Versunkene Stadt: Die Natur hat die Tempelanlage Beng Mealea zurückerobert. Hier fühlen sich Urlauber wie Entdecker. Übersetzt bedeutet der Name übrigens „Lotusteich". - © picture alliance
Versunkene Stadt: Die Natur hat die Tempelanlage Beng Mealea zurückerobert. Hier fühlen sich Urlauber wie Entdecker. Übersetzt bedeutet der Name übrigens „Lotusteich". | © picture alliance

Kambodscha Im Land der Tempel

Das Land im Südosten von Asien ist bei Touristen vor allem für seine geheimnisvollen Tempelanlagen im Dschungel bekannt. Doch es gibt noch mehr zu erleben

Susanne Reuter

Beng Mealea – verwunschen wie der Name so der erste Eindruck. Im 12. Jahrhundert erbaut, hat die Natur das Bauwerk in Besitz genommen. Mächtige, himmelhohe Spungbäume oder Würgefeigen ranken auf und um die zum Großteil eingestürzten ehemaligen Galerien und Bibliotheken der Tempelanlage. Der Samen der Bäume, die über Vögel auf das Gebäude gelangen, umschließen diese und sprengen förmlich die Steine. Die ohne Mörtel aufeinander gelegten Sandsteine können der wuchernden Kraft nicht standhalten. Einst an der alten Königsstraße gelegen, vermutet man, Suryavarman II. war der Bauherr der Anlage. Während seiner Regentschaft erreichte das Reich der Khmer in der Tempelbaukunst größte Bedeutung. Große, übereinander gefallene Steinblöcke empfangen die Besucher gleich am südlichen Eingangstor, über Holzwege führt der Weg treppauf, treppab. Lot, unser Guide, dessen Name – so seine Erzählung – von der Lotusblüte stammt, berichtet, was er weiß und lässt uns Besucher eintauchen in eine mystische Welt. Wir wandern durch die Anlage, staunend und beeindruckt von der magischen Schönheit, die seit 1992 zum Weltkulturerbe zählt. Allein im 13. Jahrhundert wurden in Kambodscha über 500 Tempelanlagen in der Angkor-Region gebaut. Heute zählt das Königreich, etwa halb so groß wie Deutschland, insgesamt immer noch ca. 3.000 Tempelanlagen. Ein Segen für das in der Vergangenheit durch Kriege, Kolonialherrschaften und Besatzungen arg gebeutelte Land. Mit etwa 1.000 bis 3.000 Minen pro Kilometer trägt es bis heute eine schwere Last. Rund 4.000 Minenräumer sind gegenwärtig immer noch mit der Entschärfung beschäftigt. Auf markierten Wegen besteht keine Gefahr. Noch während wir über die Stimmung Beng Mealeas sprechen, führt unser Weg zu den mächtigen Angkor Wat-Bauten, die rund sechs Kilometer außerhalb von Siem Reap liegen. Umgeben von einem Wassergraben, erreichen wir die Anlage per Fahrrad – ein besonderes Erlebnis. Angkor Wat, der Tempelkomplex mit den fünf Türmen in Form von Lotusblüten und unzähligen Gebäuden, ebenfalls von Suryavarman II. erbaut, zählt bis heute als das größte sakrale Bauwerk der Welt, dient noch immer als buddhistischer Tempel und ist nach wie vor Pilgerstätte für Mönche. Die Größe der Anlage ist gewaltig. Ergriffen vom Anblick laufen wir über lange Prozessionsstraßen, durch Vorhallen und Quergänge, entlang der Bassins und über Terrassen. Reliefdarstellungen, die Kämpfe, Schlachten, Audienzen, Prozessionen, das Gute und Edle auf dem Weg ins Paradies und die Verurteilten auf den Weg zur Hölle zeigen, lassen erahnen, welche Hochkultur damals herrschte. Der Tempelkomplex zählt seit 1992 ebenfalls zum Weltkulturerbe und wird seit vielen Jahren fortlaufend restauriert. Wir radeln weiter. Ta Prohm, seit den Filmaufnahmen