Erstens, zweitens, drittens: Daniel Nötzold erläutert Stefan Brams seine Ideen für die Weiterentwicklung Bielefelds. - © Foto: Wolfgang Rudolf
Erstens, zweitens, drittens: Daniel Nötzold erläutert Stefan Brams seine Ideen für die Weiterentwicklung Bielefelds. | © Foto: Wolfgang Rudolf

Kultur Mittagsgespräche im Holzhaus: „Ein Jahnplatz ohne Autos wäre ein Traum“

Daniel Nötzold schätzt das tolerante, offene Klima in der Stadt, wünscht sich einen großen Badesee und eine Kommunalpolitik, die sich weniger von parteipolitischen Interessen leiten lässt

Stefan Brams

Bielefeld. Daniel Nötzold studiert Geschichte und Sozialwissenschaften an der Bielefelder Uni. Vielleicht wird der 27-Jährige nach seinem Abschluss Lehrer. „Aber das entscheide ich erst nach meinem Praxissemester an der Realschule Jöllenbeck, weil ich dann mehr Klarheit habe, ob es der richtige Beruf für mich ist", sagt der gebürtige Bielefelder, der neben seinem Studium auch noch PR und Öffentlichkeitsarbeit für Firmen macht, im vierten Mittagsgespräch im Holzhaus. Müsste er seiner Geburtsstadt Bielefeld Noten geben, „so fielen diese durchweg gut aus", sagt er und betont: „Die Stadt hat sich von einer eher grauen Maus zu einer bunten lebenswerten Großstadt entwickelt, in der ich gerne lebe." Sie sei vor allem in den vergangenen Jahren gerade auch für junge Leute immer attraktiver geworden. Dazu habe das große kulturelle Angebot genauso beigetragen wie die sich stark entfaltende Uni. "Die Stadt sollte mehr für Startups  und Kreative tun" Dem Studenten, der in Senne aufgewachsen ist, wo er auch heute noch lebt, fällt denn auch wenig Kritikwürdiges an seiner Stadt auf. „Ich bin mit Bielefeld insgesamt sehr zufrieden", betont Nötzold, der aber nicht ausschließt, irgendwann in Köln oder Berlin zu leben und zu arbeiten. „Vor allem wenn ich mich entscheiden sollte, doch eher im PR- und Öffentlichkeitsbereich oder gar in der Politikberatung tätig zu sein, dann wäre ich in diesen Städten besser aufgehoben als in Bielefeld", ist er sich sicher, will das aber nicht als Votum gegen Bielefeld verstanden wissen.Wenn Nötzold auch wenig an Bielefeld zu kritisieren hat, so wünscht er sich doch, dass für Startups und die kreative Branche in der Stadt mehr getan werde. „Andere Städte sind da weiter, haben in diesem Bereich einen besseren Ruf als Bielefeld." Vor allem in der Nähe der Uni müssten noch viel mehr Räume für experimentelles Arbeiten entstehen, das Internet müsste deutlich schneller werden und steuerliche Anreize wären auch ein Mittel, junge, kleine Firmen anzulocken, die wiederum wichtig seien für eine innovative Weiterentwicklung der Stadt selbst. Von Slogans, die sich Städte verpassen, hält der PR-Fachmann, der zudem eine Banklehre absolviert hat, eher nichts. Nötzold findet aber, dass in der Bezeichnung „Liebefeld" „alles drin steckt, was diese Stadt zu bieten hat. Der Spruch trifft es einfach, denn die Menschen hier sind viel offener, toleranter und freundlicher als es das Klischee ihnen zuschreibt." Über die Frage, was er sofort in Bielefeld ändern würde, muss Nötzold nicht lange nachdenken. „Als erstes würde ich die Autos vom Jahnplatz verbannen, um einen starken zentralen Innenstadtplatz zu schaffen, der Alt- und Neustadt verbindet. So ein Platz wäre ein Traum." Überhaupt würde er die Neustadt gerne stärker entwickeln. „Sie fällt hinter der Altstadt leider ab", sagt er und betont: „Das Loom ist ein richtiger Schritt zur Verbesserung der Situation in der Bahnhofstraße." Auch dass Sinn Leffers neu bauen wird, begrüßt Nötzold, der sich insgesamt noch mehr attraktive Plätze für Bielefeld und einen großen Badesee wünscht. Mehr Kunstwerke auf den öffentlichen Plätzen wären ein Gewinn, sagt er. „Wir sehen doch im Skulpturenpark wie gut diese Werke angenommen werden und wie Menschen durch sie miteinander ins Gespräch kommen." Die Skater-Anlage auf dem Kesselbrink sollte ruhig noch weiter ausgebaut werden, findet er, und auch eine weitere große Sportveranstaltung könnte die Stadt gut vertragen. „Ein jährlicher Bielefeld-Marathon wäre toll", sagt Nötzold, der selbst gerne läuft und bereits zweimal den Jakobsweg über jeweils rund 1.000 Kilometer entlang gewandert ist. Das Theater und die Kunsthalle besuche er gerne. Kürzungen in der Kultur, wie jetzt beim Theater, hält er für nicht richtig. Auch er empfiehlt den Kultureinrichtungen, wie schon Lino Vinke im dritten Holzhausgespräch, ein stärkeres Kulturmarketing, das sich viel intensiver der sozialen Medien bedient, um die jungen Menschen zu erreichen. „Wir jungen Bürger sind doch die Zukunft. An uns müssen die Häuser viel stärker heran." Bisher erfolge das viel zu halbherzig. Bielefeld nimmt Nötzold als eine „politische Stadt" wahr. „Ich schätze das Engagement für ein buntes und tolerantes Bielefeld", betont er. Das Bekenntnis der Zehntausend auf dem Jahnplatz zu einer toleranten Stadt habe ihn begeistert. „Ich finde es absolut beeindruckend, dass der Populismus in unserer Stadt bisher keine Chance hat. Und das soll auch so bleiben." Die Kommunalpolitik selbst erhält von Nötzold nicht so gute Noten. „Die traditionellen Parteien sind zu steif und kommunizieren viel zu wenig auf Augenhöhe mit den Bürgern", kritisiert er. Er wünsche sich, dass Politiker andere Sichtweisen viel stärker zur Kenntnis nehmen und auch wirklich bereit sind, ihre Haltungen ehrlich zu hinterfragen. „Gerade in der Kommunalpolitik sollte weniger die eigene Partei im Vordergrund stehen, sondern viel mehr die Frage, was das Beste für unsere Stadt ist." Einen Rat hat Nötzold am Ende noch parat für seine Heimatstadt: „Bielefeld sollte mutiger und weniger verzagt auftreten, dann wird die Stadt ihr tolles Potenzial noch besser nutzen können." Nach Adam Ach und Mert Salur, Lara Venghaus, Lino Vinke und Daniel Nötzold sind am 2. August  Philip Strunk, Conor Körber und Simon Strehlau im Holzhaus zu Gast. Alle Gespräche gibt es im Netz unter www.nw.de/kultur

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