Auf ein Wasser: Matthias Grässlin hat sich unters Dach des Holzhauses gelegt, denn nur dort war gestern wegen des starken Regens noch ein trockenes Plätzchen für das Gespräch mit Stefan Brams (NW) zu finden. - © Foto: Wolfgang Rudolf
Auf ein Wasser: Matthias Grässlin hat sich unters Dach des Holzhauses gelegt, denn nur dort war gestern wegen des starken Regens noch ein trockenes Plätzchen für das Gespräch mit Stefan Brams (NW) zu finden. | © Foto: Wolfgang Rudolf

Kultur „Kulturelle Vielfalt als Marke“

Mittagsgespräche im Holzhaus (3): Matthias Grässlin, Leiter der Theaterwerkstatt Bethel, über Kulturmarketing, neue Räume und ein ästhetisches Festival inmitten der Stadt

Stefan Brams

Bielefeld. Es ist nass im Holzhaus. Sehr nass. Lediglich ganz oben unterm Dach findet sich noch eine trockene Stelle. Doch sitzen kann man dort nicht, es ist zu eng. Also legt sich Matthias Grässlin locker hin. „Ist doch ein schönes Bild fürs Querdenken“, sagt der Leiter der Theaterwerkstatt Bethel noch und steigt dann direkt ein – ins dritte Mittagsgespräch im Holzhaus. Zunächst gibt’s Lob für den ersten Gast bei den diesjährigen Holzhausgesprächen. „Peter Finke hat ganz Recht, ein Haus der Wissenschaft in Bielefeld darf nicht allein ein Haus der Berufswissenschaftler und nicht lediglich ein Schaufenster der Hochschule sein. Das wäre Scheinpartizipation“, sagt der 52-Jährige."Die Kunstwerkskammer ist ein gelungenes Beispiel" Es müsse von einem viel breiteren Spektrum getragen und belebt werden. Dazu gehörten eben – ganz wie Finke es formuliert habe – auch die von Laien betriebene Forschung. Es müsse vielmehr ein Haus von und für Bürger unter Einschluss der Wissenschaftler sein. Wie es Grässlin, der die Theaterwerkstatt Bethel 1983 mitbegründet hat und seit 1994 leitet, überhaupt darum geht, Projekte grundsätzlich kooperativ anzugehen. Er hält es für dringend geboten, immer wieder Perspektiven zu wechseln, kreuz und quer zu denken, um Dinge zu entwickeln und voranzubringen. „Auch einen Raum aus anderen Blickwinkeln zu betrachten, ist hilfreich beim Querdenken“, sagt er. Vor allem aber geht es dem gebürtigen Gummersbacher darum, mit der Kultur Räume zu erobern, zu beleben, um so die offene Stadtgesellschaft voranzubringen, Barrieren und Trennlinien abzubauen. Aus diesem Grund wünscht er sich, dass Verwaltungen weniger bürokratische Hindernisse aufbauen, wenn es darum geht, neue Räume für die Kultur zu schaffen und neue Räume zu bespielen. „Es gibt hier in Bielefeld einige Leerstände wie zum Beispiel die alte Fachhochschule mit ihren verschiedenen Standorten, die sich ideal für künstlerische Projekte eignen würden“, sagt Grässlin."Die Lebendigkeit in der Stadt befördern" Bisher seien alle Versuche von Initiativen, dort kooperative, spartenübergreifende Kultur- und Kunstprojekte zu initiieren, vom Land leider abgeblockt worden. „Die beißen sich regelrecht die Zähne an der Bürokratie aus. Es wäre schön, wenn es für solche Vorhaben viel mehr Offenheit gäbe, wenn Gastfreundlichkeit für diese Räume herrschen und so die Lebendigkeit in der Stadt befördert würde“, sagt Grässlin, der auch beim Bielefelder Kulturpact aktiv ist. Die Kunstwerkskammer in der alten Handwerkskammer sei hingegen ein gelungenes Beispiel gewesen für die temporäre Bespielung und Belebung eines vorübergehend leerstehenden Gebäudes. Lob gibt es vom Theatermacher für den Kulturpact. „Seit es ihn gibt, hat sich das Klima unter den Kulturakteuren aber auch gegenüber der Stadt deutlich verbessert. Es ist konstruktiver, kooperativer geworden, obwohl wir uns natürlich auch streiten.“ Auch würden nicht mehr nur lineare Forderungen gestellt, sondern Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven an Bord geholt, um miteinander nachzudenken, was man für eine lebendige Stadt braucht. Geärgert habe er sich, als das Stadtmarketing die Kultur nicht zu einer eigenständigen Säule ihrer Marketinganstrengungen erhoben hat. Aber Grässlin will nicht zurückblicken. „Das hilft ja nicht weiter.“ Er setze auf den Kulturmarketingprozess, der jetzt von Kulturdezernent Udo Witthaus angestoßen worden sei. „Dass eine Arbeitsgruppe besetzt mit ganz unterschiedlichen Akteuren derzeit ein Kulturmarketing-Konzept erarbeitet, ist ein richtiger Weg.“ Er hoffe, dass die Kultur dadurch einen noch größeren Stellenwert in dieser Stadt erhalte. Die Stärke der Bielefelder Kultur liegt für Grässlin vor allem in ihrer großen Vielfalt. „Und genau die sollte das aufzubauende Kulturmarketing auch ins Zentrum seiner Arbeit stellen und als Marke nach außen tragen“, betont er. Wichtig sei es aber auch, dass Kultur nicht nur als Dienstleister gesehen wird, sondern als Wert an sich. Ein Kulturhaus für Bielefeld hält Grässlin zwar nicht für unbedingt notwendig, „weil die Stadt über viele starke Kulturorte verfügt, aber wenn es Kulturschaffende gibt, die einen solchen Ort brauchen, dann sollen sie ruhig dafür aktiv werden.“ Den Ratsbeschluss zur Gesamtkonzeption Kulturelle Bildung begrüßt Grässlin ebenfalls. „Jetzt muss es aber darum gehen, dass dieses Konzept auch von Fachkräften zeitgemäß in kooperativen Formen umgesetzt wird.“ Sehr gut vorstellen könne er sich in Zukunft ein großes ästhetisches Festival in der Gesamtstadt, das von vielen unterschiedlichen Akteuren quer durch alle Sparten getragen wird. „Sollte es Leute geben, die Lust haben, diese Idee voranzutreiben, ich bin ansprechbar“, sagt Grässlin, der am Ende des Holzhausgesprächs , ohne nass geworden zu sein, die Nische unterm Dach wieder verlassen kann.

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