Darauf ein Wasser: Conor Körber (sitzend, v.l.), Wiebke Esdar, Daniel Nötzold und Lara Venghaus. Darius Haunhorst (stehend v.l.), Patrick Mayregger, Robin Epskamp, Philip Strunk, Björn Klaus, Sally Lisa Starken, Tanja Korte und Ioannis Dimopulos. - © Foto: Wolfgang Rudolf
Darauf ein Wasser: Conor Körber (sitzend, v.l.), Wiebke Esdar, Daniel Nötzold und Lara Venghaus. Darius Haunhorst (stehend v.l.), Patrick Mayregger, Robin Epskamp, Philip Strunk, Björn Klaus, Sally Lisa Starken, Tanja Korte und Ioannis Dimopulos. | © Foto: Wolfgang Rudolf

Kultur Bielefelder Jugend im Dialog mit der Kommunalpolitik

Teilnehmer der „Mittagsgespräche im Holzhaus“ debattieren mit Wiebke Esdar und Björn Klaus von der SPD über die Politik und warum sie junge Menschen eher abschreckt

Stefan Brams

Bielefeld. Die NW-Serie der „Mittagsgespräche im Holzhaus" hat ein Nachspiel. Anlass: Eine Mehrheit der 15 Teilnehmer hatte in den elf Gesprächen, die Kommunalpolitik kritisiert. Das hatte Bielefelds SPD-Chefin Wiebke Esdar und den Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Björn Klaus, aufhorchen lassen. Sie luden die Gesprächspartner aus dem Holzhaus ein zum Gedankenaustausch. Neun kamen. Die NW hörte zu.„Wir würden gerne wissen, was Euch an der Kommunalpolitik stört und was wir aus Eurer Sicht anders machen können", sagt Esdar in die Runde, die sich im „Good Hood" versammelt hat. Tanja Korte von der Autokulturwerkstatt betont, dass sie die Kommunalpolitik oft als sehr unüberlegt empfindet. Sopranistin Lara Venghaus sieht das Problem vor allem darin, dass sie kaum einen Zugang zu den Kommunalpolitikern findet. „Es wäre schön, wenn die Politiker sich vor Ort viel mehr sehen lassen würden." In Italien erlebe sie die Kommunalpolitik als viel präsenter, näher bei den Bürgern. Authentizität der Politiker ist wichtig Daniel Nötzold, der Geschichte und Sozialwissenschaften studiert und eine eigene Kommunikationsfirma hat, fragt sich, wie Kommunalpolitik eigentlich junge Menschen erreichen will, die nicht wie die Gesprächsteilnehmer allesamt studieren oder studiert haben? Und Philip Strunk, Chefredakteur des Uni-Radios Hertz 87,9, bemängelt die fehlende Nahbarkeit der Politik. „Die Kommunalpolitik wirkt wie ein abgeschlossener Zirkel. Sie muss viel transparenter werden, um junge Menschen anzulocken." Auch sein Radio-Kollege Conor Körber sieht das so. Er betont: „Wir merken das bei uns im Sender, dass die Kommunalpolitik unsere Hörer eher abstößt." Positionen, die auch schon in den Mittagsgesprächen formuliert worden waren. Positionen, die Esdar und Klaus nachdenklich stimmen. „Dabei sind doch gerade wir Kommunalpolitiker in der Stadt sehr präsent und viel vor Ort, wenn wir auch nicht überall sein können", sagt Esdar und möchte wissen, wie die Gesprächsrune über den Einsatz sozialer Medien denkt, um näher an junge Menschen heranzukommen. Daniel Nötzold sagt: „Wenn Parteien auf Facebook setzen, dann müssen sie es auch richtig machen und intensiv dran bleiben und die Kommunikation eng begleiten, sonst hat das keinen Sinn. Die Nutzer erwarten eine direkte und sofortige Kommunikation." Philip Strunk warnt: „Wenn Politiker diese Kanäle nutzen, dann sollten sie auch wirklich selbst dort aktiv sein und nicht irgendein Team. Authentizität ist wichtig, sonst wirkt das nur albern." Authentizität ist ein gutes Stichwort. „Wenn Politiker den Kontakt zu uns suchen, dann möchten wir nicht gleich vereinnahmt werden und auch nicht nur Besuch haben, weil sich das gerade gut in der Presse macht", sagt Tanja Korte. Auch Lara Venghaus wünscht sich, dass es ehrliches Interesse an den Menschen gibt seitens der Politiker und kein taktisches. Politik in die Schulen tragen Conor Körber hat beobachtet, dass viele junge Leute mittlerweile glauben, dass sich eine Auseinandersetzung mit der Politik gar nicht mehr lohne, „weil die wahre Macht von der Wirtschaft ausgeht". Ioannis Dimopolus, der sich bei den Linken engagiert, wünscht sich, dass Kommunalpolitik viel mehr in den Schulen zum Thema gemacht wird und Politiker in die Schulen gehen, so dass die Schüler mit ihnen debattieren können. Auch Robin Epskamp, selbst noch Schüler und bei der Linken Jugend aktiv, beklagt, dass in den Schulen Kommunalpolitik kein Thema ist, und sieht darin mit einen Anlass dafür, dass viele junge Menschen so wenig Bescheid wissen über Abläufe in den Kommunen. Nötzold bringt einen interessanten Gedanken in die Runde ein. „Wie wäre es, wenn die Politik Open-Source-Konferenzen zu bestimmten Themen einrichten würde, so dass jeder Bürger dort über Positionen und Ideen der Parteien mitdiskutieren und sich einbringen könne?" Auch Philip Strunk findet solche dialogischen Formen „sehr wichtig", verweist auf Erfahrungen mit Blitzgesprächen zwischen Studenten, Unternehmern, Wissenschaftlern und Politikern zur Wissenschaftsstadt Bielefeld. Alle 30 Minuten wechselten die Gesprächspartner, so dass man das Thema von vielen Seiten betrachten konnte. „Solche Formate sorgen für Transparenz." Streit nicht um des Streitens willen Esdar und Klaus halten diese Ansätze für spannend, „aber am Ende müssen auch Beschlüsse, manchmal auch unpopuläre, gefasst werden und Klarheit herrschen, wer wofür steht." Dazu bedürfe es eben der städtischen Gremien und der Parteien. Das zweifelt auch niemand in der Runde an, auch nicht, dass Streit notwendig sei, aber nicht um des Streitens willen. Esdar verweist darauf, dass 80 bis 90 Prozent aller Beschlüsse in der Kommunalpolitik einstimmig fallen. „Wir streiten gar nicht immer", betont sie, „aber da, wo es wichtig ist, schon." Patrick Mayregger, der bei den Jusos aktiv ist, verweist auf das Projekt Stadtverbesserer, das zusammen mit der Bezirksschülervertretung auf den Weg gebracht werden soll, um über die Kommunalpolitik aufzuklären. Dass Aufklärung über die Kommunalpolitik not tut, ist sicherlich ein Ergebnis des Holzhaus-Gipfels. Ein anderes, dass Politiker noch viel näher ran müssen an die (jungen) Menschen und dass diese sich neue Beteiligungsformen wünschen. In einem Jahr will die Runde wieder zusammenkommen, um zu überprüfen, ob sich was getan hat.

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