Vielfältig: Luxemburg hat von modernen Gebäuden bis hin zu 1.000 Jahre alten Festungsanlagen alles zu bieten. - © picture alliance / robertharding
Vielfältig: Luxemburg hat von modernen Gebäuden bis hin zu 1.000 Jahre alten Festungsanlagen alles zu bieten. | © picture alliance / robertharding

Luxemburg Zwergstaat mit Riesenpotenzial

Den zweitkleinsten Staat Europas kennt jeder, doch wer war schon da? Luxemburg ist das perfekte Ziel für einen Kurzurlaub, weil es auf engstem Raum eine Überraschung nach der anderen bietet

Michaela Strassmair

Besonders attraktiv sieht sie nicht aus, doch jeder, der den Gourmetshop von Guill Kaempff betritt, fragt als erstes danach: Rieslingpastete, Pâté au Riesling oder wie die Fleischpastete auf Luxemburgisch heißt „Rieslingspaschtéit". Die Nationalspeise im goldbraunen Teigmantel wurde hier beim Hoflieferanten des Großherzogs vor bald 100 Jahren erfunden. „Das war mein Großvater", erklärt Guill 
Kaempff stolz, „das Rezept halten wir seitdem geheim". Nur so viel ist dem hochgewachsenen Mann, der seine ersten Berufserfahrungen beim Münchner Delikatesshändler Käfer machte, zu entlocken: Kalbfleisch mit Riesling und Gewürzen 48 Stunden marinieren, dann im Teig backen und über ein Loch in der Mitte, aus dem der Dampf entweicht, zuletzt Rieslinggelee einfüllen. Nach dem Abkühlen gibt es die Pastete in Scheiben geschnitten als Vorspeise oder als Canapé zum Aperitif. „Wollen Sie ein Kippschen dazu", fragt Herr Kaempff und blickt auf die Uhr. Sobald die Uhrzeit zweistellig ist, sei das in Luxemburg erlaubt, erklärt er und lacht. „Kippschen", das ist ein Glas heimischer Cremant, der überall im zweitkleinsten Staat Europas auf dem Tisch zu stehen scheint. „Lëtzebuergesch", die luxemburgische Sprache, erfuhr mit den Sozialen Medien einen regelrechten Boom und wird mittlerweile auch als Schriftsprache in der Schule unterrichtet. Doch jeder Luxemburger spricht auch Deutsch, das ab der ersten Klasse gelehrt wird, sowie Englisch und Französisch. Die Geografie des letzten Großherzogtums der Welt ist mitverantwortlich für die Multilingualität in dem kleinen Land: Luxemburg wird Westen von Deutschland, im Süden von Frankreich und im Osten von Belgien begrenzt. 180.000 Menschen pendeln täglich in den Zwergstaat, in dem der Verdienst deutlich besser ist. Die größten Arbeitgeber sind 120 Banken und etliche EU-Institutionen aus den Bereichen Recht und Finanzen. Diese versammeln sich alle auf dem Kirchberg, dem modernen Stadtteil von Luxemburg City, wo sich Architekten wie Ieoh Ming Pei verewigt haben, welcher auch die Glaspyramide am Louvre baute. „Mudam" heißt das Museum für zeitgenössische Kunst, das mit Gebäuden wie der futuristischen Philharmonie des weltbekannten Architekten Christian de Portzamparcs einen kleinen Vorgeschmack davon gibt, was in dem überschaubaren Land kulturell alles geboten wird. Nur einen kurzen Spaziergang über eine der vielen Brücken über den Fluss Alzette entfernt, liegt eine ganz andere, mehr als 1.000 Jahre alte Welt: Die mächtige, mittelalterliche Festungsanlage, die in steil aufragende Felsterrassen gebaut ist und mit der Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Wer sich auf eigene Faust rasch einen Überblick verschaffen will, geht den historischen Wenzelweg entlang, der die Ober- und Unterstadt verbindet und spektakuläre Ausblicke auf das Flusstal, den Bockfelsen, die Abtei Neumünster oder den Großherzoglichen Palast bietet. In der Luft liegt eine erstaunliche Ruhe und Gelassenheit für eine Stadt mit 111.000 Einwohnern aus 170 Nationen. Dieses entspannte Lebensgefühl zieht sich durch das ganze Land über die vielen Hügel und Täler mit idealem Terrain für Fahrradfahrer, die es gemütlich, aber doch ein wenig anstrengend mögen. 660 Kilometer Radwege und viele Fahrradleihstationen laden dazu ein, Luxemburg aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Im Norden in den Ardennen finden auch Wanderer paradiesische Verhältnisse. Zwei Naturparks mit Rundwanderwegen und mehrtägigen Trails wie dem „Eisleck" führen durch unberührte Wälder, über grüne Wiesen auf Hochplateaus hinauf, hinab in Schluchten und an Flüssen und Felsen entlang. Dazu braucht es nicht einmal die eigene Wanderausrüstung, denn diese kann man sich zum Beispiel im Mullerthal im Wandertestcenter ausleihen. Das Motto heißt hier: Mit den Stöckelschuhen einchecken und voll ausgerüstet auf Tour gehen. Nach so viel Natur ist es Zeit für ein bisschen Kultur, die hier praktischerweise immer nur einen Katzensprung entfernt ist. Am westlichen Rand der Ardennen liegt das Schloss Vianden, das als eines der beeindruckendsten der rund 100 Schlösser und Burgen Luxemburgs gilt. Die riesige, feudale Residenz aus dem Mittelalter thront auf einem markanten Hügel und ist eine beliebte Filmkulisse, zum Beispiel für „Die drei Musketiere" oder „Sherlock Holmes" mit Christopher Lee. Einen ganz anderen Museumsbesuch – Kunst gepaart mit viel Gefühl – erleben wir in der Schlossanlage von Clervaux bei der UNESCO-Weltdokumentenerbe Fotoausstellung „The Family of Man" des berühmten Fotografen Edward Steichen. Steichen war Luxemburger, Kriegs- und Modefotograf und Direktor des New Yorker Museum of Modern Art. In den 50er Jahren stellte er 490 Schwarzweißbilder von Fotografengrößen wie Henry Cartier-Bresson zusammen, die das Leben in 68 Ländern von der Geburt bis zum Tod dokumentieren. Damit wollte er zeigen, dass Menschen auch in Respekt, Toleranz und Frieden zusammenleben können. Dies wird im Südosten des Landes in Perfektion zelebriert. Winzer produzieren in den Weinbergen an der Mosel neben den Weißweinen Riesling, Elbling, Rivaner sowie Weißburgunder gut drei Millionen Flaschen Cremant pro Jahr. Nur 40 Prozent dieser prickelnden Getränke werden exportiert, der Rest bleibt im Land und wird zu Rieslingpastetchen gereicht. „Wir Luxemburger lieben eben Essen und Trinken" sagt Feinkosthändler Guill Kaempff und lächelt verschmitzt.

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