Schlange stehen: Das ist an Annies Kiosk ganz normal. - © Dirk Kröger
Schlange stehen: Das ist an Annies Kiosk ganz normal. | © Dirk Kröger

Dänemark Hier geht es um die heiße Wurst

Das ist ja einmal eine Sehenswürdigkeit der besonderen Art: Im süddänischen Sønderhav gibt es einen Hot-Dog-Stand, den sogar Wikipedia kennt

Dirk Kröger

Annies Kiosk am Fjordvejen – der Straße, die Urlauber von Deutschland Richtung Insel Als führt – ist nur wenige Kilometer von der deutsch-dänischen Grenze entfernt und animiert Menschen, nur für einen kleinen Imbiss dortselbst das skandinavische Nachbarland zu besuchen. Im Sommer ist es besonders schön an Annies Kiosk, der direkt an der Flensburger Förde liegt. Viele Gäste reisen auch mit dem eigenen Boot an, um hier eine Wurst im Brötchen zu genießen. Der Verkaufsstand ist überregional bekannt für seine dänischen Hot Dogs, von denen hier täglich rund 1.000 Stück verkauft werden. Er gilt als „berühmtester Hotdog-
stand Süddänemarks". Deswegen nennen die Einheimischen den kleinen Ort Sønderhav auch Hotdoghav. Die Offiziersanwärter der Marineschule Mürwik, die früher einmal im Jahr mit ihren Segelbooten vom Bootshafen der Marineschule ein „Hot-Dog-Race" zum Kiosk veranstalteten, gaben ihrem Segelziel den Spitznamen Hot-Dog-Havn. Von Deutschland aus kommend ist der Stand am linken Straßenrand nicht zu übersehen, denn der dazu gehörende Parkplatz ist meist – auch außerhalb der Hochsaison – voll. Wer Glück hat und noch einen Stellplatz findet, der kann sich bald in die Menschenschlange vor dem kleinen weißen Gebäude mit seiner roten Werbung am Dach-Überstand einreihen. Es ist wirklich unglaublich, wie viele Menschen hier ein Würstchen im Brötchen essen wollen, wobei der Verkaufstresen des Kiosks zweigeteilt ist: Auf der einen Seite gibt es nur und ausschließlich Hot Dogs, auf der anderen auch Getränke, Eiscreme und Pommes. Der klassische dänische Hot-Dog besteht aus Brötchen, Wurst, Zwiebeln und Soße. Verzehrt werden kann er an einem der Holztische neben dem Kiosk. Eines hat sich jedoch verändert. Die Kiosk-Namensgeberin Annie, die schon 1966 hier ihre Ware feil bot, ist inzwischen verstorben. Die Hot Dogs schmecken trotzdem. Für all diejenigen, denen es bei Annie zu voll ist, gibt es eine Alternative. Denn an der gleichen Straße, nur etwa 100 Meter weiter, ist seit dem Jahr 2014 ein neuer Imbisswagen namens „Fjordens Perle" (Perle der Förde) zu finden, der von den zwei ehemaligen Studenten Simon Skjøth Kolmos sowie Søren Jessen betrieben wird, der bereits als Aushilfskraft bei Annie Bøgild Erfahrungen in der Imbissbranche gesammelt hatte und ihr nun unter anderem mit selbst gemachten Burger-Frikadellen Konkurrenz macht. Natürlich nützt dem Duo der Bekanntheitsgrad von Annies Kiosk – und bei ihm muss kein Kunde so lange Schlange stehen wie beim Original. „Wo ein Hot-Dog-Stand guten Umsatz macht, ist auch Platz für einen zweiten", erklärt Søren seine Idee. Und er hat recht, wobei die beiden übrigens genau die gleichen Preise für ihre Würstchen verlangen wie Annies Kiosk. Auch hier mundet die Wurst. Vielleicht sogar besser als beim Original. Aber das ist Geschmackssache. „Alles frische Zutaten", erklärt Søren das Erfolgsrezept, „die Brötchen vom lokalen Becker, die Würstchen vom lokalen Fleischer, die Soßen selbst hergestellt und die Zwiebeln ganz frisch geschnitten." Die Popularität der beiden Hot-Dog-Stände ist amüsant. So richtig erklären kann wohl niemand, wie es dazu kam oder speziell, warum Annies Kiosk zu einer ganz besonderen Anlaufstelle für Biker geworden ist – im Sommer wurden schon über 1.000 Motorräder an einem Tag gezählt, die vor diesem Stand eine Pause einlegten. Wir wollen mal ehrlich sein: So ein Hot Dog ist nun wirklich nichts Aufregendes – es gibt durchaus geschmackvollere Snacks. Und dennoch, wer in Sønderhav oder Umgebung ist, der fühlt sich nahezu gezwungen, Annies Kiosk zu besuchen und eine Wurst zu essen. Die Hot Dogs finden also weiterhin reißenden Absatz- auch obwohl Annie nicht mehr unter uns weilt. Sie hatte sich zu Lebzeiten gewünscht, dass der Betrieb des Kiosks auch nach ihrem Tod normal weiterläuft. Diesen Wunsch erfüllten ihre Mitarbeiter umgehend. Eine dänische Facebook-Gruppe mit über 840 Mitgliedern begann sich für den Erhalt des kleinen Hotdog-Unternehmens einzusetzen, wobei auch die rechtliche Lage völlig unsicher war, denn der Mietvertrag mit der Kommune Apenrade war mit Annies Tod ausgelaufen und die Verwaltung hatte schon erklärt, ihn wegen des zum Teil chaotischen Verkehrsaufkommens nicht verlängern zu wollen. Inzwischen aber ist ein neuer Pächter gefunden: Jens Enemark, Betreiber vom Golfplatz und Hotelrestaurant „Benniksgaard" bei Gravenstein sowie Gründer der Motorsportrennstrecke Padborg Park, übernahm die Pacht am 1. Juli 2017. Geplant ist nach Absprache mit der Küstenbehörde eine kleine Erweiterung des Kiosks, um somit Arbeitsvorschriften erfüllen zu können. Ansonsten garantiert der neue Pächter, den Betrieb in gleicher Weise fortzuführen und den Namen Annies Kiosk beizubehalten. Das gefällt, denn eine derartige Tradition – so schräg sie auch wirken mag – sollte fortgesetzt werden. Es wäre einfach zu schade, wenn es einstmals durch Sønderhav ginge und da wäre kein Hot-Dog-Stand mehr.

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