrienation und damit sehr interessant, erklärt er. Rausch besuchte High-Tech-Unternehmen. Aber auch kleine Manufakturen, in denen Mädchen zu Näherinnen ausgebildet werden, deren körperliche Behinderungen Spätfolgen des Entlaubungsmittels „Agent Orange" sind, das die Amerikaner im Vietnamkrieg einsetzten. Die Brücke nach Vietnam schlug Thao Tran, Multimedia-Managerin von Recherchepool. Sie wird am 1. Dezember ein Online-Magazin an den Start bringen, in das alle gesammelten Informationen ungefiltert einlaufen sollen. „Jeder kann darauf zugreifen", sagt Rausch. Dort können dann auch die Bielefelder ihre Geschichten oder Ideen hinterlassen. Die Autorin Anna Jelena Schulte wird nach Argentinien reisen und sich die Baumwollproduktion anschauen. Konrad Kästner will sich in Deutschland und Vietnam filmisch mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine auseinandersetzen. Patricia Bollschweiler wird in Bielefeld und Umgebung das Thema „Vom Leinenweber zum globalen Konzern – oder in die Insolvenz?" erforschen. Die Fotografin Kathrin Ahäuser kümmert sich um „Neue Lebenswege von Stoffen – Upcycling, Leasing und Kleidersharing". Drei Abende im Theater am Alten Markt Der Recherchepool kooperiert mit Willemina Hoenderken, Mode-Design-Professorin der FH Bielefeld, mit dem Bielefelder Soziologie-Professor Rainer Schützeichel, dem Studiengang Interdisziplinäre Medienwissenschaft und dem Museum Wäschefabrik. Auf Grundlage des recherchierten Materials sollen dann 2018 drei Abende im Theater am Alten Markt entstehen, in die Schauspieler, Tänzer und Sänger eingebunden sein werden. Was an den Abenden zu sehen sein wird, ist noch völlig offen. „Wir wissen ja noch nicht, worauf wir bei der Recherche stoßen werden", sagt Tobias Rausch und räumt ein: „Das ist ein Risiko." Aber eins, das auch Intendant Michael Heicks gern eingeht. „Theater ist auch dazu da, auszuprobieren und zu experimentieren", sagt er. Mit einer freien Gruppe wie Recherchepool zu arbeiten, „erweitert auch den Horizont des Theaters". ´ Auf der Online-Plattform www.stoff-magazin.com werden ab 1. Dezember die ersten Rechercheergebnisse veröffentlicht. Sie ist auch Anlaufstelle für Bielefelder, die etwas zum Thema beizutragen haben. Wer nicht so lange warten will, meldet sich bei der Dramaturgin Viktoria Göke, viktoria.goeke@bielefeld.de. Der Fonds "Doppelpass" Bezahlt wird das Projekt aus dem Fonds „Doppelpass" der Kulturstiftung des Bundes. „Doppelpass" fördert die Zusammenarbeit zwischen freien Gruppen und festen Theaterhäusern bei der Erprobung neuer Formate. Gefördert werden zweijährige Residenzprogramme mit je maximal 150.000 Euro. Für das Bielefelder „Stoff"-Projekt werde ungewöhnlich umfassend recherchiert, sagt Sebastian Brünger von der Kulturstiftung. „Das ist ein ambitioniertes und mutiges Projekt."

realisiert durch evolver group