Einsam und ruhig: Das flämische Brügge mit seinen Grachten hat im Winter seinen ganz eigenen Charme. - © Bernd F. Meier
Einsam und ruhig: Das flämische Brügge mit seinen Grachten hat im Winter seinen ganz eigenen Charme. | © Bernd F. Meier

Belgien Zwischen Grachten und Giebeln

Über fünf Millionen Besucher kommen jährlich nach Brügge. Im Sommer ächzt die Stadt unter den Reisenden. Im Winter kommen die Kenner in die mittelalterliche Metropole, die als „Venedig des Nordens“ mit ihrem historischen Erbe glänzt

Bernd F. Meier

Ein Sonntagmorgen in Brügge: Laut hallen die Schritte auf dem Pflaster von den schlanken Giebeln wider. Nur dann und wann ein eiliger Passant, der sich im Gewirr der schmalen Gassen verliert. Von der nahen Nordsee bläst eine frische Brise über den Burgplatz, dem Herz des mittelalterlichen Brügge. Und vom schlanken Belfried, dem Wahrzeichen der Stadt aus dem 15. Jahrhundert, wehen die hellen Töne des Glockenspieles über Grachten und Giebel. Sonntagmorgen in Brügge, in diesen Winterwochen: Dann fehlen die vielen Fremden, die zwischen Ostern und Oktober die Straßen bevölkern und sich auf dem Markt und dem Burgplatz drängeln. Mehr als fünf Millionen Tagesbesucher sollen es nach vorsichtigen Schätzungen sein – Brügge ächzt dann unter dem Ansturm der Fremden. Overtourism, so heißt das neue, modische Schlagwort dafür. Sie kommen mit Autos aus aller Herren Länder, herüber mit der Eisenbahn von England und mit Bussen vom Hafen Zeebrügge, wo die Kreuzfahrtschiffe an manchen Sommertagen Tausende Reisende ausspucken. Gruppenweise tauchen diese Touristen ein paar Stunden ins tiefe Mittelalter ein und posieren für Selfiebilder vor der historischen Kulisse. Im Winter ist es still im „Venedig des Nordens", wie Brügge wegen seiner Grachten auch genannt wird. Dann haben die meisten Souvenirläden und Biershops geschlossen, die kleinen Rundfahrtboote liegen fest vertäut an den Anlegestegen. Nur hin und wieder zur Mittagszeit, wenn die Sonne wärmende Strahlen schickt, tuckert einer der kleinen Kähne mit Touristen los. Und die wenigen Besucher genießen das stille Glück, vom Wasser aus den Einheimischen beim Leben und Treiben zuzuschauen. Zum Aufwärmen werden die Besucher hinterher womöglich in eines der zahlreichen Museen gehen: Das Groeninge-Museum am Dijver mit der bedeutenden Sammlung aus fünf Jahrhunderten flämischer Malerei, Renaissance- und Barockmeistern, bis hin zur Moderne. Nebenan bietet das Gruuthusemuseum im ehemaligen Palais der Herren von Gruuthuse eine Übersicht über kunsthandwerkliche Arbeiten des späten Mittelalters, Wandteppiche, Möbel, Silberarbeiten und Keramik. Nur ein paar Schritte weiter die Liebfrauenkirche aus dem 13. Jahrhundert: Michelangelos Madonna mit dem Kind aus weißem Marmor, eine Darstellung von seltener Harmonie und Schönheit. Tagelang können Kunstinteressierte durch Brügges Kirchen und 30 Museen streifen, sich dabei in das 15. und 16. Jahrhundert zurück versetzt fühlen. Unermesslich reich war die Hansestadt durch den internationalen Handel, mit 150.000 Bewohnern eine der größten Städte. Der mittelalterliche Stadtkern blieb bis heute nahezu vollständig erhalten, seit 2.000 zählt das Zentrum daher zum UNESCO-Weltkulturerbe. Darüber hinaus war Brügge im Jahr 2002 europäische Kulturhauptstadt. Handelshäuser und Höfe aus dem Mittelalter künden auch heute noch vom Glanz jener Zeiten: An Spinolarei, Biskajersplein und Spanjaardstraat standen einst die Handelshäuser reicher Venezianer und Spanier: Mit Tuch aus Flandern handelten sie, dazu mit Spezereien und mit Häuten. Bereits im 12. Jahrhundert wurde Brügges Reichtum an Bau- und Kunstwerken begründet: Damals erlangte die Stadt europäische Bedeutung: Schwerbeladene Segelschiffe fuhren mit ihren Frachten von der Nordsee kommend über den zwölf Kilometer langen Meeresarm Zwin bis an die Kais in der Stadt. Bis zu 150 sollen es der Überlieferung nach an manchen Tagen gewesen sein. Später versandete das Gewässer; Sluis und Damme – noch heute über idyllische Kanäle verbunden – wurden vorübergehend zu Vorhäfen der Handelsmetropole. Heute ist auch dieses Kapitel längst abgeschlossen: Zeebrügge wurde in den vergangenen 30 Jahren zum Hafen für die Containerschifffahrt und die Autoverladung. Immer weiter fressen sich die Hafenanlagen mit turmhohen Verladebrücken in das plattgrüne Polderland hinein und bedrohen bereits kleine Ortschaften wie etwa Zankendamme und Lissewege. Im Mittelalter weiteten sich die Beziehungen Brügges bereits bis nach Osteuropa aus. 1478 bauten die Oosterlinge (Östlinge = aus dem Osten kommend) am Osterlingenplein ihr eigenes Handelskontor. Heute sagen die alten Namen der Straßen, Kais und Plätze den flüchtigen Besuchern Brügges nur wenig. So verirren sich denn auch nur wenige Reisende bei einem Stadtspaziergang in das Quartier der stattlichen Handelsbüros und Lagerhäuser nordöstlich von Burgplatz und Markt. Bekannter ist freilich der Beginenhof aus dem Jahr 1245, winterstill mit den kahlen Pappeln. Auch hier gibt es ein Museum, das vom Leben der frommen Beginen berichtet und hinüberleitet zu den heutigen Bewohnerinnen, den Schwestern des Benediktinerinnen-Ordens. Früh fällt die Dunkelheit über die Gassen und Plätze. Die Reisenden haben längst eines der zahlreichen Bistros und Restaurants aufgesucht, wo neben Deftigem aus der flämischen Küche auch Klassisches aus Frankreich serviert wird. Genaue Suche im Internet ist hier angebracht – so manches Restaurant entpuppt sich als üble Touristenfalle. Als Faustregel mag gelten: Je näher an Markt und Burgplatz, desto höher sind die Preise! Über allem wacht der ins Licht getauchte Belfried, 83 Meter hoch, und der wichtigste Turm der Stadt. Genau 366 Stufen führen zur Aussichtsplattform mit der atemberaubenden Aussicht auf Grachten und Giebel sowie das grüne Bauernland ringsum.

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