von den Locals auch liebevoll „Hollywood-Tempel" genannt, eine weitere Anlage, liegt etwa zwei Kilometer entfernt von Angkor Wat. Auffällig hier der zerfallene Zustand, wie wir ihn in Beng Mealea bereits vorfanden. Die Restauratoren beschlossen, die Anlage im vorgefundenen Zustand zu belassen. Die Wege und Gebäude wurden jedoch so hergerichtet, dass Besucher die Anlage gefahrlos besichtigen können. Riesige Würgefeigen überranken ganze Gebäude. Das gesamte Areal umfasst einen Tempel, Kloster, weitere kleine Gebäude, umringt von einer Mauer mit Ecktürmen. Zur Auflockerung nach viel Kultur empfiehlt sich ein Ausflug in den nördlich von Siem Reap gelegenen Phnom Kulen-Nationalpark. Phnom Kulen ist für Kambodschaner ein heiliger Berg und gilt als Geburtsort des alten Khmerreichs. Bis fast auf 500 Höhenmeter geht es über Treppen hinauf zum acht Meter großen, in Stein gehauenen liegenden Buddha. Unweit entfernt führt ein Trampelpfad durch den Dschungel auf dem Plateau weiter bis zum Fluss der Tausend Lingas. Die unzähligen kleinen Phallus-Darstellungen sind knapp unter dem Wasserspiegel sichtbar und demonstrieren Fruchtbarkeit. Das Wasser wird als heilig angesehen. Im nahe gelegenen zwölf Meter hohen Wasserfall können wir im Becken eine Erfrischung genießen. Ein Dorf versorgt die Gäste mit allem, was für ein Picknick im Schatten benötigt wird. Rund 20 Kilometer südlich von Siem Reap treffen wir auf den überdurchschnittlich fischreichen Tonle Sap-See, der größte Binnensee Südostasiens. Flussabwärts, in Phnom Penh, mündet der Tonle-Sap-Fluss in den Mekong. Während der Regenzeit wächst der Mekong bis zum Vierfachen seiner normalen Größe an und drückt durch den hohen Druck das Wasser entgegen der Fließrichtung in den Tonle-Sap-Fluss zurück. Damit wächst auch der See zu einer unglaublichen Größe heran. Heute leben bis zu 1.000 Familien auf dem Wasser, hauptsächlich 
Vietnamesen, die in Kambodscha kein Land erwerben dürfen. Am Ufer befinden sich Pfahlbauten, auf dem Wasser draußen haben sich ganze Dörfer entwickelt. Sie verfügen über Schulen, Pagoden, ja sogar eine Krankenstation ist vorhanden. An einem Zufluss des Mekongs liegt Phom Penh, die Hauptstadt Kambodschas, die wir mit dem Bus erreichen. Der Königspalast mit Thronhalle und Silberpagode sowie das Nationalmuseum mit Exponaten der Khmer-Kunst gehören zu den klassischen Highlights der Stadt. Der König residiert im für Besucher unzugänglichen Bereich des Königspalasts. Das Gelände glänzt, Pagoden und Statuen sowie die reichlich verzierten Dächer des Palastgebäudes symbolisieren die wieder auferstandene Monarchie. Sie soll dem Land eine friedliche Zukunft bescheren. Der prunkvolle Thronsaal wird traditionell für Krönungszeremonien, Empfänge wichtiger Staatsgäste und weitere offizielle Anlässe genutzt. Insignien wie beispielsweise die Krone des Königs und Schätze des kambodschanischen Königshauses befinden sich in der Schatzkammer. Stufen aus italienischem Marmor führen in die Silberpagode, in der die aus massivem Gold und Kristall gefertigte und mit über 9.000 Diamanten verzierte Buddhastatue steht. Die Fliesen aus Silber sind mit Teppichen bedeckt. Das Nationalmuseum, ein rostroter Sandsteinbau, zeigt über 5.000 Kunstgegenstände aus der Angkor-Ära mit den wertvollsten Exponaten.

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