110 Tonnen schwer: Die auf Hochglanz polierte Edelstahl-Bohne. Das „Cloud Gate", das Wolkentor, schuf der Bildhauer Anish Kapoor für den Millennium Park. - © Ulla Wolanewitz
110 Tonnen schwer: Die auf Hochglanz polierte Edelstahl-Bohne. Das „Cloud Gate", das Wolkentor, schuf der Bildhauer Anish Kapoor für den Millennium Park. | © Ulla Wolanewitz

USA Windige Perspektiven

Chicago, am Lake Michigan in Illinois, ist eine der größten Städte in den USA. Sie ist bekannt für ihre schöne Architektur, für Wind, für Blues und für Hochprozentiges

Ulla Wolanewitz

Die wilde Zwiebel stand Pate für die Namensgebung der einzigen Millionenstadt im US-Bundestaat Illinois: Chicago. Die Potawatomi-Indianer besiedelten im späten 17. Jahrhundert als Erste das Marschland in diesem Landstrich. „Checagou" war ihr Name für die hier seinerzeit massig vertretende Pflanze. Heute ist es nicht das krautige Gewächs, das dem Besucher die Tränen in die Augen treibt, sondern vielmehr das oftmals stürmische Wetter von „Windy City". Die drittgrößte Stadt der Vereinigten Staaten trumpft mit dem ersten Wolkenkratzer der Welt. 1885 schoss der „Skyscraper" – in Stahlskelettbauweise – hier aus dem Boden. Dieses 42 Meter hohe Gebäude machte den Weg frei für eine moderne Architektur, die sich himmelwärts orientierte. Die Superlative heute? Der Willes Tower mit 110 Stockwerken. Aufgepasst: Wer per pedes durch die Häuserschluchten zwischen den gigantischen Steintruhen flaniert, legt automatisch den Kopf in den Nacken. Ursache? Die Faszination. Sie lässt die Augen in die Höhe schweifen, weil die Neugier wissen will, wo sich das jeweilige vertikale Ende der Steintruhe befindet. Das Risiko, mit einem ebenso – anderweitig konzentrierten – Handy-Autisten zusammenzustoßen, ist dabei durchaus gegeben. Gefahrenfreier ist ein Abstecher in den Millennium Park. Mit 475 Millionen US-Dollar wurde das Prunkstück dreimal so teuer wie angedacht. Hier durfte sich der dekonstruktivistische Architekt Frank Gehry ausleben. Er zauberte den Pritzker Pavilion: Eine akustisch, phänomenale Konzertmuschel, die – in den Sommermonaten stets belebt – zehntausende Besucher magisch anzieht. Dabei nicht zu übersehen: Die 110 Tonnen schwere Bohne aus nahtlosen Edelstahlplatten, auf Hochglanz poliert. Dieses Wolkentor – das „Cloud Gate" von Anish Kapoor – verbindet Himmel, Erde und natürlich die Skyline und spiegelt sie. Klar, dass diese willkommene Tropfenskulptur eine exzellente Selfie-Kulisse bietet. Gegenüber, unweit vom neoklassizistischen Rathaus in der Michigan Avenue, gibt es eine erstklassige Gelegenheit, sich einen Blick aus der Vogelperspektive zu gönnen. Der alte „Gentlemen Club" der „Chicago Athletic Association" wurde zum Hotel umfunktioniert und gestattet schwindelfreien Gästen den Besuch seiner spektakulären Dachterrassen-Bar. Das „Must-do" für Chicago-Freunde. Perspektivenwechsel: Die Stadterkundung per Boot auf dem Chicago River ist im wahrsten Sinne äußerst erbaulich. Während die Uferlinien beidseitig von Wolkenkratzern aller Stilepochen gesäumt sind, rauscht zwischendrin die „L", die „Elevated" – die Chicagoer Hoch- und U-Bahn – über die Brücken. Eine Kulisse, ein Faszinosum, das seinesgleichen sucht. Maiskolben dürften für die „Marina City", die 1964 als „Stadt in der Stadt" entstand, Pate gestanden haben. Gigantisch: In den ersten 19 der insgesamt 61 Stockwerken ist das Parkhaus untergebracht. Es erweckt den Eindruck, als sei es völlig offen. Gerade deshalb wird es gerne für aufregende Verfolgungsszenen von Action-Filmen genutzt. Trotz alledem ist Radfahren nichts Ungewöhnliches in dieser Millionenstadt. Bis in die 1970er Jahre produzierte „Schwinn" hier seine trendigen Zweiräder. Michael Salvatore entdeckte diese Marktlücke vor wenigen Jahren und nutzte sie. In seinem Unternehmen „Heritage Bicycles" im Lincoln Quarter fertigt er formschöne Fahrräder für den Stadtverkehr. Seine Werkstatt ist gleichzeitig auch ein Café. „Rad reparieren lassen, Latte Macchiato genießen", schmunzelt der smarte Sympath mit Vollbart. „Oder nach dem Kaffeetrinken, ein Rad kaufen." Spricht’s und schon steht ein VIP vor seiner Ladentheke: Dr. Lawrence Kutner, Sportmediziner aus der Serie „Dr. House", im wahren Leben ist er der demokratische Politiker Kal Penn. Auch er findet Gefallen am „Heritage Bicycle" und lässt sich eines nach seinem Gusto zusammenstellen. Apropos guter Geschmack: Was das anbelangt, kann Robert Birnecker auch einiges bieten. Edles Hochprozentiges, gebrannt nach alter Tradition. Die Vorfahren des Österreichers produzierten jahrzehntelang erlesene Fruchtweine und -schnäpse. Der Volkswirtschaftler wuchs also auf mit dem berauschenden Duft von Alkohol. Vor zehn Jahren wagte er sein Experiment: Er eröffnete seine Destillerie für Whisky und Gin namens „Koval" in Chicago. Somit die erste Destillerie seit etwa 1850. Damit setzte er sich hinweg über den zweifachen Rat seines Großvaters, der ihm empfahl: „Mach was Gscheits’, Junge, die Schnapstrinker sterben aus". Gut, ersteren beherzigte Birnecker und hat großen Erfolg damit, wie er mit seiner ständigen Erweiterung beweist. Erfolg hat er nicht zuletzt, weil sein Großvater die falsche Prognose stellte, was die Beliebtheit von Hochprozentigem anbelangt. Leicht war sein Start allerdings nicht, denn „die erste Obstlieferung aus Washington blieb auf der Strecke. Sie erfror in Missouri", so Birnecker. Davon ließ er sich aber nicht entmutigen. Er schwenkte um auf Getreide und seitdem veredelt er mit seiner Apparatur aus dem Schwabenland Roggen, Hirse, Mais. Mittlerweile verkauft er seinen weißen, in Eichenfässern gereiften, koscher zertifizierten Whiskey und Gin aus Obst in 24 Ländern. „Wir können eben nicht nur Mozartkugeln", flachst der Österreicher und lacht.

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