Ein Traum in Weiß: Mit der schneesicheren Höhenlage von 1.550 Metern garantiert Niederthai ab Dezember durchgehend ideale Langlaufbedingungen – für alle Schwierigkeitsgrade. - © Bernd Ritschel
Ein Traum in Weiß: Mit der schneesicheren Höhenlage von 1.550 Metern garantiert Niederthai ab Dezember durchgehend ideale Langlaufbedingungen – für alle Schwierigkeitsgrade. | © Bernd Ritschel

Österreich Langlauf mit Schuss

Laufen, zielen, abdrücken: Biathlon begeistert. Passend zu den Olympischen Spielen in Südkorea hat sich unser Autor in Niederthai im Ötztal selbst in der Loipe und am Gewehr versucht

Michael Nolting

Ein leicht angetrunkenes Pony bewegt sich auf Skiern sicher ähnlich unbeholfen wie ich mich auf den zwei ultraschmalen Latten ohne Ecken und Kanten. Biathlon ist der Grund meiner Malaise. Ich bin begeisterter TV-Biathlet, ein ordentlicher Skiläufer und auch auf Schlittschuhen fühle ich mich wohl. Die besten Voraussetzungen für einen Selbstversuch – denke ich noch im Spätherbst, als ich mich dazu anmelde. Nun stehe ich in Niederthai im Ötztal – 1.536 Meter hoch, knapp 400 Einwohner, 1.000 Gästebetten – auf dem Trainingsgelände, das flach wie ein Bügelbrett ist – so mein oberflächlicher Eindruck. Beim Blick in den Wolken verhangenen Morgenhimmel bin ich immer noch guten Mutes. Doch schon der erste Schritt auf den 190 Zentimeter langen Skatingskiern bläst meinen Optimismus fort wie die Schneefräse die dreißig Zentimeter Neuschnee an der Einfahrt des kleinen Parkplatzes vor dem Schießstand. Ich wackele bedenklich, wie die achtköpfige Versuchsgruppe insgesamt einen reichlich instabilen Eindruck macht. Als auch mein zweiter Schritt leicht danebengeht, grinst mich Skilehrer Michi (Niederthaier, Nebenerwerbslandwirt und Noch-alles-Mögliche-Macher) an: „Skifahrer, sieht man." Ein Kompliment? „Vergiss alles, was du gelernt hast!" Also kein Kompliment! Im Gegenteil: Ich mache offensichtlich so ziemlich alles falsch. Diese High-Tech-Latten sind ultraglatt, es gibt kein Halten mehr, wie bei den klassischen Langlaufskiern, die zumindest unter den Füßen eine Brems-, eigentlich natürlich Steighilfe haben. Auch wenn meine Arme zuweilen eher Ruderbewegungen vollführen und von vernünftigem Stockeinsatz keine Rede sein kann – Durchhalten ist angesagt. Bloß nicht aufgeben. Es sind immer noch sieben Grad minus, immer noch keine Spur von Sonne, aber der Schneefall hat nachgelassen. Bei mir stellt sich langsam das Gefühl wie nach einem Saunaaufguss ein. Meine Motivation: Die Senioren-Skiwandergruppe aus Nordholland überholt mich auf gar keinen Fall. Nach einer Stunde kommt so langsam Schwung in meine Bewegungen. Die Skier gleiten. „Geht doch, achte auf deinen Rhythmus," ruft mir „Michi" Michael Leiter zu, während er elegant und scheinbar völlig mühelos an mir vorbeischwebt. Runde um Runde kämpfe ich mich voran und spüre, dass das Niederthaier Hochtal doch so seine Höhen und Tiefen hat. „Was beim alpinen Skifahren ein Hügel ist, ist für Skater ein Berg," weiß der „Michi" – und hat sowas von recht. Aber zum Biathlon gehört nicht nur Skaten, sondern auch Treffsicherheit. Also ab auf den Schießstand. „Das ist hier wie bei den Profis", erfahren wir. Fünfzig Meter, fünf Schuss auf schwarze Scheiben, erst liegend, dann stehend. Auf und nieder zum Liegendschießen und das mit den Latten an den Fußspitzen. Gar nicht so einfach, das Aufstehen sorgt zuweilen für ungewollte Situationskomik. Warum ich wohl mitten im Januar an Maikäfer denken muss . . . Endlich bin ich dran, lege mich in Positur, ziele, schieße – mit dem Lasergewehr, es kann also nix passieren – und treffe natürlich erstmal nicht. Aber danach: Fünf Schüsse, vier Treffer. Ich balle innerlich die Faust und lasse ein euphorisches „Ja" hören, damit auch jeder mitkriegt wie zielsicher ich gerade war. „Nun bleib mal auf dem Teppich", höre ich den Trainer. Er zeigt auf die rote Fahne neben den schwarzen Scheiben und erklärt mir, dass ich nur die großen Scheiben für Anfänger getroffen habe. Groß finden die Biathleten einen Durchmesser von 11,5 Zentimetern. Liegend zielt die Elite regelgerecht auf kleine Scheiben, die gerade mal einen Durchmesser von 4,5 Zentimetern haben. Meine Vorbereitungen auf die Biathlon-Wettbewerbe der Olympischen Spiel in südkoreanischen Pyeongchang finden schließlich noch ein fröhliches Ende im Schatten des riesigen Schneemannes und beim Fachsimpeln bei einer zünftigen Brettljause. Wer auch einmal seinen Logenplatz vorm Fernseher gegen Live-Erfahrungen in der Loipe tauschen möchte, der kann mit der Niederthai-Karte kostenlos einen Schnupperkurs buchen, um anschließend noch mehr Respekt vor den Profis zu haben. Wer es gemütlicher mag, der nutzt die Karte zum Beispiel für eine romantische Laternenwanderung zum nächtens beleuchteten Stuibenfall. Rund zwei Stunden lang führt die geführte Tour querfeldein zum größten Wasserfall Tirols. Gern übernimmt Ludwig Grießer die Führung. Der 72-Jährige ist mit Leib und Seele Niederthaier und wirbt nach Kräften für das „Dorf am Rande der großen Skigebiete" Sölden, Kühtai, Ötz und Co. Liegen mehr oder weniger auf dem Weg. Zwischen 40 und 150 Kilometer Skipisten und reichlich Après-Ski haben die Nachbarn im Angebot. Da können und wollen die Niedethaier nicht mitmachen. „Als es vor einigen Jahren darum ging, einen neuen Pistenbereich zu erschließen, haben wir uns dagegen entschieden," weiß Grießer. Nun besetzen die Niederthaier eine Tourismus-Nische: Drei Hotels und reichlich Ferienwohnungen, bestens präparierte Loipen, abwechslungsreiche Winterwanderwege, drei Pistenkilometer für den Nachwuchs, Schneesicherheit, ein wunderschönes Winterwunderland, natürlich Biathlon für Anfänger – und fast alles zum Nulltarif. Ich werde meine neugewonnen Biathlon-Erfahrungen natürlich an diesem ersten Olympia-Wochenende Revue passieren lassen, wenn ich den Profis aus der ersten Reihe vor dem Fernseher staunend zusehe.

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